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Interview "Eine radikal neue Welt"

Pierre Boulez wird mit dem Giga-Hertz-Preis geehrt

Pierre Boulez, geboren 1925 in Frankreich, gehört zu den beeindruckendsten Figuren der Musikwelt. Berühmt und mit wichtigen Preisen bedacht vor allem als Dirigent und Komponist, setzte er sich sein Leben lang für die zeitgenössische Musik ein. Wegweisend und oft provokant war und ist dabei seine stete Suche nach echter musikalischer Erneuerung. Julia Bömers sprach im Vorfeld der Giga-Hertz-Preisverleihung mit dem in Baden-Baden lebenden Komponisten.

Herr Boulez, der Giga-Hertz-Preis ehrt Ihre Verdienste um die elektronische Musik, mit der Sie sich früh beschäftigten. Was suchten Sie darin?

Eine Erweiterung der klanglichen Möglichkeiten. Halbtöne oder ein verstimmtes Klavier reichten mir nicht. Erst mit dem IRCAM aber konnte ich meine Phantasien allmählich mithilfe intelligenter, dialogfähiger Werkzeuge umsetzen. Diese Suche nach Erweiterung, Erneuerung hatte auch mit der Vergangenheit zu tun: Nach sechs Jahren Krieg hatten wir keine Lust, das Alte wiederzufinden. Wir wollten eine neue, eine radikal neue Welt, uns von unseren Vorgängern – Schönberg, Strawinsky, Bartok – befreien. In der Elektronik sah ich ein Mittel weiterzukommen.

In Schriften von Ihnen oder über Sie wird viel von Struktur und Material gesprochen. Beim Hören Ihrer Werke aber ensteht der Eindruck einer persönlichen und sehr reichen Gefühlswelt. Worum geht es Ihnen beim Komponieren?

Um den Selbstausdruck! Die Struktur ist nur ein Vehikel, dient nur dazu, den Ausdruck zu erschließen. In jungen Jahren waren meine Stücke viel strenger, viel rigider strukturiert, weil ich erst eine neue Ordnung finden musste; doch dann konnte ich die Freiheit wiederentdecken. Meine Stücke spiegeln immer meine Persönlichkeit, denke ich, dichter und deutlicher als im Leben sogar.

In Ihrer Suche nach Neuem waren Sie oft rebellisch; sind Sie es heute noch?

Meine Gedanken sind nach wie vor radikal, aber auf andere Weise. Man kann nicht der Gleiche bleiben! Heute rebelliere ich nicht gegen eine Ordnung, sondern etabliere eine provisorische Ordnung: im Wissen nämlich, dass jede Ordnung dafür gemacht ist, wieder verändert zu werden.

Haben Sie darum viele Ihrer Werke immer wieder umgearbeitet, beinahe neukomponiert?

Ja, sie sind für mich wie Personen, die im Gedächtnis bleiben, auch wenn ich mich gerade nicht um sie kümmere. Irgendwann merke ich, dass ein Werk von seinen Schwächen und Fehlern gehindert wird und ich es ändern muss, damit es seinen Weg weiter gehen kann.

Sie sind Komponist, Dirigent, Pädagoge, Schriftsteller. Als was fühlen Sie sich vor allem?

Als Komponist. Aber das Andere mischt sich hinein; ich habe viel vom Dirigieren gelernt, Dinge wie die Entfaltung von Zeit in der Musik. Beim Komponieren bleibt alles in der Vorstellung, beim Dirigieren aber konnte ich mit dem Zeitfluss spielen.

Was tun Sie wesentlich beim Dirigeren?

Ich kommuniziere. Ich spreche mit Gesten. Bei den Proben etablieren die Musiker und ich den Kontakt, die Musiker lernen meine Gestik kennen. Wenn ich dann im Schwung der Aufführung etwas anders mache als zuvor, verstehen sie das und können mir folgen.

Das wirkt manchmal wie Zauberei.

Es ist auch ein bisschen wie Zauberei – aber eine sehr gut vorbereitete!

1967 kritisierten Sie den Konservatismus der Musikinstitutionen: Am besten solle man die Opernhäuser in die Luft sprengen. Sagen Sie das heute noch?

Nein, ich mache jetzt andere Sachen. Die Lucerne Festival Academy zum Beispiel, in der ich jungen Musikern in eingehender, praktischer Arbeit die Welt heutiger Musik eröffnen möchte.

Hat sich das, was Sie kritisierten, verändert?

Nein, das ändert sich nie. Es ist eine Sisyphos-Arbeit. An der Oberfläche hat sich viel getan, doch darunter gibt es immer noch einen tiefen Konservatismus. Die Leute sind gleichgültiger; die großen Organisationen streuen immer mal Zeitgenössisches in ihre Programme ein, kurz und übersichtlich: nur zum Schein eigentlich. Das ist Faulheit!

Was sind Ihre nächsten Ziele?

Meine Werke. Ich dirigiere weniger und konzentriere mich auf das Komponieren. Ich habe noch viel vor, wünschen Sie mir Gesundheit!

Ist das Neue nach wie vor so wesentlich für Sie?

Unbedingt! Ohne Neugier verkümmert man. Ein Komponist sollte immer weit voraus schauen, das Neue suchen: Er sollte ein Vordenker sein.

Wiedergabe des Interviews mit freundlicher Genehmigung der Badischen Neuesten Nachrichten.

Letzte Änderung am: 08.12.2011, 12.16 Uhr