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Preis der deutschen Schallplattenkritik, Bestenliste 4/2011
Die Individuation des Einzeltons war Ausgangspunkt von Luigi Nonos Arbeit mit Live-Elektronik. Im Freiburger EXPERIMENTALSTUDIO suchte der Komponist in seinen letzten Lebensjahren nach neuen Wegen, nach neuen Klängen. Eines der radikalsten Werke, die hierbei entstanden, ist "Risonanze erranti" für Altstimme, Flöte, Tuba, Perkussionisten und Live-Elektronik, das vom EXPERIMENTALSTUDIO des SWR in der Weltersteinspielung auf SACD vorgelegt wird.
Risonanze erranti a Massimo Cacciari (1986/1987)
für Altstimme, Flöte, Tuba, Perkussionisten und Live-Elektronik
ENSEMBLE EXPERIMENTAL: Susanne Otto, Alt • Roberto Fabbriciani, Flöte • Klaus Burger, Tuba
Les Percussions de Strasbourg: Jean-Paul Bernard • Bernard Lesage • François Papirer • Keiko Nakamura • Olaf Tzschoppe
EXPERIMENTALSTUDIO des SWR: Reinhold Braig / Joachim Haas / Gregorio Karman / André Richard
Detlef Heusinger, Leitung
SACD, Aufnahme: Dezember 2010, Hans-Rosbaud-Studio, SWR Baden-Baden (Weltersteinspielung)
Von zentraler Bedeutung für Nono auf dem Weg zum Prometeo und nach diesem war seit 1979 die Fülle neuer klanglicher Möglichkeiten, die ihm die Live-Elektronik des Freiburger EXPERIMENTALSTUDIOS bot. Kaum ein Werk ist für die Suche nach Nonos neuen Wegen nach dem Prometeo in seiner Radikalität so herausragend wie die 1986 entstandenen Risonanze erranti. Sie wurden am 15. März 1986 in Köln mit Susanne Otto unter der Leitung des Komponisten und des Dirigenten Peter Hirsch erstmals aufgeführt und für eine Reihe von Folgeaufführungen vom Komponisten noch mehrmals überarbeitet.
"Irrende Resonanzen" der Instrumente wie der Singstimme. Für die letzte Fassung hat Nono von vier Gedichten von Herman Melville (1819–1891) aus dessen Battle Pieces und aus Ingeborg Bachmanns Gedicht Keine Delikatessen nur einzelne Worte ausgewählt: "deep abyss", "pain crime", "Hunger – Tränen – Finsternis", "despairing", "death", "Verzweiflung": Eine Landschaft der Verlassenheit, Hoffnungslosigkeit und des Todes. Die Risonanze erranti sind Luigi Nonos "Winterreise", an deren Ende ein Fragment finale sospeso! mit Fragen – ich? du? er? sie? es? wir? ihr? – die letzte mit der Vortragsbezeichnung "duro, wie Anklage, lasciando sospeso" versehen.
Doch es gibt noch eine weitere, eine historische Dimension: "Echos von Guillaume de Machaut, Josquin Desprez und Johannes Ockeghem" nennt sie das Titelblatt der Partitur, doch nur je zwei, drei Anfangstöne dieser Werke Alter Musik aus den fernen 14. und 15. Jahrhunderten hat Nono zitiert. Sie werden von der Singstimme wie den Instrumenten gesungen und durch die Live-Elektronik in immer neue Klangräume gebracht; dagegen verwenden die Fragmente von Melville aus dem amerikanischen Bürgerkrieg und aus Ingeborg Bachmanns katastrophischem dreißigsten Jahr je eigene Klangräume.
"Sie hat nicht Rollen gesungen, sondern auf der Rasierklinge gelebt" schrieb Ingeborg Bachmann über Maria Callas. Genau solche Grenzsituationen auch bei Melville, Bachmann und Luigi Nono. Mit dem Ziel – so Nono – für den Hörer "alles zu erweitern, alles zu vertiefen, um andere Änderungen zu schaffen, Veränderungen, menschliche, Gefühl, sozial, Reform, Denken".
[Auszüge aus dem Begleittext von Jürg Stenzl]
Letzte Änderung am: 01.12.2011, 15.53 Uhr