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SWR Vokalensemble Stuttgart  Plädoyer für einen bedeutenden Außenseiter

Das SWR Vokalensemble singt Werke von André Jolivet

Preis der Deutschen Schallplattenkritik 3/2010

CD

Titel der Reihe:
André Jolivet: Épithalame · Madrigal · Missa Uxor Tua
Interpret:
SWR Vokalensemble Stuttgart, Mitglieder des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart
Komponist:
André Jolivet
Dirigent:
Marcus Creed
Label:
Carus-Verlag, 2010
Länge:
59:24 min.
Bestellnummer:
CV NR: 83.445/00

André Jolivet war unter den französischen Komponisten seiner Zeit ein Außenseiter, der sich den Zwängen von Schulen und Stilrichtungen bewusst und erfolgreich verweigerte. Am 8. August 1905 in Paris geboren, studierte er bei Paul Le Flem, einem Komponisten neoklassizistisch-folkloristischer Prägung, der als Harmonie- und Kontrapunktlehrer einen ausgezeichneten Ruf hatte und Jolivet mit solidem kompositorischem Handwerk ausstattete.

Le Flem war es auch, der seinen Schüler an Edgard Varèse vermittelte. Anstelle von tonalen Bezügen komponierte Varèse mit Zentraltönen, von denen aus sich Klangfelder im Tonraum zweier Quarten aufspannen. Auf dieses kompositorische Prinzip griff Jolivet in seinen frühen Werken zurück.

André Jolivet gilt heute neben Olivier Messiaen als der bedeutendste französische Komponist seiner Generation.

Épithalame, ("Hochzeitslied") für Solistenchor a cappella (1936), ist eine "vokale Sinfonie für zwölf Stimmen" über die Macht der Liebe und Sinnlichkeit, in der Jolivet in beeindruckender Weise die stilistischen Errungenschaften seiner musikalischen Sprache den physiologischen und psychologischen Gegebenheiten der Vokalkunst anpasste. "Zur Feier meines 20. Hochzeitstages habe ich ein selbst verfasstes Gedicht vertont, das auf sakralen Texten ägyptischen, indischen, chinesischen, hebräischen und griechischen Ursprungs basiert – ein Gedicht, das die Liebe zwischen Mann und Frau feiert. Um den Mangel an musikalischer Akzentuierung in der französischen Sprache auszugleichen, habe ich von zahlreichen Wortformen Gebrauch gemacht, die zu einer Dynamisierung der Klänge führen. Dieses Kompositionsverfahren hat es mir möglich gemacht, die menschliche Stimme quasi sinfonisch einzusetzen und so nahezu orchestrale Effekte zu erzielen."

In Madrigal (1963) für vier Stimmen und vier Instrumente (bzw. für gemischten Chor und Streichorchester) nach einem Gedicht des französischen Malers und Schriftstellers Max Jacob übernehmen am Anfang die Vokalstimmen eine führende Rolle, während die Instrumente als diskrete Begleiter auftreten: Im ersten Teil Amour, ô mer…, der nicht nur am Anfang Züge einer rituellen Beschwörung annimmt, beschränken sich die Instrumentalisten auf wenige getupfte Einzeltöne bzw. Orgelpunkte. Auch im zweiten Abschnitt (Mère de Dieu) dominieren noch die Gesangstimmen, wobei das kleine Instrumenten-Ensemble dennoch wesentlich zum Lyrismus und zur Ausdrucksstärke dieses verhaltenen Klageliedes der "Mutter Gottes" beiträgt. Erst im bewegteren dritten Teil, L'Aurore, in welchem das atemberaubende Naturschauspiel eines "perlmuttfarbenen Morgens" beschworen wird, erscheint das Verhältnis zwischen Instrumental- und Vokalsatz ausgewogen.

Bereits zuvor, genauer 1962, komponierte Jolivet anlässlich der Hochzeit seines Sohnes die bis heute nahezu unbekannt gebliebene Missa Uxor Tua für fünf Soli und fünf Instrumente, welche ein Jahr darauf im Auftrag des französischen Rundfunks für Chor überarbeitet wurde. In dem Werk werden Teile des Ordinarium Missae (Kyrie, Sanctus, Benedictus, Agnus Dei) mit Auszügen aus der Hochzeitsliturgie "Missa pro sponso et sponsa (Graduale, Alleluia, Segen) kombiniert – ergänzt um einen Offertorium überschriebenen, rein instrumentalen Teil, der an dritter Stelle steht. Die Musik wird, etwa im Benedictus, von eigenwilligen Farbschattierungen wie Flatterzunge in der Flöte und Flageolettklängen der Viola geprägt, sowie von einer allgemeinen Tendenz zur Verfremdung der Metrik, der vokalen Imitation orchestraler Farben sowie einer dissonanten Konfrontation verschiedener Tonräume oder Zentraltöne, deren harmonische Spannungen ohne Auflösung bestehen bleiben.

[Auszüge aus dem CD-Begleittext von Harald Hodeige]

Titel-Liste

01-03Épithalame20:27
04-06Madrigal13:24
07-13Missa Uxor Tua25:33

Letzte Änderung am: 11.06.2010, 09.55 Uhr