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Luigi NonoQuando stanno morendo. Diario polacco n. 2

für vier Frauenstimmen, Bassflöte, Violoncello und Live-Elektronik. Nach Texten von Czesław Miłosz, Endre Ady, Aleksandr Blok und Velemir Khlebnikov. Textzusammenstellung von Massimo Cacciari.

Heike Heilmann / Petra Hoffmann / Alexandra Lubchansky, Sopran • Susanne Otto, Alt • Roberto Fabbriciani, Flöte • Christine Theus, Violoncello
EXPERIMENTALSTUDIO des SWR: Michael Acker / Reinhold Braig / Joachim Haas, Klangregie
André Richard, Dirigent und Künstlerischer Leiter
Aufnahme: Januar 2007, Hans-Rosbaud-Studio, SWR Baden-Baden
Aufnahmeart: Stereo & multichannel (Hybrid)

Anfang der achtziger Jahre beginnt sich Luigi Nono mit den technischen Möglichkeiten der Klangverarbeitung in Echtzeit, der sogenannten Live-Elektronik, intensiv zu beschäftigen. Nach den ersten Erfahrungen, die er am Freiburger EXPERIMENTALSTUDIO mit Das atmende Klarsein und Io, frammento da Prometeo gesammelt hat, entsteht 1982 Quando stanno morendo. Diario polacco n. 2, ein Werk für zwei Soprane, Mezzosopran, Alt, Bassflöte, Violoncello und Live-Electronik.

Diario polacco n. 2 ist ein Werk, das nicht von einer vorgefertigten Struktur ausgeht: Der Entstehungsprozess dieser Komposition gründet auf die gelenkte Improvisation der mitwirkenden Musiker, mit denen Nono im Freiburger Studio seine Klang-Experimente durchführte. Für die Werkgenese sämtlicher Werke, die im Experimentalstudio in den 80er Jahren entstanden, spielte die Phase des Experimentierens eine herausragende Rolle.

Auch bei diesem Werk war der Anlass zur Komposition ein politischer: Nachdem Nono 1981 den Auftrag bekommen hatte, ein Werk für das polnische Festival "Warschauer Herbst" zu schreiben, wurde Polen im Dezember dieses Jahres von einem Militärputsch erschüttert, der die Auflösung der Gewerkschaft Solidarnosc und die Verhaftung von Intellektuellen und Gewerkschaftsmitgliedern zur Folge hatte.

Nonos "polnisches Tagebuch" versteht sich als eine Anklage gegen die Gewalt von Diktatur und Militärmacht: Sein politisches Engagement als Musiker ist stets von der Solidarität mit den Unterdrückten charakterisiert.

Die musikalische Gestaltung von Diario polacco n. 2 zeugt bis tief in die Faktur des Klangbildes von dieser kritischen Einstellung: "Heute mehr denn je trägt der Künstler die Verantwortung, keine endgültigen, zweckgerichteten Vorschläge zu machen". Die Offenheit der Form und der Werkgenese, die Beweglichkeit des Klanges, die unruhige und fragmentierte Textur setzen die im Zentrum des Werkes stehende Frage "Moskau – wer bist du?" mit unerhörter Kraft um und sind ein Zeugnis von Nonos reifem politischen Engagement.

[Aus dem Begleittext von Matteo Nanni]

Letzte Änderung am: 05.08.2011, 14.59 Uhr