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SENDETERMIN Do, 17.12.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Alternativen zu Psychopharmaka Weg von den Pillen mit Neurofeedback

Neurofeedback ist eine Methode, die Patienten hilft, sich selbst besser zu regulieren. Mit dem Gehirntraining gelingt es immer mehr Menschen Psychopharmaka abzusetzen und gesund zu werden.

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Wahrnehmung von Hirnaktivitäten

Psychopharmaka jeden Tag. So schafft Nico den Alltag. Er ist 15, hat ADHS und schluckt seit 7 Jahren diese Pillen. Doch er hat mit seinen Eltern entschieden, das zu ändern: "Es gibt zu viel Nebenwirkungen. Und deshalb haben wir beschlossen, echte Alternativen zu suchen. Und da haben wir das Neurofeedback entdeckt", erklärt der Schüler.

Neurofeedback ist ein Training am Computer. Nico wird dafür am Kopf verkabelt. Während der Arbeit werden seine Hirnströme gemessen. Dabei sitzt er passiv am Schirm und lässt das Programm auf sich wirken. Der Psychologe Ernst Hohn setzt Neurofeedback seit 10 Jahren ein. Seitdem hat er zahlreichen Menschen geholfen, ihre Medikamente abzusetzen. Gerade bei Krankheiten mit neurobiologischen Auffälligkeiten hat das Programm gute Chancen.

Das Training führt zur Wahrnehmung von Hirnaktivitäten beim Denken und Fühlen, die man sonst kaum spürt, weil sie praktisch automatisch gesteuert werden. Über die Ableitung der Hirnströme wird zum Beispiel Unaufmerksamkeit detektiert und an Nico zurückgemeldet. So lernt er, seine Unruhe zu steuern und aufmerksam zu bleiben. Das nennt sich Selbstregulation: "Das ist die Fähigkeit, die Zustände herbei zu holen, die man für bestimmte Aufgaben braucht", erklärt Psychologe Hohn. "In der Schule brauche ich zum Beispiel geteilte Aufmerksamkeit. Ich muss hören, muss sehen, muss aufmerksam sein. Und das können Kindern mit ADHS nicht. Durch diese Methode gelingt ihnen das wieder."

Wissenschaftler können Erfolge belegen

Wissenschaftlich durchleuchtet wird die Methode seit 20 Jahren von Dr. Ute Strehl an der Uni Tübingen. Ihre erste Studie hat sie zu Epilepsie durchgeführt. Dabei kam heraus, dass viele Betroffene lernen können, keine Anfälle mehr zu haben.

Doch am besten erforscht ist das Neurofeedback im Zusammenhang mit ADHS. Besonders aufschlussreich ist eine Studie mit ADHS-Kindern: "Dabei bekam die eine Hälfte das Neurofeedback, die andere Hälfte Medikation. Am Ende waren beide Gruppen identisch verbessert im IQ und in Aufmerksamkeitsleistungen", sagt die Psychologin. "Und bei Medikamenten ist es ja so, dass die Situation nach Absetzen wieder ist, wie zuvor. Demgegenüber zeigt die Forschung beim Neurofeedback einen nachhaltigen Erfolg."

Was dabei im Kopf genau passiert, ist noch unklar. Ute Strehl weiß aber, wann Neurofeedback helfen kann: "Gut untersucht ist es in erster Linie für ADHS. Auch für Epilepsie; im Ansatz für Migräne, für Tinnitus und für Schlafstörungen. Also im Grunde immer dann, wenn wir wissen, dass da neurophysiologisch eine Abweichung ist. Ein anderes Funktionieren, ein schlechteres Funktionieren."

Aber: Das Gehirn liebt Wiederholungen

Der Praktiker Ernst Hohn nutzt das Training deshalb auch bei Depression. Zum Beispiel bei Roswitha E.. Die 52 Jährige hatte Stress in der Familie und ihr Job wuchs ihr über den Kopf. Vier Jahre lang hat sie Psychopharmaka genommen. Die Gesprächsbegleitung bei Ernst Hohn hat sie sich selbst gesucht. Vor allem war es ihr Ziel, die Psychopharmaka wieder abzusetzen. Und das hat sie mit Neurofeedback geschafft. Auch ihre Rückenschmerzen hat die Krankenschwester mit dem Training in den Griff bekommen: "Wie ich dieses Neurofeedback einsetze, kann ich Ihnen nicht sagen", beschreibt die Krankenschwester. "Aber bisher hab ich nicht mehr zurückgegriffen auf die Medikamente. Ich bin auch total froh drüber."

Für Ernst Hohn ist dieser Erfolg keine Seltenheit. Auch der Transfer in die Selbstständigkeit scheint gut zu funktionieren. Es gibt aber auch Nachteile beim Neurofeedback: "Negativ ist, dass man 30 bis 40 mal hier her kommen muss," betont der Psychologe. "Vor allem ist wichtig: Übung macht den Meister. Es gibt ja Viele, die glauben, wenn sie was verstanden hat, dann könnte man das. Das ist natürlich ein Irrtum. Aus der Hirnforschung wissen wir: das Gehirn liebt Wiederholungen."

Deshalb muss Nico noch 20 Sitzungen machen. Doch erste Erfolge kann auch er schon verbuchen. Bis vor Kurzem hat er fünf Tabletten am Tag genommen, jetzt nur noch drei.

Neurofeedback scheint also eine effektive Alternative zu Psychopharmaka zu sein.
Doch bisher gibt es nun wenige Praxen, die das Training anbieten. Auch die Krankenkassen tun sich schwer mit der Übernahme der Kosten. Bei ADHS oder Migräne werden diese bereits in Einzelfällen erstattet. Zudem können Ergotherapeuten oder Psychotherapeuten mit Kassenzulassung das Verfahren im Rahmen einer Therapie anwenden, die dann auch von den Krankenkassen bezahlt wird.

aus der Sendung vom

Do, 17.12.2015 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.

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