Neues Fleischlabel

Gutes Gewissen für wenig Tierschutz

Elke Klingenschmitt; Onlinefassung: Stephan Braig

Kunden können sich künftig beim Kauf von Schweine- und Hähnchenfleisch an einem neuen Label des Deutschen Tierschutzbundes orientieren. Der möchte damit die Lebensbedingungen in der Massentierhaltung verbessern. Nur: Das Label ist teilweise ohne große Auflagen zu erhalten.

Zu wenig Platz im Stall, Stress beim stundenlangen Transport, schmerzhafte Eingriffe ohne Betäubung – das ist Alltag für deutsche Mastschweine und Masthähnchen. Ab Januar soll es in bestimmten Supermärkten jedoch Fleisch geben, das tierfreundlicher als bisher produziert wird. Der Deutsche Tierschutzbund hat dafür unterstützt vom Landwirtschaftsministerium ein neues Siegel entwickelt: das neue Tierschutzlabel.

Die beiden neuen Label des deutschen Tierschutzbunds:

  • Deutscher Tierschutzbund LAbel
  • Deutscher Tierschutzbund Label

Zunächst soll nur das Fleisch von Schweinen und Hühnern gekennzeichnet werden, keine Wurstwaren. Gekennzeichnet werden zwei Kategorien: Je nach Mast- und Schlachtbedingungen gibt es entweder die Auszeichnung "Einstiegsstufe" mit einem Stern oder die "Premiumstufe" mit zwei Sternen [Link]. Bewertet werden unter anderem die Haltungsbedingungen der Tiere, die Transportzeit und die Betäubungsmethode vor der Schlachtung. Das so mit Siegel gekennzeichnete Fleisch wird dann etwas teurer verkauft.

Gegen Kastration ohne Betäubung

Das Ziel des Tierschutzbundes ist es, durch die Siegelvergabe einer quälerischen Tierhaltung entgegenzuwirken - so etwa der Kastration bei Ferkeln, denen wenige Tage nach der Geburt ohne Betäubung die Hoden entfernt werden, um später einen strengen Ebergeschmack im Schweineschnitzel zu verhindern. Diese Kastration ist nach wie vor alltägliche Praxis in deutschen Ställen. Ursprünglich wollte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) sie mit dem neuen Tierschutzgesetz verbieten, aber sie scheiterte. Dafür hat das Bundeslandwirtschaftsministerium das neue blaue Tierschutzlabel mit einer Million Euro gefördert.

Welche Bedingungen stellen die neuen Label an die Mastbetriebe?

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Welche Bedingungen müssen für die Auszeichnung mit einem Label erfüllt werden?

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Die Tiere dürfen nicht länger als vier Stunden transportiert werden. Während dieser Transportfahrten - die nach EU-Gesetz bis zu acht Stunden dauern dürfen - leiden die Tiere meist an Erschöpfung, Dehydratation und Stress.

Die Tiere dürfen nicht länger als vier Stunden transportiert werden. Während dieser Transportfahrten - die nach EU-Gesetz bis zu acht Stunden dauern dürfen - leiden die Tiere meist an Erschöpfung, Dehydratation und Stress.

Für Masthühner müssen in jedem Fall Sitzstangen zur Verfügung stehen. Außerdem sollen den Tieren Beschäftigungsmöglichkeiten wie Strohballen zum Picken haben.

Ein Label gibt es auch nur dann, wenn den Tieren unnötige Schmerzen erspart bleiben. Dazu gehört, dass die Tiere vor der Kastration betäubt werden, die Schwänze nicht mehr gekürzt werden und vor der Schlachtung eine sichere und tiefe Betäubung sichergestellt wird.

Das anspruchsvollere Premiumsiegel gibt es, wenn den Schweinen ein Auslauf oder Offenfrontstall mit Strohstreu zur Verfügung steht.

Außerdem müssen die Tiere die Möglichkeit haben sich in verschiedenen Räumen zu bewegen. Das heißt dann im Fachjargon: Trennung von Aktivitäts-, Liege- und Kotbereich.

Ein Premium-Hühnchen sollte Freilauf haben. Dies gilt jedoch nicht für das weichere "Einstiegsstufe"-Label. Die Anforderungen für diese zweitklassige Kennzeichnung sind für den Mastbetrieb extrem gering.

"Einstiegsstufe"-Siegel auch für Massentierhaltung

Damit Hähnchenfleisch mit dem Tierschutzlabel ausgezeichnet wird, dürfen keine "Turbo-Rassen" gehalten werden und die Tiere müssen deutlich mehr Zeit als üblich bekommen, um ihr Schlachtgewicht zu erreichen. Das blaue Tierschutzlabel der Premiumstufe mit zwei gelben Sternen gibt es für Mastbetriebe nur, wenn die Tiere Auslauf im Freien erhalten.

Das "weichere" Label mit nur einem Stern - also die "Einstiegsstufe" - gibt es dagegen bereits für Fleisch aus Mastfabriken mit über 30 Tieren pro Quadratmeter, wie sie in der konventionellen Massentierhaltung zu finden sind. Masthähnchen mit Label lassen sich bis zu 30 Prozent teurer verkaufen. Es verwundert kaum, dass der größte Geflügelmäster Deutschlands, der Wiesenhof-Konzern [mehr], Fleisch aus 28 seiner Mastbetriebe mit dem Ein-Stern-Tierschutzlabel zertifizieren lassen will.

Zum Vergleich: Bio-Fleisch mit dem Siegel der klassischen Öko-Anbau-Verbände Demeter, Bioland und Naturland kostet nicht nur dreißig Prozent, sondern mehr als doppelt so viel wie konventionell erzeugtes Fleisch. Dafür gelten dann strengere Bestimmungen, etwa auch für das verwendete Futter, die zudem staatlich überwacht werden.

Stand: 16.01.2013, 11.03 Uhr