SENDETERMIN Do, 17.6.2010 | 22.00 Uhr

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Testosteron im Mutterleib

Die Macht der Hormone

Angela Sommer

Das Hormon Testosteron macht nicht nur stark und fruchtbar, sondern auch aggressiv und machthungrig. Die Welt des Testosterons ist die Welt der Männer. Eine Welt, die scheinbar mit der von Kindern wenig gemein hat. Doch auch hier hat Testosteron bereits Spuren hinterlassen: an den Händen. Jedoch nicht die Handlinien sollen etwas über das Schicksal eines Kindes verraten, die Fingerlänge ist in den Fokus der Forschung gerückt. Und der Ursprung dafür liegt im Mutterleib.
Was verraten unsere Finger über unsere Zukunft?

Dass die Handlinien etwas über unsere Zukunft verraten, gehört sicherlich in das Reich der Mythen und Wunschvorstellungen. Aber dass unsere Fingerlängen etwas über unseren Charakter und unsere Talente aussagen, das nehmen zahlreiche Wissenschaftler heute an. Schon vor 130 Jahren wurde beobachtet und festgehalten, dass sich das Längenverhältnis von Zeigefinger zu Ringfinger zwischen Frauen und Männern unterscheidet. So sind bei Frauen Ring- und Zeigefinger in der Regel gleich lang oder der Zeigefinger ist sogar länger. Bei Männern überragt oft der Ringfinger den Zeigefinger. Wie so oft immer Leben gibt es aber zahllose Ausnahmen und sogar Unterschiede zwischen der rechten und linken Hand.

Heute vermutet man auch eine Ursache für diesen Unterschied zu kennen: Frauen und Männer sind bereits im Mutterleib unterschiedlichen Mengen an Geschlechtshormonen ausgesetzt. Vor allem Testosteron ist dafür verantwortlich, ob aus einem noch "geschlechtsneutralen" Embryo ein männlicher oder ein weiblicher Fetus wird. Auch die Fingerentwicklung könnte vom Testosteron mit beeinflusst sein.

Testosteron formt das Gehirn

Und das Hormon beeinflusst noch mehr: Auch das Gehirn entwickelt sich unter dem Einfluss von Testosteron anders. Zum Beispiel ist die Verknüpfung der beiden Gehirnhälften (die so genannte Brücke) bei Männern weniger ausgeprägt als bei Frauen. Und zahlreiche weitere Gehirnbereiche unterscheiden sich je nach Geschlecht. Lebenden Menschen kann man nur selten ins Gehirn schauen. Deshalb sind Wissenschaftler immer auf der Suche nach leicht zugänglichen, äußerlichen Merkmalen (sogenannten Markern), die einen Hinweis geben können, wie es im Gehirn aussieht. Sie suchen Wege, wie man psychologische und soziale Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht nur abfragen, sondern auch physisch belegen kann. Und da kommen die Finger mit ins Spiel.

Langer Ringfinger = Mann?

Eine weibliche und eine männliche Hand im Vergleich

Beim Mann ist der Ringfinder länger als der Zeigefinger

Viele Wissenschaftler, wie auch der Urheber unseres Fragebogens Bernhard Fink, gehen davon aus, dass die Menge an Testosteron im Mutterleib die Länge der Finger und Zehen mitbestimmt. Der Grund für die Annahme: Die Ausbildung des Geschlechts- und Ausscheidungstrakts findet ab der 7. Schwangerschaftswoche statt und wird ausgelöst durch die Ausschüttung von Testosteron. Bei Jungen ist die Konzentration des Sexualhormons höher, bei Mädchen geringer. Etwa zum selben Zeitpunkt beginnt auch die Entwicklung von Fingern und Zehen. Deswegen erscheint es wahrscheinlich, dass Testosteron für den beobachteten Unterschied der Fingerlängen bei Frau und Mann zumindest mit verantwortlich ist.

Warum genau ein Mehr an Testosteron dazu führen könnte, dass der Ringfinger länger und der Zeigefinger kürzer wird, darüber wird bis heute spekuliert. Weitere Hinweise: Kinder von Raucherinnen haben ein kleineres Zeige- zu Ringfingerverhältnis (=„männlicher“), weil Nikotin die vorgeburtliche Testosteron-Konzentration anhebt. Und bei zweieiigen Zwillingen haben die Mädchen ein kleineres Finger-Verhältnis, wenn ihr Geschwister ein Junge ist und damit der Testosteron-Spiegel im Fruchtwasser ansteigt.

Finger eröffnen Blick ins Gehirn?

Dieser Zusammenhang hat bis heute zahlreiche Forschergruppen auf den Plan gerufen. Denn wenn man mit dem einfachen Vermessen der Finger einen Rückschluss auf die Menge an Testosteron im Mutterleib ziehen könnte, würden die Finger den Blick in das Gehirn öffnen. Ausgestattet mit einem Zentimetermaß und einem Fragebogen versuchen vor allem Psychologen weltweit Antworten auf die Frage zu finden: Was ist männlich, was ist weiblich? Hier beispielhaft einige Thesen aus aktuellen Studien, bei denen das Fingerlängenverhältnis als Marker für vorgeburtliches Testosteron genutzt wurde.

Ein männliches Fingerlängenverhältnis bedeutet viel vorgeburtliches Testosteron:

• lässt die Menschen schneller laufen
• schützt vor Essstörungen
• fördert bei Mädchen die Sprachentwicklung
• fördert die finanzielle Risikobereitschaft
• macht insgesamt risikofreudiger
• lässt Frauen besser fechten und Männer in einer höheren Liga (!) Fußball spielen
• fördert die Entstehung arthereosklerotischer Plaques
• lässt seltener den Ehering am Finger tragen u.s.w.

Doch diese Studien werden von einigen Wissenschaftlern in Frage gestellt.

Die Zweifler

Ein Schweizer Team um den Psychologen Stefan Troche hatte zunächst ebenfalls versucht, einige Fragestellungen mit Hilfe des Markers "Fingerlängenverhältnis" zu lösen. Viele der oben aufgeführten Zusammenhänge zwischen Fingerlänge und Charaktereigenschaft konnten die Schweizer allerdings nicht bestätigen. Im nächsten Schritt hat sich Stefan Troche zahlreiche Studien seiner Kollegen noch einmal genauer angesehen und kam zu dem Schluss, dass die gefundenen Zusammenhänge nur sehr dünn belegt sind. So fanden sich in einigen Studien die Zusammenhänge eher in der linken, bei anderen in der rechten Hand wieder. Bei einigen Studien wurden Zusammenhänge nur Männer beobachtet, bei der nächsten nur bei den Frauen. Das macht einen wissenschaftlichen Vergleich zumindest fragwürdig. Zwar gibt es einen Zusammenhang zwischen Gehirnentwicklung (Charakter, Talente) und Testosteron. Doch der Zusammenhang zwischen Fingerlänge und Gehirnentwicklung ist nicht überzeugend bewiesen. Und so besagt das Verhältnis der Fingerlänge bei einem einzelnen gar nichts über seinen Charakter, seine Talente und seine Zukunft.

Testosteron direkt messen

Will man die Menge an Hormonen, die bereits im Mutterleib auf den Embryo Einfluss haben, genau bestimmen, ist das bislang nur bei einer nicht ganz ungefährlichen Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) möglich. Das gilt auch für Testosteron. Wissenschaftler wie der Psychologe Simon Baren-Cohen vom Autismus Forschungszentrums der Universität Cambridge vergleichen ihre soziologischen und psychologischen Untersuchungen mit diesen Daten – nicht mit der Fingerlänge. Baron-Cohen beobachtet in einem einzigartigen Projekt seit etwa acht Jahren über 300 Kinder, bei denen während der Schwangerschaft der Testosteronwert im Fruchtwasser bestimmt wurde. Die Ergebnisse seiner Studien weisen darauf hin, dass Kinder, die im Mutterleib mehr Testosteron abbekommen haben (also vor allem Jungen) sprachlich weniger begabt und weniger einfühlsam sind. Ihre Stärken liegen im systematisch-analytischen Denken. Viele der oft beobachteten geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen Frauen und Männern könnten also tatsächlich auf den Einfluss von Testosteron auf die Gehirnentwicklung zurückzuführen sein. Und damit könnte Testosteron einer der entscheidenden Faktoren dafür sein, dass ein Gehirn "typisch männlich" oder "typisch weiblich" arbeitet.

Welche Entwicklungen im Gehirn das Hormon aber genau beeinflusst und welche Folgen das für den Einzelnen hat – dafür werden noch viele Jahre Forschung nötig sein.

Stand: 14.06.2010, 18.22 Uhr

aus der Sendung vom

Do, 17.6.2010 | 22.00 Uhr

Sendungsbroschüre

Die Macht der Hormone (216,2 KB)
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Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.