Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 7.5.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Kampf den Keimen Krankenhaushygiene in den Niederlanden

Was machen die Niederlande besser? Ein Blick zu den Nachbarn zeigt, wo Deutschland in Sachen Infektionsprävention Nachholbedarf hat. Doch die Gesundheitssysteme sind unterschiedlich.

Um das Video abspielen zu können, benötigen Sie Javascript. Bitte aktivieren Sie dies in Ihrem Browser.

Gelebte Medizin

Das Universitätsklinikum im niederländischen Groningen erinnert eher an eine Shopping Mall: Ein Springbrunnen, große Palmen, Restaurants und Läden - und in den Seitenflügeln des Gebäudes versteckt die einzelnen Kliniken. Über 1.300 Betten, über 10.000 Angestellte - und möglichst keine Infektionen durch resistente Keime. Das ist das tägliche Ziel von Prof. Alexander Friedrich. Der Deutsche leitet hier das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene. Er kennt beide Länder, beide Gesundheitssysteme gut - und weiß, wo es in Deutschland im Kampf gegen resistente Keime noch hakt. Trotzdem sagt er: Was Deutschland braucht, sind nicht mehr Regeln. "Krankenhaushygiene und Mikrobiologie ist gelebte Medizin, jeden Tag. Und es ist kein Gesetz und keine Richtlinie. Das heißt, wir brauchen nicht so viele Richtlinien, sondern wir brauchen letztendlich Leute, die Krankenhaushygiene und Mikrobiologie leben, jeden Tag, vor Ort beim Patienten."

Wenn das "A-Team" ausrückt…

Ein Ideal, das der deutsche in den Niederlanden leben kann. Jeden Tag diskutiert das Team um Alexander Friedrich aktuelle Fälle von Patienten mit Infektion. Wo die Arbeit in vielen deutschen Krankenhäusern aufhört - nämlich mit dem Nachweis resistenter Erreger im Labor - fängt sie hier erst an. Diagnostik ist das eine, die behandelnden Ärzte zu beraten, das andere. Infizierte Patienten werden intensiv betreut und behandelt - auch durch klinische Mikrobiologen und Infektiologen. Ein Antibiotika-Team, intern "A-Team" genannt, schwärmt immer dann ungefragt auf eine Station aus, wenn dort ein Patient länger als 48 Stunden mit Antibiotika behandelt wird, erzählt Friedrich. Zusammen mit den Ärzten wird dann beraten, ob es nicht ein noch passgenaueres Antibiotikum gibt, wie man die Therapie vielleicht verändern muss, je nachdem wie sich der Zustand des Patienten verändert. "Es geht um Medizin, um medizinische Versorgung und um den Schutz der Patienten vor Infektionen" sagt Alexander Friedrich. "Und da, wo sie am schwächsten sind: in der Intensivstation, den hämatologisch-onkologischen Stationen, Transplantationspatienten, die ja wirklich gefährdet sind, an so einer Infektion schwerst zu erkranken, ja sogar versterben können."

Unterschiedliche Versorgungsstrukturen

Doch den optimalen Schutz gibt es nur mit optimalem Personalschlüssel. Allein 24 Fachärzte sind hier im Team - insgesamt sind es über 70 Mitarbeiter in der Abteilung. In den Niederlanden sind an jeder Klinik hauptamtliche Krankenhaushygieniker und Mikrobiologen vorgeschrieben. In Deutschland ist das erst in Krankenhäusern ab 400 Betten der Fall. Und während in Deutschland eigene mikrobiologische Labors an städtischen Kliniken nicht die Regel sind, dürfen in den Niederlanden Kliniken keine Intensivstation betreiben, wenn sie kein eigenes solches Labor vorweisen können. An der Infektionsprävention soll nicht gespart werden. "Und das ist der große, entscheidende, unterm Strich alles zusammenfassende unterschied, die hochauflösende Infektiologische und klinische mikrobiologische Versorgungsstruktur, die wir hier in den NL haben dürfen und die wir unseren Patienten hier bieten können. Die ist in Deutschland nicht vorhanden. Es gab sie mal, sie ist eigentlich durch Robert Koch entwickelt worden, ist aber im Laufe der 1970er und 1980er Jahre abgebaut worden. Hygieneinstitute sind geschlossen worden, Infektiologen sind nicht ausgebildet worden, und das ist der Grund, warum eigentlich jetzt, nach 20, 30 Jahren Antibiotikaresistenzgeschichte, die Strukturen hier [in den Niederlanden] es deutlich einfacher machen, Antibiotikaresistenzen zu bekämpfen und Patienten zu beschützen."

Von Gatekeepern und Wartelisten

Doch diese Strukturen hier in den Niederlanden kann man nicht einfach so auf Deutschland übertragen. Hier gibt es keine niedergelassenen Fachärzte - nur Hausärzte. Für alles andere müssen die Niederländer ins Krankenhaus. Doch die Hausärzte entscheiden darüber. Sie fungieren als "Gatekeeper" - sie sollen entscheiden, ob ein Patient überhaupt ins Krankenhaus muss. Das soll zu viele und unnötige Behandlungen vermeiden. Dessen Budget wird jedes Jahr im Voraus festgelegt - und damit die Zahl der Eingriffe. So entstehen lange Wartelisten. Deutsche Experten beklagen deshalb, dass viele Niederländer für ihre Behandlung nach Deutschland kommen. Doch in Holland sind die Wartelisten ein gewolltes System. "Wir streben an, immer nur 60 Prozent der Betten zu belegen, dann haben wir 40 Prozent der Betten frei erst mal für isolieren und damit ist die richtige Relation zwischen Patienten und Händen von Personal, die da arbeiten. Denn die müssen ja auch in der Lage sein, den Patienten gut zu behandeln, Zeit für ihn zu haben, sich ihre Hände zu desinfizieren und wenn die auf einer Intensivstation 3,4 Patienten versorgen müssen: das geht nicht mehr!" Und wenn Patienten dann aus Deutschland zurückkämen, so Friedrich, hätten sie nicht selten ein Souvenir mitgebracht, das man in den Niederlanden dann wiederum mühsam wieder entfernen müsse. Niederländische Krankenkassen übernehmen deshalb keine Folgekosten für Sanierungen von Patienten von Keimen, wenn sie im Ausland behandelt worden sind.

Gewissenhaftes Screening

Denn auch das Screening läuft in den Niederlanden gewissenhaft. Dabei werden Patienten hier genauso wie in Deutschland und entgegen der verbreiteten Meinung nicht flächendeckend, sondern nach Risikogruppen auf multiresistente Erreger untersucht - nur schließen diese Risikogruppen deutlich mehr Menschen mit ein als in Deutschland. In Holland werden alle ausländischen Patienten außer aus Skandinavien und Island gescreent. Denn alle anderen Länder gelten als MRSA-Risikogebiete. Auch und besonders Deutschland. Ein Patient mit Befund wird isoliert, Streupotenzial hin oder her. Außerdem bemüht man sich, schon im Labor einen möglichst genauen Gesamteindruck jedes Patienten zu haben. So ist im mikrobiologischen Labor der Uniklinik Groningen ein Mitarbeiter für sämtliche Proben eines Patienten zuständig. Ob es sich nun um Blut, Urin, Gewebe aus der Lunge oder Stuhlproben handelt. In vielen Labors, so Alexander Friedrich, seien die Mitarbeiter nach Art der Proben eingeteilt. Da fehlt der Gesamteindruck. Auch die Befunde haben ihre Eigenheiten. So manches Reserve- oder Breitbandantibiotikum führt Alexander Friedrich dort absichtlich nicht mit auf - denn oft greifen die Ärzte einfach zum erstbesten, das den vermeintlich sicheren Erfolg verspricht. Doch je mehr Reserven eingesetzt werden, desto schneller können sich auch gegen diese Mittel Resistenzen bilden.

Aufgeben ist keine Option

"Wir können nicht sagen, wir sind hier auf der Insel der Glückseligen, sondern es muss in ganz Europa dazu kommen, dass es ganz niedrige Resistenzraten gibt" sagt Alexander Friedrich dennoch. Es gibt keinen Grund, sich auf Erfolgen auszuruhen. Denn es braucht noch viel im Kampf gegen resistente Erreger. Personal, Kapazitäten, Finanzierung, regionale Netzwerke. Zusammen kann man mehr erreichen, sagt Friedrich, und ganz wichtig: es muss Nachwuchs her. Denn Aufgeben ist keine Option im Kampf gegen Keime. Als wir mit Alexander Friedrich die Klinik verlassen, zeigt er uns noch einen großen grauen Kasten in der Wand. Nicht etwa ein Verteilerkasten, sondern ein Klappe, in die jeder Mitarbeiter seinen Kittel am Ende jedes Arbeitstages hineinwerfen kann. "Und wenn man am nächsten Tag kommt, spuckt das System einen neuen Kittel aus. So haben tausende Menschen jeden Tag frische Kittel. Das habe ich als Krankenhaushygieniker in Deutschland Jahre lang versucht, einzuführen. Vergebens."

Aktuell im SWR