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SENDETERMIN Do, 9.7.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Gift im Grundwasser Unser täglich Gift

In der Gemeinde Köndringen im Südschwarzwald ringen Bürger und Behörden miteinander und gegeneinander. Der Grund: PCB im Grundwasser.

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Der Umgang mit dem Thema "Umweltgift" ist eine komplizierte Sache. Einerseits muss die Bevölkerung geschützt werden. Dazu sind niedrige Grenzwerte notwendig. Andererseits darf die Bevölkerung nicht in Panik versetzt werden. Schließlich kann auch Angst krank machen. In der Gemeinde Köndringen im Südschwarzwald ringen die Bewohner der "Siedlung" mit einem Giftproblem. PCB-verseuchtes Grundwasser fließt unter ihren Häusern. Eine Altlast aus dem angrenzenden Industriegebiet. Behörden und Bürgerinitiative liegen seit Jahren im Clinch miteinander: Wie groß ist die Gefahr? Was ist zu tun? Die Parteien haben da sehr unterschiedliche Ansichten.

PCB ist ein sehr unschönes Beispiel für industrielle Altlasten. Über Jahrzehnte wurde es im letzten Jahrhundert als Flammschutzmittel in Anstrichen, Dichtungsmassen und elektrischen Bauteilen eingesetzt. Dann erkannte man, dass sich die polychlorierten Biphenyle im Fettgewebe anreichern und zu dioxinähnlichen Vergiftungserscheinungen führen können. Außerdem sind PCBe Nervengifte, krebserzeugend und fruchtschädigend. In Köndringen war es ein Hersteller von Kondensatoren, der über Jahrzehnte PCB-Müll legal auf seinem Gelände "entsorgte". Als man in den 1980ern des letzten Jahrhunderts die Schädlichkeit der PCBe erkannte, wurden sie verboten. Die Produktion in Köndringen wurde eingestellt. Doch da war das Grundwasser bereits schwer belastet.

Renate Fürchow aus Köndringen gräbt in ihrer Tiefkühltruhe nach den Beweismitteln, die sie hier einlagert: Eigelb von ihren Hühnern. Eine von Fürchows privat finanzierte Messung hatte eine Belastung der Eier gezeigt, die den Grenzwert um den Faktor fünf überstieg. Die Fürchows waren alarmiert. Nicht nur ihre Hühner haben sie schlachten lassen. Auch ihren geliebten Gemüsegarten haben sie komplett entsorgt. Wo noch vor Wochen Tomaten, Zucchini, Paprika und etliche weitere Früchte standen, sieht es heute aus wie auf einem blanken Acker. Ein trostloses Bild. Renate Fürchow blättert in dem Fotoalbum, in dem sie die vegetabile Pracht von einst dokumentiert hat.

Verlorenes Paradies

Familie Fürchows

"Ich komm mir ganz nackig vor. Weil ich hab so viel Überschuss gehabt, dass ich auch oft verschenken konnte. Und wenn sowieso so Zeiten waren wie Gurkenzeit oder Tomatenzeit, da hab ich immer viel zu verschenken gehabt." Wenn sie spricht, stehen ihr die Tränen in den Augen. Ein herber Verlust. Der Gemüsegarten hat Renate Fürchow viel bedeutet. "Es sind ja nicht nur die Farben sondern diese Wesenheiten - wie das wächst - und auch diese Düfte! Ich hab ja auch immer Kräuter dazwischen gehabt."
Die Fürchows haben ihr kleines Gartenparadies verloren. Einen Lebensabschnitt beendet. Dabei könnte es in Köndringen an der Elz eigentlich so schön sein. Eine Schwarzwaldidylle. Reiher fischen in dem angrenzenden Fluss. Die Natur auf den ersten Blick unberührt.

Wäre da nicht die Altlast des ehemaligen Industriebetriebs. Die PCB-Belastung im Grundwasser liegt seit Jahrzehnten vielhundertfach über dem Grenzwert.
Alfred Winski ist promovierter Biologe und Sprecher der Bürgerbewegung für sauberes Grundwasser. Er kritisiert die Behörden, die aus seiner Sicht auf die längst bekannte Gefahr nicht angemessen reagieren.

"Dieses stark belastete Grundwasser, das läuft bei uns in die Keller. Das stark belastete Grundwasser läuft hier in den Dammgraben und führt zu hohen Belastungen von Fischen. Wir wissen nicht, wie das aussieht in den Gärten. In den Gärten haben die Hühner PCB aufgenommen und in den Eiern angereichert. Das fordert alles im Prinzip Aufklärungen und Untersuchungen und diese Untersuchungen sind jetzt sofort fällig." Seit drei Jahren ist Alfred Winski aus Köndringen aktiv in Sachen PCB im Grundwasser. Hat intensiven Briefkontakt mit den Umweltbehörden. Hat eine Petition geschrieben. Hat die Behörden zum Handeln aufgefordert. Denn das PCB sammelt sich im Fettgewebe an und kann zu chronischen Vergiftungen führen. Der Sprecher der Bürgerbewegung sagt, wie die Behörden die Bevölkerung informieren und was sie bisher getan haben, reicht bei weitem nicht aus. "Wir fordern eine komplette Neubewertung des Grundwasserschadens. Das bedeutet aber, dass man sämtliche Quellen, die auf dem Grundstück sind, kennt. Das ist das Erste. Das Zweite ist: Wenn man diese Quellen findet, dann muss man ein geeignetes Sanierungskonzept haben."

Im Landratsamt Emmendingen sind gleich mehrere Behörden mit dem PCB-Fall befasst. Wir wollen wissen, warum die Giftquellen im Köndringer Industriegebiet nicht entfernt werden.

Die Sanierung ist praktisch unmöglich

Zuständig sind Umweltdezernentin Petra Holz und Gerd Munding vom Amt für Wasserwirtschaft und Bodenschutz. Der sagt, die Sanierung des Industriegebiets, das Entfernen der Giftquellen ist praktisch unmöglich: "Da gibt es mehrere Gründe dafür. Zum einen ist es ein relativ großes Gelände. Etwa 45.000 Quadratmeter. Weitestgehend bebaut. Das heißt, es ist schwierig und aufwendig an die Altlasten zu gelangen. Zum Zweiten würde das für die Anwohner in der Siedlung überhaupt keinen Effekt zeigen. Die Stoffe, die vorher schon im Grundwasser ausgetragen wurden, die sind immer noch drin. Und das sind die Stoffe, die uns heute die Probleme machen." PCB ist zäh, klebrig und extrem stabil. Deshalb wird sich an der Situation unter den Häusern der Anwohner auf Jahrzehnte hinaus nichts ändern.

Auch die Vorwürfe der Bürgerinitiative, man habe die Bevölkerung über das belastete Grundwasser nicht ausreichend informiert, können die beiden Beamten nicht nachvollziehen. Die Umweltdezernentin sagt dazu: "Seit 1988 wurde die Bevölkerung mehrmals und sehr oft in der Presse und bis 1992 im Mitteilungsblatt informiert. Daraufhin fanden 2001, 2011 und auch 2012 wieder Informationen der Bevölkerung statt. Und es wurde auch darauf hingewiesen auf die Problematik der Bewässerung mit den Handbrunnen. Und dass diese auch keine Trinkwasserqualität haben."

Es wurde zwar immer wieder gewarnt. Doch in den letzten zwanzig Jahren gab es auch immer wieder erhebliche Lücken, in denen das Problem vom Amt aus über Jahre nicht thematisiert wurde. Erst im letzten Jahr wurden auf den der Gemeinde gehörenden Grundstücken die Handbrunnen stillgelegt. Auf dem Spielplatz an der Siedlung spielten Kinder jahrelang mit einer Pumpe, die Grundwasser förderte.

Um eine weitere Belastung des Grundwassers aus den Altlasten zu verhindern, setzte man auf die sogenannte "hydraulische Sanierung". Eine Pumpe, die das von den Altlasten herkommende Grundwasser durch Aktivkohlefilter zieht. Über ein Zentner PCB sei so schon geborgen worden, heißt es. Doch der Sprecher der Bürgerinitiative, Alfred Winski, ist damit nicht zufrieden. "Dieser Sanierungsbrunnen läuft seit 25 Jahren, es hat sich nichts an der PCB-Konzentration unter unseren Häusern getan."
Im Landratsamt in Emmendingen wollen wir erfahren, wie die Behörden die Gefahrenlage überhaupt einschätzen. Umweltdezernentin Holz sieht keinen Grund zur Panik.
"Nach allem was wir über das Verhalten der PCBe wissen - die verhalten sich sehr träge, sind anhaftend - ist nach allen Expertenmeinungen nicht anzunehmen, dass diese PCBe durch den Boden in den Oberboden und sogar in die Luft steigen. Deshalb ist auch ein gesundheitsrelevanter Übertrag der Stoffe aus dem Grundwasser zur Bevölkerung nicht anzunehmen."

Doch die betroffenen Anwohner sind misstrauisch. Die Bürgerinitiative hofft, auf der öffentlichen Gemeinderatssitzung mehr Klarheit zu bekommen: Wie groß ist die Gefahr? Welche Maßnahmen sind geplant? Einige - wie Renate Fürchow - haben große Erwartungen. "Dass jetzt alles in die Wege geleitet wird, und dass jetzt eine Begeisterung da ist. Dass zumindest eine Offenheit da ist für unser Problem."

Eiertanz im Gemeindesaal

Eine Wohnsiedlung von oben

Im Gemeindesaal sind die Vertreter der Bürgerinitiative nur Zuhörer. Doch Gemeinderat Schlotter bringt ihr Anliegen, ihre Fragen auf den Punkt. "Dürfen diese Menschen ihre Kinder zum Beispiel in den Garten schicken? Ist das Gemüse genießbar, sind die Eier genießbar? Punkt." Umweltdezernentin Holz steht Rede und Antwort: "Aus diesen Sorgen, die sie genannt haben: Können wir noch in den Garten gehen? Können wir noch in den Keller gehen? Können wir noch atmen? - wurden Untersuchungen gemacht einmal von Bodenproben. Es wurden die Kellerböden untersucht. Es wurden Raumluftmessungen gemacht. Und die haben keinen nennenswerten Übergang von dem PCB im Grundwasser in den Boden oder in die Luft ergeben."

Skepsis auf den Gesichtern der Mitglieder der Bürgerinitiative: Sie trauen der Entwarnung nicht. Und Gemeinderat Schlotter hakt nach: "Dürfen die Kinder in den Garten gehen? Ist das Gemüse genießbar? Sind die Eier genießbar? Diese Fragen sind nicht beantwortet worden." Die Umweltdezernentin vom Landratsamt Emmendingen antwortet wieder nicht auf die Frage des Gemeinderates. "Also, wenn das nicht in die Luft geht - also es ist kein Übertrag in den Boden und in die Luft - dann kann ich die Luft ja auch atmen."

Gemeinderat Schlotter ist sichtlich genervt. Er versucht es zum dritten Mal: "Die dürfen ihre Kinder in den Garten schicken, die können das Gemüse essen, die können die Eier essen. Richtig?" An der Reaktion der Umweltdezernentin wird klar, dass sie sich kein abschließendes Urteil auf diese Fragen zutraut. Nur bei den Eiern ist sie sich sicher: "Die Untersuchungen der Eier werden jetzt erst einmal verifiziert. Aber ob das PCB in den Eiern nun von dem Schadensfall kommt, das steht ja nicht fest. Aber natürlich sind die Eier hier in diesem Bereich mit PCB und Dioxinen belastet, so dass man natürlich nicht empfehlen kann, die Eier zu essen."

Es ist dies schon die dritte Informationsveranstaltung zu diesem Thema in drei Jahren. Und wieder haben viele Köndringer das Gefühl, dass sie ihre Fragen nicht wirklich beantwortet bekommen. Enttäuschung auch bei Renate Fürchow: "Also ich kann das nicht gutheißen für uns. In keinster Weise. Ich bin total aufgewühlt. Denn für mich gibt’s überhaupt keine Antwort."

Die Köndringer werden das PCB im Grundwasser auf absehbare Zeit nicht loswerden. Und ihr ungutes Gefühl auch nicht. Da beruhigt es sie auch nicht, dass eine akute Gefährdung offenbar nicht besteht. Seit Jahrzehnten ist die Belastung des Grundwassers da, aber PCB-typische Krankheitssymptome sind bisher nicht beobachtet worden.

aus der Sendung vom

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