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Andernach Die essbare Stadt

aus der Sendung vom Donnerstag, 21.3.2013 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Kohl und Kartoffeln statt Blumen: Nach Kriegsende sollte Gemüseanbau auf städtischen Flächen die Not der Menschen lindern. Heute ist selbst gepflanztes Gemüse für Stadtmenschen oft Luxus. Nicht so in einer idyllischen Stadt am Rhein: Andernach.

Ernten erlaubt statt betreten verboten

Vor der alten Schlossmauer mitten im Stadtzentrum erntet Erika Kändler, was bei ihr zu Hause auf den Tisch kommt: Salat, Schnittlauch und Kohlrabi, alles frisch und in Bio-Qualität. Dabei gehört dieser Garten gar nicht ihr, sondern der Stadt - und in Andernach heißt das: Er gehört allen Bürgern. "Das find ich sagenhaft!", sagt die Andernacherin und freut sich über die Idee. "Wo früher nur Efeu wuchs, da wächst jetzt was Essbares. Und vor allen Dingen: Wir dürfen das ernten. Da steht kein Schild 'Betreten der Rasenfläche verboten', sondern hier ist Pflücken erlaubt!"

Andernach, die essbare Stadt - sie ist Realität geworden. Zwei Jahre lang haben Gartenbauingenieurin Heike Boomgaarden und Lutz Kosack, Geo-Ökologe der Stadt Andernach an dem Konzept gearbeitet - und das im wahrsten Sinne mit wachsender Begeisterung.

Die Stadt zum Lebensmittelpunkt machen

Im Gegensatz zu heute entsprachen die öffentlichen Grünflächen in Andernach bis zum Jahr 2010 dem gängigen Standard. Zum typischen Bild gehörten gepflegte Rasenflächen und die klassischen Wechselbeete, die mehrmals im Jahr neu bepflanzt werden. Jetzt sollten den öffentlichen Grünflächen neue Funktionen zukommen. Sie sollten zu einem optischen und kulinarischen Genuss werden, zudem kostenlos für die Anwohner und bezahlbar für die Stadt. Mehr als 50.000 Euro waren nicht drin, um Andernach neu erblühen zu lassen. Ein ehrgeiziges Projekt. Boomgaarden erinnert sich: "Da war die Grundidee, eine Stadt aufzuwerten, eine Stadt wieder zum Lebensmittelpunkt zu machen - das heißt Lebensmittel in die Stadt zu bringen, Gemüsepflanzen, Obstbäume, Sträucher, die Obst tragen. Auch mit dem Gedanken, es schön zu machen, ästhetisch zu gestalten. Deswegen sind wir erst in die Ecken gegangen, die vielleicht nicht ganz so schön waren und haben die aufgewertet. Als die dann so richtig aufgeblüht sind, haben wir das Projekt ausgeweitet und durch die ganze Stadt gezogen."

Um die Gärtnerarbeiten kümmerten sich von Beginn an nicht nur städtische Arbeiter, sondern auch Ein-Euro-Jobber, Langzeitarbeitslose und Freiwillige. Wer mitmacht, tut es gerne, denn die essbare Stadt kommt bei den Anwohnern gut an, und macht Besucher neugierig. Als im ersten Jahr das Gemüse heranreifte, war das Zögern noch groß. Ist Pflücken wirklich erlaubt? Nach anfänglichem Zögern gehört mittlerweile diese "Selbstbedienung" auf den öffentlichen Flächen zum Leben der Bürger einfach dazu.

Wieder Artenvielfalt erzeugen

Die Artenvielfalt, Biodiversität genannt, ist erklärtes Ziel in Andernach. Das gilt vor allem für die Nutzpflanzen. Anders als im Supermarkt sollen die städtischen Grünflächen mit einem Sortenreichtum überzeugen, der den allermeisten von uns heutzutage völlig fremd ist. So wurden 2010 vor dem Schloss rund 300 verschiedene Tomatensorten angebaut. Ein Jahr später waren es 101 verschiedene Bohnensorten. 2012 ist das Jahr der Zwiebelgewächse. So kehren in Andernach längst vergessene Sorten wieder zurück, und jeder kann etwas zu deren Erhalt beitragen. "Wir fordern die Bürger auf: Bitte bedient Euch. Nehmt Euch die Früchte und nehmt Euch die Samen. Pflanzt die Samen in Eure Gärten und vervielfältigt damit diese seltenen Sorten", erklärt Kosack die Idee.

Viele Gemüsesorten kennt die 80-jährige Erika Kändler noch aus ihrem Schrebergarten früherer Tage. Doch mitten in Andernach wachsen auch für sie Überraschungen, beispielsweise buntstieliger Mangold. "Das war schöner wie jede Rosenstaude. Also das genieß ich jetzt so richtig, dass man hier so vieles kennenlernen kann", sagt die Andernacherin.

Gemüsebeete sparen der Stadt Geld

Artenvielfalt und Blütenpracht ist nicht nur beim Gemüse gefragt. Auf dem einst trostlosen Gelände der ehemaligen Malzfabrik nahe dem Rheinufer beispielsweise gedeiht eine Wildblumenwiese - und auch Insektenhotels fehlen in Andernach nicht. Vielerorts hält die Natur wieder Einzug in die Stadt. Mit ihr kehren längst vergessene Wildpflanzen zurück, wie die Kornblumen oder das zierliche leuchtendrote Adonisröschen. Das steht auf der roten Liste und wächst eigentlich gar nicht in der Stadt - mit Ausnahme von Andernach.

Außerdem sollten die vielen Blumenbeete pflegeleichter werden. Statt sie mehrfach im Jahr neu zu bepflanzen, wachsen jetzt heimische Stauden wie Katzenminze, Taglilie und essbarer Grünkohl. Auch vor dem "Runden Turm", dem Wahrzeichen der Stadt stehen die mehrjährigen Stauden in voller Pracht. Für die Pflege dieser Beete braucht die Stadt nur noch ein Zehntel der früheren Kosten, 500 Euro statt 5.000. Das meiste macht die Natur selbst.

Mit Pflanzen für den drohenden Klimawandel rüsten

Die Andernacher erfreuen sich an dem neuen Stadtbild und haben ein Auge auf ihre Gärten. Die anfängliche Sorge, dass die Gemüsebeete regelrecht geplündert werden, erwies sich als unbegründet. Sogar der anfänglich befürchtete Vandalismus blieb aus. Studien belegen, dass die Freiräume einer Stadt für die Wohnzufriedenheit und die Lebensqualität der Menschen ganz entscheidend sind.

Andernach ist attraktiver geworden und geht damit auch einen wichtigen Weg in Richtung Zukunft. "Für uns ist Stadtökologie ein ganz wesentliches Element für die Nachhaltigkeit in dieser Stadt", erklärt Lutz Kosack. "Denn wenn wir wirklich einen Klimawandel bekommen und die demografische Entwicklung so bleibt, werden wir immer mehr ältere Leute haben und das Stadtklima wird schwieriger. Es wird wärmer, es wird drückender. Wenn wir jetzt konsequent Gehölze und Bäume pflanzen, werden wir in Zukunft ein gesundes Stadtklima haben und damit auch die Lebenswertigkeit dieser Stadt aufwerten."

Übrigens: Gleich im ersten Jahr, in 2010, gewann Andernach die Goldmedaille beim bundesweiten Wettbewerb "Entente Florale". Die Jury lobte die gemeinschaftliche Initiative von Verwaltung, Politik, Wirtschaft und den Bürger, den städtischen Raum mit Grün und Blumen lebendig zu gestalten. In Andernach ist das zweifellos gelungen.



Andrea Wengel

Letzte Änderung am: 20.03.2013, 17.36 Uhr

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