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Fernsehen im SWR

CO2 Schwindel?

aus der Sendung vom Donnerstag, 24.9.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Die Bundesregierung wirbt gerne mit dem Erfolg, den das Klimaschutzprogramm bisher schon erreicht habe: Demnach wurden seit 2006 insgesamt knapp 60 Millionen Tonnen Treibhausgase eingespart. Das klingt beeindruckend, bedeutet aber nicht, dass tatsächlich 60 Millionen Tonnen weniger in die Luft geblasen wurden. Denn die Zahl wurde nicht gemessen, sie wurde nur statistisch hochgerechnet. Bei dem verbrannten Sprit mag das funktionieren. Schließlich wissen wir, dass jeder verkaufte Liter Benzin zu gut zwei Kilogramm CO2 verbrennt. Aber bei der Gebäudesanierung? Zwischen Theorie und Praxis liegt ja bekanntlich oft ein großer Unterschied. Wir haben nachgeforscht und sind auf ein entscheidendes Problem gestoßen: nämlich uns Verbraucher.

Der CO2-Gebäudesanierungszähler steht vor dem Gebäude des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Mit seiner Wollmütze aus Sperrholz und den sechs Digital-Zifferblättern wirkt er etwas deplaziert und wer nur kurz einen Blick darauf wirft, hat Probleme zu verstehen, was da angezeigt wird. Schließlich handelt es sich dabei um sechs- bis neunstellige Zahlen. In roten Leuchtlettern angezeigt, verkünden sie die Erfolge des CO2-Gebäudesanierungsprogramms seit 2006.

Signalwirkung der Zahlen

Das Programm wurde vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) ins Leben gerufen und soll den Heizenergieverbrauch in Deutschland reduzieren. Staatssekretär Professor Lütke Daldrup vom BMVBS setzt auf die positive Ausstrahlung der Zahlen: „Die Zahlen dienen ja vor allem dazu, der Öffentlichkeit zu signalisieren, hier passiert eine Menge: Ihr könnt mit dem CO2-Sanierungsprogramm viel Heizstoff sparen, viel Gutes für die Umwelt tun und es belebt auch die Bauwirtschaft. Und es ist auch ein Stück weit Werbung.“

Modernisierung ohne effektive CO2-Einsparung

Die Zahlen für diese Werbung werden berechnet. Doch in der Regel kontrolliert niemand, ob auch wirklich so viel CO2 eingespart wird. Und die Studien, die es gibt, zeichnen ein uneinheitliches Bild. Mal wird gespart, mal nicht. Wie bei einem Wohnblock der Rüsselsheimer Wohnungsbaugenossenschaft GEWObau. Und zwar trotz aufwendiger Modernisierung. Stolz zeigt der technische Leiter Alfred Friedmann die Neuerungen: „Hier wurde die Gebäudehülle komplett neu hergestellt. Wir haben 160 Millimeter Wärmedämmung neu aufgebracht. Polystrol. 160 Millimeter, Wärmeleitgruppe 035, die diesen Effekt der Wärmedämmung bringt.“

Das Gebäude wird mit Erdwärme geheizt. Ein ausgeklügeltes System sorgt dank Wärmespeicher und elektrisch betriebener Wärmepumpen für wohlige Raumtemperaturen. Und darin liegt ein Teil des Problems. Zwar seien die Erfahrungen der Betreiber und auch der Bewohner sehr gut, jedoch, so gesteht Friedmann, würden die Wärmepumpen ja Strom verbrauchen und der schlägt eben bei der Berechnung der CO2-Belastung besonders ins Gewicht. Mit dem Ergebnis, dass die produzierte CO2-Menge kaum gesunken ist. Doch sind die stromfressenden Wärmepumpen die einzige Erklärung.

Friedmann führt uns zu Vorzeigemietern. Frau und Herr Sandner sind zufrieden. Der Komfort habe sich verbessert und im Winter sei es auch nicht mehr so kalt. Wie viele Bewohner leben Herr und Frau Sandner schon seit Jahrzehnten in dem Gebäude. Die alten Gasöfen wurden oft nur nach Bedarf eingeschaltet. Jetzt ist das Haus gedämmt und es gibt eine Fußbodenheizung. Der Komfort hat seinen Preis, das weiß auch Alfred Friedmann: „Das Nutzerverhalten ist ganz wichtig!“ Denn die Bewirtschaftung einer modernen Wohnanlage sei eben auch ein bisschen eine Wissenschaft. Schließlich sei bei einem gedämmten Gebäude das richtige Lüften besonders wichtig. Außerdem würden viele Mieter nun auch die Wohnung wärmer haben als zuvor. Verhageln etwa die Nutzer die schöne Energiesparbilanz?

"Rebound-Effekt"

Am Rheinischen Wirtschaftsinstitut in Essen kennt man einen bei Ingenieuren unbeliebten Effekt - den „Rebound-Effekt“. Der Umweltökonom Manuel Frondel erläutert, was dahinter steckt: „Wir nehmen beispielsweise die Energiesparlampe. Sie ist wesentlich effizienter als die herkömmliche Glühbirne. Dadurch, dass man als Nutzer weiß, das kostet mich wenig Geld wenn sie brennt, ist die Tendenz naheliegend, dass man sie einfach aus Vergesslichkeit oder Bequemlichkeit länger brennen lässt als vorher. Und so wird weniger Energie eingespart als das tatsächlich ohne Einberechnung der Verhaltensänderung geschehen wäre.“

Demnach kann also das Nutzerverhalten den Effekt der Energiesparmaßnahmen zunichte machen oder zumindest reduzieren - weil eben mehr geheizt oder unsachgemäß gelüftet wird. Solche Fehlerquellen kennt auch Staatssekretär Prof. Daldrup. Trotzdem ist er von der Richtigkeit der Zahlen überzeugt: “Wir wissen genau, in wie vielen Wohnungen wir saniert haben, wie viel wir investiert haben. Wir wissen auch, wie viele Menschen beantragt haben. Wie sie sich im Einzelfall verhalten? Wir sind ja nicht dafür da, das einzelne Haus in den Blick zu nehmen.“

Unberechenbarer Faktor Mensch

Das wäre sicher zu viel verlangt. Es bleibt aber die Erkenntnis, dass die Zahlen des Sanierungszählers nicht so genau sein können, wie sie sein möchten. Der Faktor Mensch bleibt außen vor und das sorgt eben für Unsicherheiten, so Manuel Frondel: „Mit diesen Einschätzungen und Berechnungen der CO2-Einsparungen sind hohe Unsicherheiten verbunden. Und insbesondere muss man da sehr, sehr skeptisch sein, weil eben die menschlichen Verhaltensänderungen im Normalfall nicht mit einberechnet werden.“

Wie auch? Schließlich fördert das CO2-Gebäudesanierungsprogramm lediglich die Modernisierungsmaßnahmen. Ob die Bewohner dann wirklich Energie sparen, spielt offenbar keine Rolle. Das sorgt bei dem Umweltökonomen für Unverständnis, denn dadurch würden die Verbraucher gezielt in Maßnahmen gelockt „die relativ wenig in Punkto CO2-Ausstoß und in Punkto Wirtschaftlichkeit bringen.“

Das CO2-Sanierungsprogramm läuft. Sehr zur Freude der Bauwirtschaft und der Hausbesitzer. Sicher wird dadurch auch eine Menge CO2 eingespart werden. Sicher ist aber auch: Es wird eine Menge Geld ausgegeben das vielleicht effektiver eingesetzt werden könnte.

Hilmar Liebsch

Letzte Änderung am: 24.09.2009, 12.02 Uhr