aus der Sendung vom Donnerstag, 5.2.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Lebensmittelkontrollen sind notwendig - in allen Bereichen. Bei Gemüse und Obst etwa werden immer wieder zu hohe Pestizidbelastungen entdeckt. Wissenschaftler der Uni Paderborn haben auch in Wurzel- und Grünanteilen von erntereifen Nutzpflanzen Spuren von Antibiotika nachgewiesen. Sogar im Korn von Getreide stießen sie auf Rückstände des Medikaments. Und Weizen ist ein Hauptbestandteil von: Brötchen!
„(...) Wir waren sehr überrascht, als wir im Winterweizen von 2004 Spuren von Antibiotika gefunden haben. Wir haben es befürchtet, aber wir waren uns nicht sicher, ob wir sie finden werden. Und die anschließenden Untersuchungen von Ernten in den Jahren 2005 und 2006 haben auch in einigen Fällen positive Befunde gebracht. Das heißt, wir haben im Winterweizen Spuren von Antibiotika nachweisen können“, berichtet Prof. Manfred Grote.
Aber wie könnte denn Antibiotika in ein Getreide hinein kommen? Das hat etwas mit der Masttierhaltung zu tun. In der EU werden jedes Jahr Tausende Tonnen von Antibiotika an Nutztiere verfüttert, um sie gegen Infektionen zu schützen oder von Krankheiten zu heilen. Doch das zugeführte Antibiotikum scheiden die Tiere zu 90 Prozent wieder aus. Der aufgefangen Kot und Urin der Tiere gelangt wiederum als Gülle zur Düngung auf die Felder.
Die Gülle durchdringt den Boden, die darin enthaltenen Antibiotika ebenfalls. Während der Wachstumsphase nimmt die Pflanzen die Rückstände des Medikaments auf - wenn auch nur in geringen Spuren. Doch selbst diese geringen Spuren bereiten den Wissenschaftlern Sorge - steckt in unseren Nutzpflanzen eine echte Gefahr?
Prof. Grote: „Eine akute Gefährdung haben wir sehr wahrscheinlich nicht, aber vielleicht eine schleichende Gefährdung über die Jahre. Wir brauchen weitere Untersuchungen um festzustellen: wie ist das Getreide belastet, und wie ist auch das Gemüse belastet. Denn das wäre ein sehr viel direkterer Weg zur Nahrung. Und aus diesem Grund müssen weitere Untersuchungen folgen, um wirklich die Gefährdung sicher einschätzen zu können.“
Die Gefährdung für den Menschen könnte darin liegen, dass die Antibiotika immer wirkungsloser werden. Im Körper können sie dann gegen krankmachende Bakterien nichts mehr ausrichten. Die schärfste Waffe der Medizin wird stumpf.
Der Grund dafür ist die zunehmende Widerstandsfähigkeit der Bakterien. Sie sind wahre Überlebenskünstler, die sich sehr schnell gegen Wirkstoffe wehren und Resistenzen entwickeln. Und das umso schneller, je achtloser wir mit Antibiotika umgehen - oder je mehr wir davon ufnehmen, beispielsweise unbewusst durch die Nahrung. Wäre es da nicht sinnvoll, komplett auf Antibiotika in der Landwirtschaft zu verzichten?
Warum das so einfach nicht ist, erklärt die Agrarwissenschaftlerin Prof. Mechthild Freitag: „Genau wie Menschen auch, erkranken Tiere. Es gibt eine ganze Reihe von Infektionserregern, die die Tiere befallen. (...) Die Tiere bekommen Husten, sie bekommen Fieber und sie müssen, wenn sie erkranken, behandelt werden. Denn Tiere leiden genauso wie wir, wenn wir erkrankt sind. Genauso wie wir beim Menschen bestimmte Infektionserkrankungen ohne antibiotische Behandlung nicht in den Griff kriegen, haben wir die selben Probleme bei den Tieren auch. Ganz ohne werden wir nicht zurecht kommen.“
Eine der häufigsten Erkrankungen: Salmonellen. Und hier droht eine weitere Gefahr. Denn kranke Tiere scheiden jede Menge dieser Bakterien aus, gleichzeitig aber auch das dagegen verabreichte Antibiotikum - ein fatale Kombination. Und die kommt raus aufs Feld.
Wissenschaftler einer internationalen Forschergruppe haben untersucht, ob Salmonellen über eine Gülledüngung auch Pflanzen befallen können. Der Genetiker Prof. Heribert Hirt über das Ergebnis: „Bisher hat man immer angenommen: Das macht ja sowieso nichts, weil, das versickert im Boden, und die Pflanzen können sowieso nicht, von den Salmonellen befallen werden. Was wir jetzt aber revidieren müssen. Wir haben tatsächlich feststellen können, dass Salmonella sehr effizient in Pflanzen eindringen, und sich dort vermehren kann.“
Und damit lauert ein riskanter Cocktail aus Salmonellen und Antibiotika im Gemüse!
Das bestätigt auch Prof. Hirt: „Natürlich, wenn man Antibiotika gibt, erhöht man dadurch auch die Selektion auf resistente Stämme. Und somit hat man dann Antibiotika resistente Stämme. Die kommen dann auf den Acker, die infizieren die Pflanzen, und über die Gülle kommt dann auch gleich das Antibiotikum hinterher. Und diese Kombination bringt, dass man dann letztendlich auf dem Teller einen Antibiotika resistenten Stamm serviert bekommt, von dem man krank wird. Man nimmt jetzt das Antibiotikum, das gewöhnlich dagegen wirkt. Der Stamm ist aber schon resistent. Und damit kommt es dann schon zu einem ziemlich gefährlichen Effekt.“
Ein Teufelskreis: resistente Bakterien und wirkungsloses Antibiotikum. Allein an Salmonellen sterben jedes Jahr in Deutschland rund 40 Menschen.
Es ist eine fatale Entwicklung, die durch die massenhafte Verwendung von Antibiotika in der Landwirtschaft ausgelöst wird. Denn niemand sollte sein geliebtes Frühstücksbrötchen kritisch beäugen müssen.
Sabine Guth
Letzte Änderung am: 05.02.2009, 13.27 Uhr