Sendung vom Donnerstag, 17.7.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Die Nordsee ist ein Meer mit vielen Gesichtern. Ihre Küsten sind uns vertraut und doch birgt die Nordsee noch viele Geheimnisse – über und unter Wasser. Austernfischer und Seehunde treffen sich auf den Sandbänken. Surfer teilen sich die Brandung zuweilen mit Schweinswalen. Bei Ebbe gewährt das Wattenmeer einen Einblick in seine Lebensfülle: Kieselalgen werden von Würmern gefressen, die wiederum Tausenden von Zugvögeln als Nahrung dienen. Eine beschauliche Wattwanderung ist nur eine Facette der Nordsee.
Er ist geradezu ein Wappentier der Nordsee - der Seehund. Bei Ebbe räkeln sich die Seehunde auf den Sandbänken. In der Gruppe fühlen sie sich sicher und mindestens einer hält immer ein wachsames Auge offen.
Im Wasser sind die Seehunde hervorragende Taucher. Wendig und elegant gleiten sie durchs Wasser. An Land dagegen wirken sie eher plump und unbeholfen, doch die Ruhezeiten auf dem Trockenen sind wichtig - gerade auch für die Fellpflege!
Die Sandbänke und das angrenzende Watt unterliegen dem Rhythmus der Gezeiten.
Wer mit dem ständigen Wechsel von Trockenheit und Nässe zurecht kommen will muss besonders anpassungsfähig sein. Dennoch – das Watt steckt voller Leben: Borstenwürmer, Strandkrabben und seltsame Sandhäufchen säumen den Boden. Zum Vorschein kommen ihre Verursacher - die Wattwürmer - allerdings nur, wenn sie an Prielkanten freigespült werden.
Im Watt siedeln zehnmal mehr Tiere als in anderen Meeresböden. Hier findet jeder Bewohner genügend Nahrung. Die Grundlage für die Lebensfülle sind mikroskopisch kleine Organismen: die Kieselalgen. Sie stehen am Anfang der Nahrungskette. Die Einzeller sind fantastisch an das Leben im Watt angepasst. Eine innere “Sonnenuhr“ sagt ihnen wann Tag, eine “Gezeitenuhr“ wann Niedrigwasser ist. Die skurrilen Pflanzen kommen nur bei Licht und Ebbe an die Wattoberfläche, um lebenswichtige Sonnenenergie zu tanken. Den Rest der Zeit verbringen sie gut geschützt im Boden.
Am meisten profitieren die Vögel vom Nahrungsreichtum im Wattenmeer. Zugvögel rasten dort in gigantischen Schwärmen auf ihren Wanderungen im Frühjahr und Herbst – ein Landeplatz für zehn bis zwölf Millionen Zugvögel.
Auch der Mensch schätzt den Reichtum der Nordsee. Früh morgens sticht Fischer Olaf Bönisch und seine Crew in See. Die Arbeit auf einem Kutter ist noch immer ein Knochenjob – obwohl Maschinen inzwischen vieles erleichtern. Mit großen Netzen machen die Fischer Jagd auf Nordseegarnelen, auch Krabben genannt.
Die Krabbenkutter sind kleine Industrieanlagen. Sortiermaschinen trennen die wertvollen Krabben vom so genannten Beifang. Die kleinen Fische und Krebse werden gesammelt und wieder über Bord geworfen. Da freuen sich die Möwen.
Noch vor einhundert Jahren wurden an der deutschen Nordseeküste Krabben vor allem mit der Glieb, einer Art Kescher, gefangen. Krabben waren damals ein Essen für arme Leute. Die tägliche Ausbeute reichte gerade einmal für den Eigenbedarf. Auf den modernen Kuttern werden die Nordseegarnelen gleich vor Ort in heißes Wasser geworfen und gekocht. Jetzt erst bekommen die glasig-durchsichtigen Krabben ihre rötliche Farbe. Ein Großteil der Delikatesse landet zunächst in Polen oder Marokko zum pulen, um dann wieder im Nordseerestaurant auf den Tisch zu kommen – ein ganz schöner Umweg.
Sylt, die größte der Nordfriesischen Inseln, lockt alljährlich über 600.000 Erholungssuchende an. Am Strand kann manch Sonnenhungriger eine Überraschung erleben. Schaut da nicht eine Haiflosse aus dem Wasser? Keine Angst, das sind nur harmlose Schweinswale. Sie sind zwar die häufigsten Wale der Nordsee, doch ihr Bestand ist durch herrenlose Netze und Beifang gefährdet. Im Jahr 2000 wurde deshalb vor Sylt und Amrum ein Walschutzgebiet eingerichtet.
Die beschauliche Welt der Sylter Dünen trügt, denn wie das Watt sind die Dünen laufend in Bewegung. Und Wind und Wasser nagen an der Insel. Dramatisch wird es, wenn Sturm aufzieht und der „blanke Hans“, die tobende Nordsee, zum Angriff übergeht. Küstenabbrüche sind keine Seltenheit. Die Sylter kämpfen um jeden Kubikmeter Sand und versuchen mit einem enormen technischen Aufwand das vom Meer abgetragene Land zurückzuholen. Der Sand wird im großen Stil aus dem Meer gebaggert und auf den Strand gespült. Diese Maßnahmen verschlingen jährlich vier Millionen Euro.
Über Jahrhunderte bewährt hat sich dagegen eine Methode, mit der die Friesen auf den Halligen seit Generationen der See trotzen. Reisig und Holz, zu so genannten Lahnungen zusammengefügt, haben sich im Kampf gegen die Nordseefluten bewährt. Die kleinen Dämme brechen die Wucht der Wellen und dienen bei Ebbe als Schlickfänger. Allerdings müssen sie regelmäßig gewartet werden, eine mühevolle Arbeit. Dank der Lahnungen wächst nach und nach Land aus dem Meer.
Spezialisierte Pflanzen wie Queller und Strandflieder kommen mit den häufigen Überflutungen bestens zurecht. Ihre Blütenpracht lockt zahlreiche Insekten an.
Die Salzwiesen bieten auch Gänsen einen idealen Rastplatz. Alljährlich im Frühjahr fallen Tausende von Ringel- und Weißwangengänsen entlang der Nordseeküste ein, fressen sich satt und ruhen sich aus. Die Salzwiesen sind überlebenswichtig für sie und viele andere Zugvögel. Von dort aus werden sie durchstarten in ihre arktischen Brutgebiete. Andere brüten direkt auf den Halligen.
Etwa siebzig Kilometer vor der Küste Nordfrieslands liegt Helgoland. Sie ist Deutschlands einzige Hochseeinsel. Tausende Urlauber kommen alljährlich auf die rote Insel – nicht nur wegen der frischen Seeluft, sondern auch wegen den vielen zollfreien Waren, die es hier zu kaufen gibt. Doch Helgoland hat mehr zu bieten als Schnaps, Parfüm und Zigaretten.
Die 60 Meter hohen Steilwände Helgolands sind voller Seevögel. Sie drängen sich lautstark und dicht an dicht auf den schmalen Felsvorsprüngen. Die Basstölpel sind Neubürger - das erste Paar brütete 1991. Jetzt leben dort über 150 Paare. Als Nistmaterial verwenden sie oft Reste von Nylonnetzen, die sie aus der See fischen. Nicht ganz ungefährlich: Die Vögel können sich in den Maschen verfangen und müssen dann qualvoll sterben.
Die Tierwelt Helgolands beherbergt viele skurrile Wesen. Doch diese Welt wandelt sich. Eines von diesen Wesen ist selten geworden: Der Helgoländer Hummer.
Einst gab es Tausende Hummer vor Helgoland. Heute gehen jährlich nur noch etwa zweihundert in die Fangkörbe. Schuld ist nicht allein die Überfischung, auch die Verschmutzung der Nordsee und ihre Erwärmung dezimieren die Hummer. Stattdessen haben sich die robusten Taschenkrebse in den vergangenen Jahren deutlich vermehrt. Er ist nun dort zu Hause, wo früher die Hummer lebten.
Dennoch – für eine Vielzahl von Arten ist die Nordsee ein einzigartiger Lebensraum.
Autoren: T. Grospitz, J. Westphalen
Bearbeitung: Sebastian M. Krämer
Letzte Änderung am: 12.06.2008, 09.41 Uhr