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Fernsehen im SWR

Insulin-Roulette

aus der Sendung vom Donnerstag, 2.7.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Längst ist im Gesundheitswesen die Wirtschaftlichkeit das oberste Prinzip. Alles muss sich rechnen. Mit der Folge, dass die Krankenkassen ihre Leistungen trotz steigender Beiträge immer weiter zurückfahren. Welche Folgen diese Sparverhalten gerade für ältere Menschen hat, zeigt sich auch beim Thema Diabetes. Die Zuckerkrankheit ist heute mit Insulin gut zu behandeln. Allerdings muss, bevor das Insulin verabreicht wird, der Blutzuckerspiegel exakt bestimmt werden. Das können die meisten Diabetiker selbst machen. Doch Pflegebedürftige beispielsweise tun sich damit schwer. Welche Folgen das haben kann, zeigt unser Beispiel.

Schwester Christel arbeitet als Altenpflegerin in Ludwigshafen. Kurz vor sieben Uhr morgens beginnt die so genannte Insulinrallye. Ihr erster Patient hatte einen Schlaganfall, sieht schlecht und leidet an Diabetes. Sie spritzt ihm Insulin. Den Blutzuckerwert hat sie vorher allerdings nicht gemessen, denn das Messen bekommt die Sozialstation von den Kassen nicht bezahlt.

Spritzen ohne Messen

Wir wollen wissen, wie gefährlich es ist, Insulin zu spritzen ohne vorher zu messen. Schwester Christel: "Wenn ich einen Fehler mache, also sprich: ich bin der letzte, den letzten beißen die Hunde, und das sind dann die Schwestern, die Pflegekräfte. Und die werden dann irgendwann, wenn sie einen Fehler machen, angezeigt - wenn falsches Insulin gespritzt, oder falsch gespritzt wurde, und gehen dann irgendwann in den Knast.“

Schwester Christel hat Angst. Das Messen des Blutzuckerwertes soll der Patient nämlich vor Ankunft der Pflegerin selbst übernehmen. Doch wie fast alle pflegebedürftigen Menschen ist er damit überfordert. Heute, sagt er, habe er einen Blutzuckerwert von 205. Ausnahmsweise überprüft Schwester Christel für uns seine Angaben: "Jetzt gucken wir mal. Was haben Sie für einen Wert gehabt? (...) Also er sagt mir jetzt 205, der letzte Wert ist aber 180."

Solche Differenzen sind für den Patienten gefährlich. Dennoch bekommen die Schwestern das Messen nicht bezahlt. Schwester Christel ist aufgebracht: "Tja, also ich weiß nie, ob der Wert stimmt, weil: der Mann kann nicht mehr. Der sieht nichts mehr. Der wird am Auge operiert. Was soll das, der hat die Spätfolgen des Diabetes, blind wie ein Maulwurf. Entschuldigung, dass ich so was sage. Aber auf seinen Wert muss ich mich verlassen!"

Blutzuckermessung wird nicht bezahlt

Auch bei der nächsten Patientin spritzt Schwester Christel Insulin, ohne vorher den Blutzuckerwert gemessen zu haben. Auch in diesem Falle wurde die Leistung von der Krankenkasse abgelehnt, obwohl sie von der betreuenden Fachärztin explizit verordnet wurde. Das Messen gehöre hier nicht zur Pflichtleistung der Krankenkasse.

Die Diabetologin Dr. Frigga Ferara sieht das anders: "Ich gehe nicht davon aus, dass die Patientin noch 100 Prozent verlässlich ihren Blutzucker messen kann. Denn alle diese Patienten, die von Sozialstationen betreut werden, haben ihre Handicaps. Schauen Sie auf den Jahrgang der Patientin, das ist sicherlich nicht mehr zuverlässig. Es funktioniert wahrscheinlich im einen oder anderen Fall, aber speziell dann, wenn es kritisch wird, und um diese Punkte geht es ja, ist die Zuverlässigkeit keinesfalls mehr gegeben."

Offenbar Koma durch Unterzucker

Immer wieder kommt es daher zu lebensgefährlichen Situationen. Beispiel Bayern: Walter Edbauers Vater wurde wahrscheinlich Opfer einer falschen Insulindosis. "Meinem Vater ist das wiederfahren, was man eigentlich so niemandem wünscht. Es wurde bei meinem Vater Insulin gespritzt, ohne vorher zu messen. Und ich habe dann mit der Pflegeschwester gesprochen, warum da nicht gemessen wird. Mein Vater sei eingestellt, das passe so. Die Ärzteschaft hatte das so vorgegeben, es müsse so gemacht werden", erzählt sein Sohn Walter.

Kurze Zeit später musste der Diabetespatient auf die Intensivstation eines Krankenhauses eingeliefert werden. Walter Edbauer: "Im Krankenhaus hat man mir dann gesagt, auf Anfrage, warum er eingeliefert worden ist. Und da hat es eben nur geheißen wegen Zucker. In der selben Nacht ist es dann leider zum Herzstillstand gekommen. Mein Vater ist dann drei Tage im Koma gelegen."

Koma durch Unterzuckerung? Heute lebt der 76-jährige in einer Reha-Einrichtung in Bayern. Dort wird der Blutzuckerwert regelmäßig gemessen. Dennoch bessert sich sein Gesundheitszustand nur langsam. Walter Edbauer will jetzt den ganzen Fall aufklären lassen und Schmerzensgeld fordern. Die AOK will ihn dabei unterstützen.

Doppelmoral der Krankenkassen

In ihrer eigenen Zeitung "Bleib gesund" ermunterte die Krankenkasse im vergangenen Jahr Betroffene, in Zweifelsfällen gegen ambulante Pflegedienste vorzugehen. Beispiel: Ein Diabetiker litt als Folge von Unterzuckerung an Schocksymptomen. "War vom ambulanten Pflegedienst die Insulinmenge falsch dosiert worden?", fragt die AOK. Die Krankenkasse beantragte Einsicht in die Pflegedokumentation und ließ ein Gutachten erstellen. Fazit des Artikels: "Weil sich seit dem Vorfall seine Pflegebedürftigkeit deutlich erhöht hat, stehen die Chancen gut, dass sich dieser Mehraufwand für die Pflegefamilie in einem Schmerzensgeld niederschlägt."

Einerseits unterstützt die AOK also Patienten die Schmerzensgeld einfordern wollen, andererseits weigert sie sich vielfach, Blutzuckermessungen zu bezahlen. So etwas nennt man Doppelmoral. Auf Anfrage verweist die AOK auf den gemeinsamen Bundesausschuss - ein Beschlussgremium aus Ärzten und Krankenkassen. In einer Richtlinie hat dieser Bundesausschuss festgelegt, dass Blutzuckermessungen von den Kassen in der häuslichen Pflege nur in wenigen, genau definierten Fällen, bezahlt werden müssen.

Fazit: Die Kassen spielen hier mit der Gesundheit der alten Menschen und bringen Pflegekräfte wie Schwester Christel in Gewissensnöte. Das muss sich dringend ändern.

Gottlob Schober

Letzte Änderung am: 10.07.2008, 19.01 Uhr