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Fernsehen im SWR

Behandlungsdiskriminierung bei Osteoporose

aus der Sendung vom Donnerstag, 2.7.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Osteoporose verursacht in Deutschland steigende Kosten im Milliardenbereich. Obwohl mit konsequenter Diagnostik und Therapie die Hälfte dieser Ausgaben eingespart werden könnte, werden derzeit nur etwa zehn bis zwanzig Prozent der Patienten gemäß den Osteoporose-Leitlinien behandelt. So mancher Arzt scheint sein Budget lieber zu schonen. Mit dramatischen Folgen.

Auch bei Gertrud Sauer wurde die Krankheit erst spät behandelt: "Wegen Rückenschmerzen bin ich im Februar zum Orthopäden gegangen und hatte eine ältere CT-Aufnahme mitgenommen, die ich ihm gezeigt habe. Darauf kam er zum Schluss, dass ich Osteoporose habe, weswegen er mir auch Tabletten verordnet hat. Vorher habe ich keine Behandlung gegen Osteoporose gemacht. Es wurde mit den Ärzten nicht thematisiert. Es war so - das Thema wurde von den Ärzten nicht thematisiert."

Wenn die Knochen brüchig werden

Die Folge: Frau Sauer stürzte und erlitt eine Oberschenkelfraktur. Ein Knochensplitter stand sogar völlig ab und musste genagelt werden. Solche schlimmen Frakturen gibt es oft bei Osteoporose, die Knochenschwund genannt wird, weil die Knochenmasse abnimmt. Die Knochen werden porös, verlieren an Stabilität und können schon beim kleinsten Stoß brechen.

Oberschenkelhalsbrüche sind deswegen so gefürchtet, weil sie oft in den Rollstuhl oder direkt ins Pflegeheim führen. In Deutschland rechnet man pro Jahr mit 120.000 solcher Frakturen. 6.000 Betroffene überleben die Frakturen wegen Komplikationen wie zum Beispiel Lungenembolien, Herzinfarkten oder Schlaganfällen nicht.

Für Professor Gerd Glaeske, Mitglied im Sachverständigenrat für Gesundheitsfragen der Bundesregierung, ist so etwas ein Skandal. In einer Studie kam er 2007 zu einem ernüchternden Ergebnis: "Zum einen schätzen wir, dass etwa sieben bis acht Millionen Menschen unter Osteoporose leiden. Zum zweiten haben wir gesehen, dass nur etwa 70 bis 80 Prozent die Arzneimittel bekommen, die wirklich notwendig sind, um Brüche zu vermeiden - und in der Zwischenzeit gibt es neben Tabletten auch Spritzen, die ich monatlich oder sogar nur jährlich einsetzen muss. Das Problem ist, dass diese Spritzen zu selten eingesetzt werden, auch weil sie den Ärzten zu teuer in der Verordnung sind. Aber es ist ein Skandal, dass, wenn Mittel existieren und die Mittel wirksam sind, dass man sie tatsächlich nicht einsetzt, um die wichtigsten Folgeerscheinungen der Osteoporose zu vermeiden, nämlich die Brüche. Und insofern brauchen Patientinnen und Patienten genau diese Medikamente."

Heute muss Gertrud Sauer mühsam wieder gehen lernen. Hätte ihr früherer Arzt sie schon vor einem Jahr, als er den Knochenschwund auf ihrem Computertomogramm gesehen hat, auf Osteoporose behandelt, wäre ihr die Oberschenkelfraktur wahrscheinlich erspart geblieben.

Rationierung in der Medizin

Die Rationierung in der Medizin führt zur Diskriminierung älterer Menschen. Viele Ärzte haben Angst, dass die Osteoporose-Behandlung ihr Budget sprengt. Dabei entstehen ohne Behandlung enorme Folgekosten. Die belasten jedoch die Gemeinschaft, und nicht das Budget des einzelnen Arztes. Eine Verlagerung der Kosten - auf Kosten der Alten.

Dieses Thema war auch Gegenstand einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie. Für deren Präsident Prof. Thomas Klie ist das Verhalten der Ärzte rechtswidrig: "Wie alle Patienten haben sie einen Anspruch auf Leitlinien-orientierte Diagnostik und Behandlung. Das ist ein Rechtsanspruch. Gerade ältere Menschen sollten darauf achten, dass sie die entsprechenden Medikamente erhalten, dass sie die entsprechenden präventiven Maßnahmen erhalten und dass entsprechende Hilfsmittel auch mit eingesetzt werden wie zum Beispiel Hüftprotektoren. Das ist das Recht eines jeden Patienten und das sollte er auch vor Augen haben und auch durchsetzen."

Therapie und Rehabilitation

Gertrud Sauer absolviert jetzt ein Krafttraining im Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Dort wird nach den Osteoporose-Leitlinien behandelt: Es wird trainiert, wie Stürze verhindert, und die Mobilität erhöht werden kann. Medikamente sollen die Knochen dichter machen und werden nur nach dem neuesten Wissensstand eingesetzt.

Frau Sauer ist mit Eifer dabei: "Ich nehme gerne teil am Krafttraining und an sonstigen Trainingsformen, weil ich sichtbare Fortschritte erlebe, was mich besonders deshalb motiviert, weil ich weiterhin gehen lernen möchte, richtig gehen lernen möchte, und vor allem auch Haltung und alle anderen Umstellungen, die der Körper durchmacht, besser bewältigen kann."

Chefarzt Dr. Clemens Becker bespricht die Therapie persönlich mit seiner Patientin und entwickelt einen Therapieplan, der individuell ganz auf sie zugeschnitten ist. Dr. Becker über den neusten Stand der Forschung: "Anders als vor einiger Zeit wissen wir heute, dass alleine Vitamin D, und nicht die Kombination mit Calcium, sinnvoll ist. Das zweite ist, dass wir Bisphosphonate heute empfehlen würden, und da kann man überlegen ob als Medikament oder als Spritze. Die Spritzen sind sicherlich sehr wirksam, aber wir wissen noch zu wenig über die Nebenwirkungen."

Deshalb zögert der Chefarzt noch mit dem Einsatz der Spritze, obwohl die Tabletten häufig Magenbeschwerden hervorrufen und deshalb auch oft unregelmäßig genommen werden. Als Spritze beziehungsweise Infusion ein Mal im Jahr lassen sich diese Beschwerden vermeiden. Eine Studie des Herstellers zeigte, dass Wirbelkörperfrakturen mit der Behandlung deutlich reduziert werden konnten. Kritische Stimmen bezweifeln dennoch die Kosten-Nutzen-Relation.

Ein Schutzpolster für die Hüfte

Hüftprotektoren sind ein weiterer effektiver Schutz gegen Oberschenkelhalsfrakturen. Das Polster wird in beide Seitentaschen der Hüfthosen gesteckt und wirkt dann wie ein Sturzhelm für die Hüfte. Beim Sturz dämpft es den Aufprall, die Sturzenergie verteilt sich vom Oberschenkelhals in das umliegende Weichteilgewebe. So gibt es keine Brüche - allenfalls blaue Flecken.

Ein Hüftprotektor kostet um die 60 Euro während die Folgekosten einer Oberschenkelhalsfraktur pro Patient 13.000 Euro betragen. Trotzdem zahlt nur eine Krankenkasse. Das Landessozialgericht in Nordrhein-Westfalen hat die Kassen kürzlich zur Übernahme der Kosten für den Hüftschutz verpflichtet. Dagegen haben diese Revision eingelegt. Jetzt muss das Bundessozialgericht entscheiden.

Frau Sauer hatte Glück. Durch die konsequente Behandlung wird sie bald wieder laufen können.

Ursula Biermann

Letzte Änderung am: 10.07.2008, 12.16 Uhr