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Fernsehen im SWR

Geo-Marketing

aus der Sendung vom Donnerstag, 29.5.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Wir werden immer gläserner: Was wir mögen, wie viel wir haben, wo wir uns gerne aufhalten - kaum etwas bleibt privat. Und dafür sorgt nicht nur unsere eigene Leichtfertigkeit, sondern auch die moderne Technik. Dass Firmen sie nutzen um ihr Marketing zu optimieren, mag ja noch akzeptabel sein. Aber die Grenzen verschieben sich immer weiter.

Seit 900 Jahren schon braut man im Kloster Alpirsbach Bier. Und seit 130 Jahren ist die Brauerei im Familienbesitz. Da könnte man meinen, das Geschäft wirklich zu verstehen. Doch der Wettbewerb wird immer härter. Einfach ein gutes Produkt zu haben, reicht heute nicht mehr.

Deshalb studiert Carl Glauner der Dritte seinen Markt mit Hilfe von Geomarketing. Und das heißt: Alle seine Kundendaten sind in geografischen Karten neu aufbereitet. Geomarketing, sagt er, wird deshalb so wichtig, weil jeder Entscheider den Wunsch hat, Komplexität verständlich zu machen und Informationen optisch schnell greifen zu können: "Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte."

Durch "Kundenlandschaften" navigieren

Seit Carl Glauner also Geomarketing macht denkt er nicht mehr in Tabellen, sondern geografisch. 80 Prozent seiner (und übrigens aller) Unternehmens-Daten haben nämlich einen geografischen Bezug. Und so navigiert er mit dieser neuen Technik nicht mehr durch abstrakte Zahlenkolonnen, sondern durch Kundenlandschaften - alles mit dem Ziel, größere Marktchancen zu bekommen, besser zu sein als die Konkurrenz. Allerdings kann man sich - wie mit einem ultramodernen Navigationsgerät im Auto - auch mit dieser neuen Technologie verfahren.

Digitaler Frequenzatlas für Plakate und Litfasssäulen

Damit das nicht passiert, arbeiten sie im Fraunhofer-Institut bei Bonn an immer raffinierteren Verfahren der Geo-Intelligenz. Dort forscht die Elite der deutschen Wissenschaft im Institut für intelligente Analyse- und Informationssysteme – als Geo-Dienstleister für Kommunen und Unternehmen, vor allem des Mittelstands. Zum Beispiel haben sie gerade einen Frequenzatlas für den Fachverband Außenwerbung, FAW, erstellt: jeden der sechs Millionen (!) Straßenabschnitte in Deutschland haben sie sich vorgenommen und können anhand der Frequenz der Passanten, Autos usw. objektiv bestimmen, wie teuer ein Plakat an so einem Standort sein darf.

Solche Plakatstandorte zu bewerten ist reine Statistik, kein Problem also für den Datenschutz. Doch andere bewerten Menschen geografisch, also aufgrund ihres Wohnumfelds. Scouts von Datenhändlern kundschaften unsere Wohnungen, Häuser, Vorgärten aus. Schober oder Microm heißen die Datenhändler, und sie sammeln und verkaufen zig Millionen Privatadressen: Schober wirbt auf seiner Internet-Seite damit, "19 Millionen Gebäude" - das sind alle Häuser in Deutschland - bewertet zu haben. Und das ohne unser Wissen, ohne unsere Zustimmung.

Daten über das Lebensumfeld

Den Soziologen Dieter Korczak aus München, prominenter Kritiker des "Geoscoring", irritiert das zunehmend. Denn wenn man einen schlechten Punktwert für sein Wohnviertel oder seine Straße von einer solchen Firma bekomme, dann erschwere einem das zum Beispiel den Kauf im Versandhandel, das erschwere möglicherweise Kreditaufnahmen. Aber mit dem individuellen Menschen habe das doch gar nichts zu tun. Denn vielleicht wohnt man dort ja, weil man die Multikulti-Atmosphäre mag, weil der Stadtteil grade im Aufstieg begriffen ist oder aus welchen Gründen auch immer.

Handy gibt GPS-Position preis

Die Technik, an der die Forscher im Fraunhofer-Institut arbeiten, ist schon längst weiter: künftig wird es möglich sein, nicht nur zu wissen wo ich wohne, sondern auch wo und wie ich mich bewege. Das funktioniert über Satellitensignale übers Handy, so genannten GPS-Tracks: so kann man wissen, wie viele Menschen an einem bestimmten Ort vorbeikommen, wie alt sie sind, wie viel sie verdienen.

Ein faszinierendes Szenario - jedenfalls für die von Berufs wegen neugierigen Wissenschaftler: In Zukunft wird es also möglich sein, dass man Echtzeitdaten kontinuierlich aufnimmt und auswertet und dann immer zu jedem Zeitpunkt ein Bild, einen Atlas der jetzigen Situation hat. Natürlich interessiert das auch die Wirtschaft: wo shoppen sie denn gerade, meine Kunden? Und die Polizei, die Staus erkennen und Verbrecher aufspüren will, interessiert das auch.

Missbrauch nicht ausgeschlossen

Andere finden das beängstigend. Dieter Korczak jedenfalls wird bei diesem Szenario an die Handyortung erinnert, womit man dann zielgenau so genannte "targets" per Rakete eliminieren kann - wie damals beispielsweise den tschetschenischen Präsidenten Dudajew. Man sollte sich immer fragen wer das alles benutzen kann, warnt er, denn mit diesen neuen Technologien sei die Gefahr hinsichtlich des persönlichen Datenschutzes, der Privatsphäre des Lebens offenkundig. Eine Gefahr, die in keinem Verhältnis zu den gewonnenen Erkenntnissen stehe.

Weil natürlich auch die Fraunhofer dem Datenschutz verpflichtet sind, arbeiten sie derzeit an einem System, alle Daten, über die man auf konkrete Personen schließen könnte, zu anonymisieren. Und sie hoffen, dass es nicht noch weiter geht mit dem voyeuristischen Wunsch nach immer mehr und immer höher aufgelösten Bildern aus unserem Vorgarten, um unsere Lebens- und Konsumgewohnheiten zu erkunden.

Harold Woetzel

Letzte Änderung am: 29.05.2008, 13.04 Uhr