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Fernsehen im SWR

Hygiene im Krankenhaus Krankenhausbakterien - Das Infektionsrisiko in Kliniken

aus der Sendung vom Donnerstag, 13.12.2007 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Ausgerechnet im Krankenhaus lauern Keime, gegen die Antibiotika manchmal nicht mehr wirken. Denn Bakterien sind raffiniert: Wenn man sie zu häufig mit Antibiotika bekämpft, lernen sie den Feind kennen und schützen sich vor ihm. Wenn nun in Krankenhäusern die Hygienevorschriften nicht genau eingehalten werden, können sich die Bakterien spielend vermehren.

Über 35.000 Patienten ziehen sich in unseren Krankenhäusern jedes Jahr eine Infektion mit solch gefährlichen Erregern zu. Einer von ihnen ist Hans Werner Rudloff. Vor vier Jahren hatte der ehemalige Handwerksmeister aus Wittenberg einen Arbeitsunfall. Die Arterie im linken Bein verschloss, seine Zehen starben ab, der Vorderfuss musste amputiert werden. Doch damit sollte die eigentliche Qual erst beginnen. Der Stumpf am Fuß wollte nicht verheilen, die Wunde eiterte und platzte immer wieder auf. Der Grund: MRSA, ein multiresistenter Keim. Hans-Werner Rudloff musste unendliche Schmerzen erleiden.

Er erinnert sich:

"Ja, die Schmerzen waren an der Amputationsstelle und zogen sich hoch bis in den Bereich über den Knöchel. Nach einem Jahr wurde festgestellt, dass da MRSA drin ist. So lange hat das gedauert. So lange habe ich mit diesen Schmerzen gelebt. Man hofft, dass man erlöst wird, dass man sterben kann. Aber das tritt halt nicht ein. Das Leben geht weiter, und die Schmerzen bleiben. Und irgendwann entschließt man sich dann, den Schmerzen ein Ende zu machen. Das habe ich mit der Amputation erreichen können."


Krankenhausinfektionen liegen auf Platz eins

MRSA-Bakterien. Sie breiten sich immer rasanter aus - vor allem in Krankenhäusern. Vor wenigen Wochen veröffentlichte das Europäische Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten einen dramatischen Bericht. Darin liegen die Krankenhausinfektionen unter den Infektionskrankheiten auf Platz eins - sogar vor Influenza und HIV.

EU-weit sterben pro Jahr 50.000 Menschen an einer Krankenhausinfektion. Ein Grund: mangelnde Hygiene in Krankenhäusern. Kontrollen haben ergeben, dass das Klinikpersonal die vorgeschriebenen Hygienestandards oft nicht einhält. Unter dem Mikroskop zeigt ein einfacher Vergleich eines gewaschenen Fingers und eines frisch desinfizierten Fingers: werden die Hände nicht nach jedem Patientenkontakt sorgfältig desinfiziert, tragen sie die Keime von einem Patienten zum anderen.

"Wenn bezüglich der Hygienestandards und Hygienemaßnahmen in den Kliniken keine drastische Verbesserung erreicht wird oder keine neuen Regeln eingeführt werden, müssen wir leider davon ausgehen, dass die Zahl von Krankenhausinfektionen mit Problemkeimen und resistenten Keimen in den nächsten Jahren auch in unserem Land weiter zunehmen wird", befürchtet Professor Johannes Bogner von der Uniklinik München.


Der Patient wird unmündig gehalten

Doch trotz der Brisanz - das MRSA-Problem wird in fast allen Kliniken totgeschwiegen. Wir machen den Test und rufen in 30 deutschen Kliniken an, geben uns als Patienten aus. Wir wollen wissen, wie viele MRSA-Fälle die Krankenhäuser im vergangenen Jahr hatten. Nur eine einzige Klinik gibt uns Auskunft. Alle anderen führen entweder keine Statistik oder wollen sie an Patienten nicht herausgeben.

"Der Skandal ist, dass der Patient unmündig gehalten wird, nicht aufgeklärt wird, damit er ja in die Einrichtung kommt, damit dort auch die wirtschaftlichen Verhältnisse, die Einnahmen gesichert werden. Und Punkt zwei hat der Patient keine Möglichkeiten das auch zu kontrollieren", kritisiert Wolfram-Arnim Candidus von der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten.


In Großbritannien ist der Erreger meldepflichtig

Ganz anders zum Beispiel in Großbritannien. Dort kann jeder Patient die MRSA-Daten bequem im Internet nachsehen, denn bei den Briten ist der gefährliche Erreger seit 2001 meldepflichtig. Überhaupt lohnt bei dem Problem mit den Krankenhauskeimen der Blick ins Ausland. Wir fahren in die Niederlande, wo MRSA praktisch nicht existiert. Denn dort hat man die Brisanz der Infektion bereits Anfang der 80er Jahre erkannt und offensiv bekämpft - und zwar nicht nur durch drastische Hygienemaßnahmen, wie der Mikrobiologe Dr. Ron Hendrix erklärt:

"In Deutschland kriegt fast jeder, der zum Beispiel einen Schnupfen hat oder etwas anderes, von seinem Hausarzt ein Antibiotika mit nach Hause. Wir haben kein Problem mit MRSA und auch nicht mit anderen multiresistenten Keimen, die es ja auch in Deutschland gibt, weil wir fast keine Antibiotika an Patienten verschreiben."

Dr. Hendrix gibt sein Wissen seit einiger Zeit an Kollegen aus Deutschland weiter. Deutsche Patientenvertreter und Ärzte der Universität Münster konnten ihn für ein grenzüberschreitendes MRSA-Netzwerk gewinnen. Ein erfolgreiches Projekt: Die Uniklinik Münster ist in Sachen MRSA-Bekämpfung Deutschlands Vorzeigekrankenhaus geworden. Neben dem restriktiveren Gebrauch von Antibiotika und umfangreichen Hygienemaßnahmen werden dort seit 2005 alle über 40.000 Patienten pro Jahr bei ihrer Aufnahme durch einen Nasenabstrich auf MRSA untersucht. Ist ein Patient positiv getestet, wird er strikt isoliert. Mit diesen Maßnahmen konnte die MRSA-Rate fast halbiert werden.


Sparen statt investieren

Dr. Alexander Friedrich von der Uniklinik Münster bestätigt: "Es ist vielfach gezeigt worden, dass die Maßnahmen, die ich präventiv durchführen muss, das Screening, um ein 100-, zum Teil 1.000faches niedriger liegt als die Folgekosten, die dann durch solche Infektionen entstehen."

Doch viele Klinikchefs sparen lieber kurzfristig und verzichten auf Investitionen im Bereich Hygiene. Wolfram-Arnim Candidus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten, hat ein Beispiel: "Vor kurzem hatte ich den Fall, dass ich eingeladen war zu einem Vortrag in einer Klinik und habe auch die Thematik Hygiene angesprochen. Ich kam nur zu keinem Dialog, sondern führte nur einen Monolog zu dem Thema. Als ich dann das Klinikgelände verlassen wollte, kamen fünf Mitarbeiter aus der Klinik zu mir und teilten mir mit, sie würden meinen Standpunkt voll teilen, aber wenn sie dort etwas gesagt hätten, würden sie Gefahr laufen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren."

Hans-Werner Rudloff kann das nicht verstehen. MRSA hat sein Leben zerstört. Jetzt hofft er, dass die Verantwortlichen endlich aufwachen.

Birgit Kappel, Andrea Mocellin, Mike Lingenfelser

Letzte Änderung am: 12.12.2007, 14.35 Uhr