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Fernsehen im SWR

Gesunde Ernährung Das Zucker Versteckspiel

aus der Sendung vom Donnerstag, 13.12.2007 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Süß schmeckt, süß macht süchtig. Aber Zucker ist ein Problem, weil er – wenn wir zu viel davon abkriegen – krank macht. Dies zeigt die rasante Zunahme von Diabetes - die medizinische Bedrohung in den nächsten Jahren. Was tun?

Nun, zumindest klar kennzeichnen, wo wie viel Zucker enthalten ist. Dass die Lebensmittelindustrie allerdings lieber Verstecken spielt, ist verständlich: Eine klare Kennzeichnung könnte das Geschäft schädigen. Dass aber das Verbraucherministerium bei diesem Versteckspiel mitmacht, ist ein Skandal.


Wie viel Zucker ist erlaubt?

Wir sind in einem Supermarkt und wollen herausfinden, ob die Verbraucher wissen, wie es um den Zuckergehalt von Lebensmitteln steht. Die Reaktion: Ratlosigkeit, Verzweiflung und Rechenkünste. Trotz aller Bemühungen lautet die Antwort oft: "Keine Ahnung". Dabei könnte es im Grunde ganz einfach sein, wenn es klar auf der Packung stehen würde und gleich daneben vielleicht sogar eine Empfehlung. Denn wer weiß schon, wie viel Zucker für eine gesunde Ernährung erlaubt sind?

Deshalb fordert Thilo Bode von der Verbraucherschutzorganisation "foodwatch" eine klare Kennzeichnung der Lebensmittel: „Eine Leberwurst ist ja keine Eigentumswohnung. Man will nicht stundenlang vor einem Produkt in einem Regal stehen. Dafür sind die Lebensmittel auch nicht teuer genug.“

Der ehemalige Greenpeace Chef, der sich jetzt an die Lebensmittelindustrie ran macht, scheut sich nicht, Namen zu nennen: "Dieser Kindermilchdrink, Biene Maja, recht bekannt, kommt harmlos daher. Da steht der Zuckergehalt nicht drauf. Nun würde man denken, von einem Milchdrink, da kann ja so viel Zucker nicht drin sein. Wenn man das aber umrechnet auf einen Liter Biene Maja, dann sind da 44 Würfel Zucker drin. Um einen Vergleich zu haben: in einem Liter Cola sind nur 28 Stück Würfelzucker drin."


Nährwerte sollen deutlich lesbar auf der Packung stehen

Ein Einzelfall? Wir machen den Test und kaufen Frühstücksgetreide, Milch- und Fertigprodukte. Tatsache: selbst in Tütensuppen ist Zucker. Brokkolisuppe ist zum Beispiel mit einem Würfelzucker gesüßt, eine Portion Tomatensuppe kommt lässig auf drei Würfelzucker. Morgens geht es aber schon los: Ein gesund wirkendes Schokomüsli hat schon vier Würfelzucker, und wer sich zwischendurch mit hundert Milliliter Fruchtjoghurt etwas Gutes tun will, bekommt gleich fünf Würfelzucker mitgeliefert. In der Regel sind die Packungen jedoch größer. Da sind schnell mal zehn Stück Würfelzucker zusammen. Das heißt: 30 Gramm Zucker.

Solche Nährstoffe sollen nicht länger versteckt bleiben. Die Lebensmittelindustrie hat auch schon eine Lösung. Bis Ende 2008 sollen die Nährwerte deutlich lesbar auf der Packung stehen. Besonderer Clou: der prozentuale Anteil am täglichen Bedarf steht auch dabei. Doch der macht laut Prof. Peter Stehle, seines Zeichens Präsident des Wissenschaftlichen Präsidiums der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und Ernährungswissenschaftler an der Uni Bonn, das Leben nicht einfacher: "Ist es jetzt gut, wenn’s Null ist, oder ist es gut wenn’s hundert ist. Das ist bei diesen Prozentangaben sehr schwierig. Kaufen Sie sich eine Cola ‚light’ oder ‚zero’, dann steht da fünf mal Null. Ist das gut oder schlecht?"

Ohne eingehende Recherche oder ohne eine entsprechende Ausbildung wird das wohl kaum jemand auf Anhieb sagen können. Deshalb kommt Verbraucherschützer Thilo Bode zu dem Schluss: "Die Kennzeichnung, wie sie jetzt die Industrie propagiert, ist nutzlos. Die verstehen die Leute nicht, sie sehen sie nicht, sie merken sie nicht und wenn man die Nährwerte kennzeichnen will, und da spricht einiges dafür, dann muss man es mit Symbolen machen."


Großbritannien macht's vor

Wie das gehen kann, machen die Briten vor. Auf der Insel, wo alles ein bisschen anders ist, haben sich einige Lebensmittelketten entschieden, den Verbrauchern zu helfen. Dort werden die Nährstoffgehalte mit den Farben der Ampel gekennzeichnet. Grün bedeutet, grob gesagt, gut für die Ernährung. Rot dagegen ist eher schlecht. So lässt sich schnell herausfinden, was in den Einkaufskorb soll. Solch einfache Hilfen sind in Deutschland jedoch nicht willkommen - zumindest nicht bei der Lebensmittelwirtschaft, vertreten durch Dr. Theo Spettmann vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, kurz BLL. Das ist der Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft.

Auf einem Kongress über die Zukunft der Ernährung treffen wir den Vorsitzenden: "Wir halten davon, und das sag ich in aller Offenheit, nicht viel, weil sie ein Bild aufbaut, was nicht mit der Realität übereinstimmt. Es ist zu vereinfachend. Es diskriminiert Lebensmittel in gute und in schlechte, obwohl alle Lebensmittel zugelassen sind. Sie haben nur andere Inhaltsstoffe."

Bei der BLL sei man aber auch nicht glücklich mit dem Kennzeichnungsentwurf der Branchenriesen. Lieber wäre der Wirtschaft eine abgespeckte Version, die lediglich die Kalorien angibt. Schließlich machen die ja dick. Welchen Einfluss die Meinung der Lebenswirtschaft hat, erklärt uns Theo Spettmann nicht ohne Stolz: "Der BLL ist ja in Deutschland die einzige Institution, die durch die Politik, bevor sie ein Gesetz beschließt, gehört werden muss. Sie muss sich nicht daran halten, aber sie muss gehört werden. Es ist ein Vorteil, dass man hier in engem Kontakt mit der Politik seine Meinung entsprechend vorbringen kann, bis in die Anhörung der jeweiligen Parteien hinein."


Gibt es einen Kennzeichnungs-Kompromiss?

Beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) in Berlin findet man zwar keine Zeit für ein Interview, aber man hat sich auch Gedanken über eine Nährwertkennzeichnung gemacht. Horst Seehofer hat es im Oktober 2007 vorgestellt. Es heißt: "Das Zielmodell ‚1 plus 4’ des BMELV zur erweiterten Nährwertinformation.“ Dabei handele es sich laut telefonischer Auskunft um einen Kompromiss zwischen Verbraucher- und Wirtschaftsinteressen. Schaut man sich jedoch den Vorschlag genau an, so ist ein Unterschied zu den Industrievorschlägen nicht zu erkennen.

Für Prof. Peter Stehle hat das Ministerium die Nährwertkennzeichnung der Industrie schlicht „akzeptiert“. Dabei seien die Werte nur teilweise auf wissenschaftlichem Hintergrund entstanden. Manche Werte seien für ihn nur sehr schwer nachvollziehbar. Besonders stark in der Kritik: der Richtwert für Zucker. Die Industrie, und damit auch das Verbraucherministerium, halten einen täglichen Verbrauch von 90 Gramm für angebracht.

Nimmt man Zucker jedoch ausschließlich über Obst und Milch auf, so kommt man lediglich auf etwa 50 Gramm. Einen ähnlichen Wert empfiehlt die WHO für die Aufnahmen von so genanntem künstlichem Zucker. Die Arbeitsgruppe der Industrie hat diese beiden Werte einfach addiert, mit dem Effekt, dass "Produkte dann eine Prozentangabe haben die niedrig ist, und das wird dann als positiv, als Verkaufsargument herangezogen, weil der Gehalt an Zucker eben akzeptabel erscheint", so Stehle.


Das Versteckspiel geht weiter

Werden zum Beispiel auf einer Packung Frühstückskorn elf Prozent Zucker im Frühstückskorn angegeben, dann wären das korrekt berechnet 20 Prozent. Auf die Frage, ob das nicht Pfusch sei, antwortet Prof. Stehle diplomatisch: "Es ist sicherlich in einer Wissenschaftlichen Weise nicht korrekt. Der Verbraucher bekommt einen Prozentwert der nicht nachzuvollziehen ist. Insofern ist es letztendlich eine falsche Angabe. Pfusch würde ich das nicht bezeichnen, aber eine falsche Angabe."

Den Verbraucherschützer Thilo Bode wundert das Verhalten der Industrie kein bisschen: "Wir müssen uns den Gedanken abschminken, dass die Industrie freiwillig eine Verbraucherpolitik macht, die dem Verbraucher wirklich nutzt. So lange sie gesetzlich die Möglichkeit hat, den Verbraucher zu täuschen, da wird sie ihn täuschen. Das ist nicht unbedingt amoralisch. Das ist einfach so, weil jeder sein Interesse maximiert. Die Nahrungsmittelindustrie macht das nicht anders als in anderen Branchen."

Das Zuckerversteckspiel geht also weiter. Dass die Werbung der Nahrungsmittelhersteller gerne etwas vorgaukelt, daran haben wir uns schon irgendwie gewöhnt. Doch dass das Verbraucherministerium mitzumachen scheint, das enttäuscht dann doch.

Hilmar Liebsch

Letzte Änderung am: 13.12.2007, 10.08 Uhr