aus der Sendung vom Donnerstag, 4.10.2007 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Sie ist erst 30 Jahre alt, noch dazu eine Frau in der Männerdomäne Weltraumforschung, und hat dennoch schon die Leitung über ein ambitioniertes Weltraumprojekt der ESA in Darmstadt: Elsa Montagnon aus Frankreich.
Das Projekt, das sie davor federführend mitbetreut hat, widmet sich der Erforschung der "Kinderstube unseres Sonnensystems". Dafür ist die Raumsonde Rosetta seit 2004 auf dem Weg zu dem Kometen Churyumov-Gerasimenko. Er besteht - wie alle Kometen - aus dem Urmaterial, aus dem sich unser Sonnensystem vor vier Milliarden Jahren gebildet hat. Im Gespräch mit der jungen Forscherin spürt man die Begeisterung, die sie für die Rosetta-Mission empfindet: "Also Rosetta ist wirklich eine irre Mission. Man muss sich vorstellen: Zehn Jahre ist die Sonde im Weltraum unterwegs. Die Mission wird zu einem Komet gehen, der Elemente trägt, aus einer Zeit vor viereinhalb Milliarden Jahren. Also das ist einfach verrückt."
Dass bei der ESA in Darmstadt fast nur Männer in den wissenschaftlichen Projekten arbeiten, ist für Elsa Montagnon kein Thema. Thema ist die Arbeit: Eine Raumsonde über Millionen Kilometer präzise ins Ziel zu steuern ist schließlich kein Pappenstil. Da gibt es jede Menge komplizierte Manöver zu betreuen. Zum Beispiel das Schwung holen im inneren Sonnensystem. Mehrfach fliegt die Sonde an Mars und Erde vorbei, bis sie schnell genug ist für ihre weite Reise zum Kometen Churyumov-Gerasimenko. "Vor allem sich vorzustellen, dass die so weit weg von einem sind. Dass mein Satellit Millionen von Kilometern von mir entfernt ist. Ich schicke da ein Signal hin und das braucht vierzig Minuten, um anzukommen. Und dann weitere vierzig Minuten, um wieder zurückzukommen. Das gibt mir ein Schwindelgefühl", sagt Elsa Montagnon.
Spannung im Kontrollraum. Der Kontakt zur Sonde wir aufgebaut. Elsa Montagnon und zwei ihrer Kollegen sitzen konzentriert vor ihren Computermonitoren und warten auf den Datenstrom. Die Gelegenheit ist günstig, denn Rosetta fliegt gerade auf die Erde zu. Im November wird sie nur ein paar Tausend Kilometer an der Erde vorbeirauschen, dabei von der Anziehungskraft der Erde um etwa 10.000 Stundenkilometer beschleunigt. Das funktioniert ähnlich wie das Hammerwerfen. Die Erdnähe nutzen Elsa Montagnon und das Rosetta-Team aus Darmstadt, um Daten von der Sonde zu checken. Die Sonde testet ihre komplizierte Technik an Bord selbst und sendet die Ergebnisse an das Kontrollteam. Das ist immer ein aufregender Moment. Ist die Technik noch in Ordnung? Fit für die anspruchsvolle Mission in sieben Jahren?
Dann wird im großen Raumfahrt-Kontroll-Zentrum der ESA in Darmstadt wieder die Hölle los sein. Wie damals, 2004, als die Weltöffentlichkeit den gelungenen Start der Rosetta Mission verfolgte und feierte. Elsa Montagnon erinnert sich an diesen bewegenden Moment: "Zum ersten Mal wird es real, das ist einfach klasse. Vor allem der Start. Der Start ist immer sehr emotional. Die Rakete ist einfach riesig. Und du weißt: da oben drauf sitzt dein Baby."
Die Ingenieurin erzählt, wie sie in die High-Tech-Welt der ESA kam: "Innerhalb meines Studiums habe ich die Gelegenheit gehabt, ein Praktikum zu machen innerhalb der ESOC, also der ESA hier. Und das war einfach toll! Ich war immer schon fasziniert von fliegenden Dingen. Aber Satelliten hatte ich nicht ganz auf dem Plan. Trotzdem bin ich hierher gekommen und die internationale Atmosphäre, die Mission und die Technik: das fand ich einfach klasse."
Und wie wäre es mit einem Job im All? Wäre es nicht großartig, selbst dort oben zu sein: als Astronautin? Einen Weltraumspaziergang in der Schwerelosigkeit zu machen? "Also das einzige, was schön wäre, wäre die Erde von oben beobachten zu können. Aber das habe ich ja gehabt. Denn unsere Satelliten nehmen ja Bilder vom Sonnensystem und wir kriegen die zurück, als ob wir die selber geschossen hätten. Von daher muss ich nicht unbedingt nach oben gehen. Das finde ich hier schon spannend genug."
Es wird noch sieben Jahre dauern, bis Rosetta den Kometen erreicht. Dann beginnt die komplizierte Mission eigentlich erst richtig. Elsa Montagnon erklärt, was dann passiert: "Irgendwann werden wir mit der Kamera anfangen den Kometen zu sehen: Und dann werden wir zum ersten Mal Informationen bekommen über den Kometen. Wie groß er ist, seine Rotation, wie aktiv er ist, wie viel Gas und Staub da rauskommt. All diese Daten benutzen wir, um ein Modell von dem Kometen zu machen. Ganz langsam, Schritt für Schritt. Und dann irgendwann werden wir den Lander rauslassen. Wir hoffen, das die Bahnberechnung richtig war. Dann kommt der Lander runter. Er kann die Bahn selbst ein bisschen steuern. Und dann kommt er runter mit seinen Füßen, die speziell dafür entwickelt worden sind, auf unbekanntem Terrain zu landen. Und dann hat er noch eine Harpune, mit der er sich an der Oberfläche des Kometen festhalten kann."
Mit einem halben Dutzend Messinstrumenten wird der Lander den Kometen untersuchen, den schmutzigen Schneeball aus der Kinderstube unseres Sonnensystems. Doch auch wenn die extrem komplizierte Mission mit dem Lander fehlschlagen sollte, ist die Mission nicht gescheitert. Die Sonde Rosetta besitzt selbst eine Vielzahl von Sensoren, mit denen sie den Kometen auskundschaften, und Materie aus seinem Schweif analysieren kann.
Elsa Montagnon hat in Darmstadt zu Testzwecken einen technisch identischen Zwilling - einen Klon - von Rosetta. Mit denselben Apparaten, die auch die Sonde im Weltraum trägt: "Mit dem Rosetta-Klon testen wir Missionen, die zuvor beim Start nicht geplant waren. Oder wir versuchen Probleme zu lösen. Aber der Klon steht hier im Raum. Und dafür haben wir das ganze technische Equipment hier: Über die Kabel speisen wir solche Daten in den Klon ein, dass er 'denkt' er sei im Weltraum. Und so lassen sich die Situationen repräsentativ testen."
Eine halbe Stunde hatte das Rosetta-Team Kontakt zu der Sonde. Riesige Datenmengen sind durch das All gerauscht und schließlich in den Computern von Elsa Montagnon und ihrem Team gelandet. Die junge Wissenschaftlerin ist erleichtert: "Okay, wir haben alle Daten von den Tests, die in den letzten Tagen durchgelaufen sind, angesehen. Und so wie es aussieht ist alles in Ordnung. Also für heute war es das."
Einen viereinhalb Milliarden Jahre alten Kometen zu jagen - ein Traumjob für die junge Französin. Und inzwischen leitet sie bereits ein neues Projekt: Eine Sonde, die 2014 den Merkur erforschen soll. Trotz diese Projektes hat die junge Frau jetzt, im Vergleich zu den letzten Jahren, in denen sie ich beruflich doch sehr eingespannt war, etwas mehr Zeit für ihre Hobbys und um Freunde zu treffen. Kein Wunder, dass sie sagt: "Also ich bin eigentlich im Moment wunschlos glücklich." Elsa Montagnon ist mit dreißig Jahren zweifellos eine Überfliegerin auf der Suche nach Welten, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat.
Letzte Änderung am: 27.09.2007, 18.31 Uhr