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Fernsehen im SWR

Viel Wirbel um Nichts? Medienphänomen Waldsterben

aus der Sendung vom Donnerstag, 16.3.2006 | 22.06 Uhr | SWR Fernsehen

Anfang der 80er Jahre beobachteten Wissenschaftler diverse Schäden in verschiedenen Wäldern Deutschlands. Als Ursache vermutete der Göttinger Bodenkundler Bernhard Ulrich Luftschadstoffe.

Er befürchtete, dass die ersten großen Wälder schon bald sterben könnten. Eine gewagte Prognose, die von den Medien aufgegriffen wurde. Zwischen 1981 und 1988 erschienen in den Meinungsführern wie Spiegel, Stern, FAZ und ZEIT mehr als 100 Artikel über das Waldsterben

Der Journalist und Medienwissenschaftler Rudi Holzberger hat die Artikel analysiert und den Umgang der Medien mit dem Thema Waldsterben untersucht. Dabei machte er eine erstaunliche Entdeckung: "Das war für mich als Praktiker wahrscheinlich das erschütternste Ergebnis. Im Grunde kommt bei meiner Analyse heraus: es ist so gut wie nicht recherchiert worden. Die ersten Artikel - da ging es gerade noch so. Danach ist eigentlich fast ständig kolportiert worden, das heißt: der eine hat vom anderen abgeschrieben. Weil alle angenommen haben, der Wald ist eh tot, da muss ich nicht mehr lang recherchieren. Es reicht, wenn ich das Thema beschwöre."

Der Wald wurde regelrecht tot geschrieben

Kritische Wissenschaftler kamen in den Berichten kaum zu Wort. Dafür hoben die Schlagzeilen und die Wortwahl vieler Artikel immer stärker ab, bis sie mit dem Waldzustand, den sie beschreiben sollten, nur noch wenig zu tun hatten. "Ein schönes Beispiel" sei, so Rudi Holzberger, der Artikel " 'Die Reihen der Bäume lichten sich wie eine Armee unterm Trommelfeuer' - im Stern 1986, wenn ich es recht sehe - fernab jeglicher Realität. Damals war den meisten Wissenschaftlern schon klar: gar so drastisch ist es Gott sei Dank nicht. Trotzdem haben die Journalisten praktisch auf ihrem Thema beharrt, haben den Wald regelrecht - und zwar mit großer Inbrunst - tot geschrieben.

Das Medienecho blieb nicht ohne Folgen: Umweltverbände und Öffentlichkeit reagierten äußerst betroffen. Die Regierung geriet unter Druck und musste rasch handeln. Doch dazu musste erst so schnell als möglich das Ausmaß der Schäden festgestellt werden. Deshalb wurde ab 1984 der Waldschadensbericht bundesweit eingeführt. Doch dessen Hauptkriterium, das Bestimmen des Belaubungsgrades der Baumkronen, war bald wissenschaftlich umstritten.

Die Methode sei ungenau, liefere zu hohe Schadenszahlen, so die Kritiker. Die offiziellen Berichte zeichneten ein düsteres Bild des Waldzustandes: mehr als die Hälfte der Bäume wurde als geschädigt eingestuft. Die Ergebnisse leisteten dem Medienthema Waldsterben zusätzlich Vorschub.

Das große Sterben blieb aus

"Es konnte wohl nur in diesen 80ern Karriere machen, der Zeitgeist war damals sehr depressiv - mit Tschernobyl 1986, wahrscheinlich zu Recht zeitweise depressiv. Aber daher kam wahrscheinlich diese Erwartungshaltung, die letztendlich die Karriere erst beflügelt hat", glaubt der Journalist Rudi Holzberger.

Jedes Jahr ließ die Regierung die Waldschäden erheben - die Bekanntgabe wurde zum politischen Ritual. Die Medien vermeldeten jeweils die neuesten Schadensbilanzen. Doch das von Forschern angekündigte großflächige Absterben ganzer Wälder blieb aus. Rudi Holzberger: "Die kritischen Stimmen in der Wissenschaft blieben lange noch in der Defensive.

Erst Mitte der 90er Jahre kommt tatsächlich die Wende. Und plötzlich redet niemand mehr vom Waldsterben, es wird verdrängt. Trotzdem kann es bis heute beschworen werden, also das Bild ist erstaunlich lebendig. Wenn irgendwo in einer Schlagzeile Waldsterben steht, dann ist zumindest bei älteren Menschen, aber auch bei Leuten zwischen 20 und 30 Jahren, die es in der Schule gelernt haben, das Bild sofort wieder als Bedrohung da."

Das Thema Waldsterben ist für Holzberger ein Medienklischee - ein populäres Bild, das sich in den Köpfen vieler Menschen bis zum heutigen Tag festgesetzt hat.

Eva Rauert

Letzte Änderung am: 11.07.2007, 16.53 Uhr