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Fernsehen im SWR

Tu was, aber was?

aus der Sendung vom Donnerstag, 26.2.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Unser Klima verändert sich, und jeder Einzelne trägt zu der Erderwärmung bei. Wie sehr, hängt davon ab wie wir wohnen, was wir essen, wie wir verreisen. Klimaschützer appellieren schon lange an unser Umweltgewissen. Und weisen darauf hin, dass bereits kleine Veränderungen eine große Wirkung haben:

So könnte etwa die Leistung eines, oder sogar zweier Kernkraftwerke eingespart werden, wenn alleine in Deutschland auf den Standby-Modus bei Haushaltsgeräten verzichtet würde. Das klingt beeindruckend, aber können wir wirklich mit Energiesparlampen, Mülltrennung, oder Kochen mit Deckel unseren Planeten retten? Ist die Politik der kleinen Schritte die richtige Lösung für das CO2-Problem?

Die Zeit der kleinen Schritte ist vorbei

Michael Bilharz vom Umweltbundesamt in Dessau. Er hat erforscht, welche Auswirkungen unser tägliches Leben und unser Handeln auf den CO2-Ausstoß hat, wo es Einsparpotentiale gibt und welche Stellschrauben wirkliche Veränderungen bringen. Denn nahezu alles, was wir täglich tun, verursacht einen CO2-Ausstoß.

Dass Autofahrten und der Flug in den Urlaub nicht sehr umweltfreundlich sind, ist fast jedem klar. Aber auch beim Einkaufen im Supermarkt müssen wir uns über CO2-Gedanken machen. Jede Ware, die wir kaufen und konsumieren, hat in ihrem Produktionsprozess einen CO2-Ausstoß verursacht. Die Sparmöglichkeiten sind also allumfassend. Die Macht des einzelnen Konsumenten ist sicherlich gering, kaufen allerdings viele einzelne bewusst ein, können sie Industrien und Wirtschaftszweige fördern oder abstrafen.

Michael Bilharz hat genau das erforscht. Er teilt sämtliche Konsumbereiche in drei Kategorien: Peanuts sind die kleinen Einsparmöglichkeiten, die wenig CO2 sparen, zum Beispiel die Energiesparbirne, Kochen mit Deckel oder das Licht ausschalten wenn man nicht im Raum ist. Die zweite Kategorie sind die Big Points. Sie sparen mindestens zehnmal mehr CO2 ein als Peanuts. Beispiel: der Verzicht auf Flugzeugreisen. Obwohl Fluggesellschaften behaupten, ähnlich viel CO2 zu emittieren wie ein Auto. Dabei rechnen die Fluglinien nicht nur mit vollbesetzten Maschinen, sie vergessen auch gerne zu erwähnen, dass das CO2 aus den Flugzeugen in einer sehr empfindlichen Luftschicht ausgestoßen wird. Experten gehen davon aus, dass der Schaden, den CO2 hier verursacht, um ein Vielfaches schlimmer ist als bei CO2 das am Boden ausgestoßen wird. Trotz des großen Sparpotentials von Flugreisen kommt das „Nichtreisen“ nicht in die wichtigste Kategorie von Michael Bilharz. Das sind die von ihm so genannten Key Points: Sparmaßnahmen die viel CO2 einsparen und zu einem Trend werden können.

Nur Einsparungen mit Trendpotential bringen die Wende

Das Trendpotential einer Handlung ist nach Michael Bilharz Forschung ein Schlüsselmoment. Ein Trend entsteht nur, wenn gleichzeitig ein Vorteil für den Sparer entsteht. Wir sind nur zum umdenken bereit, wenn wir das im Portemonnaie spüren, oder einen Imagegewinn erzielen können. Das können nur wenige Sparmaßnahmen erfüllen. Wenn diese allerdings umgesetzt, und zu echten Trends werden, dann könnten diese Key Points zu Massenphänomenen werden, und wir hätten nach Bilharz das Problem der privaten CO2 Emissionen im Griff. Die großen Verbraucher bei privaten Haushalten sind die wichtigsten Punkte.

Heizen und Mobilität sind die großen CO2-Verursacher

Zusammen verursachen Heizen und Mobilität über die Hälfte des CO2-Verbrauchs der privaten Haushalte. Deshalb sind diese Bereiche für Michael Bilharz die ersten Adressen für Veränderung. Den größten CO2-Verursacher im Haus findet der Forscher bei der Heizung. Deshalb hilft es natürlich im Winter, nur in den Räumen zu heizen, in denen man sich auch aufhält. Ein oder zwei Grad weniger, dafür ein dicker Pullover ist auch richtig, aber entscheidend ist die Dämmung einer Wohnung. Gut isolierte Fenster, Wände und vor allem das Dach können immense Mengen an CO2-Verbrauch verhindern. Außerdem spart weniger heizen teuren Rohstoff. Wer nicht in Wohneigentum lebt, also keinen Einfluss auf die Dämmung hat, sollte bei der Wohnungssuche auf die Lage der Wohnung innerhalb des Mietshauses achten: Ist die Wohnung von anderen Mietwohnungen umgeben, hat sie weniger Außenwände und lässt sie sich günstiger beheizen.

Mobilitätsverhalten muss sich ändern

Die Mobilität ist der nächste wichtige Punkt. Michael Bilharz empfiehlt, in Ballungsräumen das Prinzip des Carsharings. Ein Auto erzeugt schon bei seiner Herstellung einen Großteil seiner CO2- Emissionen. Deshalb ist jedes Auto weniger ein großer CO2-Gewinn. Mit Carsharing könnte ein Auto das leisten, was zehn Autos in Privatbesitz können. Der durchschnittliche Carsharing-Teilnehmer fährt etwa zwei Drittel weniger Kilometer mit dem Auto, er benutzt den öffentlichen Personennahverkehr, die Bahn oder auch Taxis - alles gegenüber dem PKW mit deutlich besserer Klimabilanz.

Ein drittes wichtiges Nachhaltigkeitsthema findet der Klimaschützer im Finanzsektor. Wir legen unser Geld in Aktien, Pfandbriefen oder Tagesgeldkonten an. Das bringt Zinsen, aber auch Verantwortung. Was geschieht mit unserem Geld? Werden Rüstungsunternehmen und Zigarettenindustrie mit Krediten versorgt, oder werden Windparks und Solaranlagen unterstützt? Wer sich mit Finanzprodukten beschäftigt, kann einen großen CO2-Einspareffekt erzielen, indem er strategisch in die nachhaltige Energiewirtschaft investiert. „Wenn Sie beispielsweise 10.000 Euro in eine Windanlage investieren, dann neutralisieren Sie komplett ihren CO2-Ausstoß von 12 Tonnen pro Jahr. Sie haben eine gute Geldanlage, und Sie unterstützen Unternehmen, die dann wiederum Werbung für den weiteren Ausbau von erneuerbaren Energien machen. Das ist strategischer Konsum wie ich ihn verstehe, das sind Key Points“, erklärt Michael Bilharz.

Bio-Lebensmittel sind ein Schlüssel zum Sparerfolg

Die Ernährung zählt Michael Bilharz ebenfalls zu den Key Points nachhaltigen Konsums. Das Thema ist komplex, deshalb spricht der Forscher gerne von Vereinfachung: „Alles wo ein Biosiegel drauf ist, ist gut.“ Das ist die Grundformel. Bio-Fleisch zum Beispiel verbraucht während der Produktion nicht weniger CO2 als konventionelles Fleisch, allerdings ist es teurer. Das klingt wie ein Nachteil, ist es aber für die CO2-Bilanz nicht. Der höhere Preis bringt uns dazu, weniger Fleisch zu kaufen. Fleisch, besonders Rindfleisch, hat einen sehr großen CO2-Fußabdruck. Insgesamt unterstützen wir mit Biolebensmitteln also nicht nur den Gewässer- und Bodenschutz, weil mit weniger Giftstoffe gearbeitet wird, wir unterstützen die lokale Landwirtschaft und wir achten auf die eigene Gesundheit.

Die neuen Strategien gefallen nicht allen

Michael Bilharz macht sich mit seinen Ansätzen vor allem bei Umweltschützern nicht nur Freunde. Menschen, die seit Jahren und Jahrzehnten aktiv für den Umweltschutz kämpfen und sich engagieren, fühlen sich von seinen Ideen oft angegriffen. Sollten sie viele Jahre lang das Falsche gepredigt haben? Bilharz‘ Antwort ist ein klares Nein: Es ist nicht falsch, kleine Schritte zu gehen. Und es war sicherlich richtig, viele Jahre daran zu arbeiten, denn nur so konnte ein Bewusstsein geschaffen werden. Allerdings reicht das noch nicht. Wenn wir den Klimawandel aktiv einschränken wollen, müssen wir mehr tun als Energiesparbirnen einschrauben. Wir müssen auf die Bereiche setzen die viel CO2 einsparen, und für die Allgemeinheit einen Vorteil haben. Nur so kann Energiesparen zu einer Bewegung zu einem Trend werden.

Thomas Niemietz

Letzte Änderung am: 26.02.2009, 20.31 Uhr

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