Navigation

Navigation

Volltextsuche
Fernsehen im SWR

Lebende Bakterien für den Darm Probiotische Joghurts

Gute Kasse oder gute Gesundheit?

aus der Sendung vom Donnerstag, 12.4.2007 | 22.01 Uhr | SWR Fernsehen

In Sachen Joghurt sind wir hierzulande eigentlich Nachzügler. Anders in Bulgarien. Dort hat Joghurt schon seit Jahrhunderten eine feste Tradition. Er ist regelrecht ein Grundnahrungsmittel. Schon zum Frühstück wird eine Schüssel Joghurt ausgeschenkt, wie bei uns der Frühstückskaffee. Und auch sonst gibt es Joghurt in allen Variationen. Die Bulgaren sind auch ohne Studien davon überzeugt, dass ihr Joghurt gesund ist. Warum sonst wohl gibt es in Bulgarien so viele Hochbetagte, die sich bester Gesundheit erfreuen? Ist Joghurt also ein Jungbrunnen?

Milchsäurebakterien unter dem Elektronenmikroskop

Milchsäurebakterien gelten als hilfreich für die Darmflora

Die erste wissenschaftliche Erklärung dafür lieferte Anfang des 20. Jahrhunderts der russische Bakteriologe Ilja Metschnikow. Seine Annahme: Joghurt ist reich an Milchsäurebakterien. Durch den täglichen Verzehr gelangen große Mengen davon in den Darm. Dort verbessern sie die Gesundheit, weil sie die schlechten Fäulnisbakterien verdrängen. Metschnikow nahm an, dass durch die Gifte der Fäulnisbakterien im Darm Alterungsprozesse beschleunigt, und die Lebenserwartung verkürzt würden.

Die Grundidee von den gesunden Milchsäurebakterien ist bis heute gültig. Auch der Joghurt gilt nach wie vor als gesund. Ein Grund mehr für die Industrie, die Besten unter den Guten im Regal anzubieten: Die probiotischen Joghurts. Um die Joghurts zu verbessern, werden ihnen lebenden Bakterien, sogenannte Probiotika zugesetzt. Immerhin, so viel gilt als erwiesen, gelangen sie unbeschadet von der Magensäure in den Darm. Dort sollen sie ihre positive Wirkung entfalten.

Eines vorweg: lebensverlängernd sind die probiotischen Joghurts deswegen sicher nicht. Dennoch verheißt die Werbung Vorteile für Immunsystem und Verdauung. Leider sind diese gesundheitsfördernden Effekte bei gesunden Verbrauchern nur schwer nachzuweisen. Denn genau genommen soll verhindert werden, dass ein Mensch krank wird. Die Frage ist, ob diese Joghurts etwas dazu beitragen können.

Ein schwieriges Thema, findet auch Professor Stephan Bischoff, Ernährungsmediziner an der Universität Hohenheim: "Es gibt unheimlich viele Störfaktoren, die auf die Frage, wann jemand krank wird, einwirken können. Jeder lebt anders. Es könnte beispielsweise sein, dass jemand, der üblicherweise viele probiotische Joghurts isst, auch sonst mehr auf gesunde Ernährung achtet. Das sind Störfaktoren, die für eine solche Studie auszuschließen wären. Das heißt, sie müssen eine sehr aufwändige Studie betreiben, mit vielen Teilnehmern über lange Beobachtungszeiten, um eine solche Frage klar beantworten zu können."

Zwei Drittel aller Immunzellen unseres Körpers sitzen im Darm

Solch aufwändige Studien sind rar. An der Universität Hohenheim untersuchen die Wissenschaftler die Wirkung von Probiotika auf die Immunzellen des Darms. Immerhin sitzen zwei Drittel aller Immunzellen unseres Körpers in diesem Organ. Wenn wir mit Probiotika unsere Darmflora verändern können, würde das bedeuten, dass wir zwei Drittel unseres Immunsystems beeinflussen. Doch was ist mit dem anderen Drittel?

Von einer Antwort auf diese Frage sind die Wissenschaftler noch weit entfernt. Aber eines haben sie herausgefunden: Probiotische Bakterien haben einen positiven Effekt, weil sie die Immunzellen im Darm stimulieren. "Was man sagen kann: sie wirken. Wobei man genau sagen muss, bestimmte Stämme wirken auf bestimmte Ereignisse. Aber immerhin, das ist schon ein ganz großer Fortschritt, dass wir einen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis haben für bestimmte Stämme," fasst Prof. Bischoff zusammen. "Jetzt ist die Frage: wie wirkt es? Und das ist eine ganz schwierige Frage. Da sind wir noch sehr in den Anfängen. Wir beginnen zu verstehen, wir haben einzelne Puzzelsteine aber wir haben noch nicht das ganze Gebäude zusammen."

Wie sich die Stimulation der Darmzellen auf das gesamte Immunsystem auswirkt ist also unklar. Und auch, ob sich mit Hilfe von Probiotika Krankheiten vorbeugen lassen. Als sicher gilt dagegen die Wirkung bei bestimmten Erkrankungen. Allerdings: die Probiotika werden dann als Medikament verabreicht und nicht als Zusatz in Joghurts.

Die meisten Studien gibt es über Durchfallerkrankungen, vor allem solche, die durch so genannte Rotaviren verursacht werden. Das ist besonders bei Kindern ein Problem. Es konnte gezeigt werden, dass bestimmte probiotische Keime helfen, indem sie die Darminfekte verkürzen und deren Verlauf mildern. Auch Durchfallerkrankungen die durch Antibiotika verursacht werden, können gemildert oder sogar ganz verhindert werden. Gesichert ist auch die Wirkung bestimmter Bakterienstämme auf die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie der Colitis Ulcerosa. Mehrere Studien konnten belegen, dass die ruhigen Phasen zwischen den Krankheitsschüben verlängert werden können.

Erstmals die Wirkung von Probiotika untersucht

Doch wie sieht es nun mit dem gesunden Verbraucher aus? An der Bundesforschungsanstalt Kiel haben Wissenschaftler nun erstmals die Wirkung von Probiotika auf das Infektionsrisiko bei Gesunden untersucht: "Wir haben während zweier Winterperioden insgesamt 500 gesunde Erwachsene untersucht. Die mussten während dieser Zeit ein Probiotikum verzehren oder ein Placebo-Produkt," erklärt Prof. Michael de Vrese die Studie. "Und wir konnten dann zeigen, dass die einzelnen Erkältungsperioden kürzer ausfielen und die Symptome weniger schwer waren bei den Personen, die das Probiotikum verzehrten."

Trotz des guten Ergebnisses ist die Wirkung der handelsüblichen probiotischen Joghurts noch immer nicht nachgewiesen. Denn die beschriebene Wirkung stammt von Bakterien, die in Kapseln eingenommen wurden und in keinem Joghurtprodukt enthalten sind. Außerdem: die festgestellten Gesundheitseffekte gelten immer nur für den jeweils getesteten Bakterienstamm. Andere Keime, andere Wirkung. Die unterschiedlichen Joghurt-Produkte enthalten aber auch unterschiedliche Keime. Rückschlüsse von der möglichen Wirkung eines Produktes auf alle anderen sind daher nicht möglich. Und: die Darmflora ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Was für den einen gut ist, kann beim anderen völlig wirkungslos bleiben. Sind probiotische Joghurts also nur gesund für den Geldbeutel der Joghurthersteller.

"Wenn ich als Wissenschaftler antworte, muss ich sagen: es ist noch nicht ganz eindeutig bewiesen, dass es etwas bringt, probiotische Joghurts zu nehmen," so Prof. Stephan Bischoff. " Auf der anderen Seite (...) kann man auch nicht mehr einfach sagen es ist alles Quatsch. Dafür haben wir zu viele Studien, die zeigen, dass es offensichtlich möglich ist, mit solchen probiotischen Keimen überhaupt etwas Positives zu erreichen."

Wir sollten es daher einfach so machen wie die Bulgaren: täglich einen Joghurt, weil?s schmeckt. Und selbst wenn es kein probiotischer ist - eine gesunde Quelle für Eiweiß und Kalzium ist Joghurt allemal.

Andrea Wengel

Letzte Änderung am: 12.04.2007, 00.00 Uhr

Der SWR ist Mitglied der ARD 

Sitemap | Impressum | Datenschutz | © SWR