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Panikmache bei Zeckenschutzimpfungen

aus der Sendung vom Donnerstag, 4.6.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Zur Zeit haben die Zecken wieder Hochsaison. Die Bedrohung scheint enorm, und so lässt sich mancher die Freude an der Natur verderben. Diese Angst vor den unangenehmen Krabbeltieren ist nicht ganz unberechtigt, schließlich übertragen sie gefährliche Krankheiten wie Borreliose und FSME. Zumindest gegen FSME, die Frühsommer-Meningo-Enzephalitis, also eine Hirnhautentzündung, kann man sich impfen lassen. Viele Ärzte und auch die Impfstoffhersteller raten dazu. Über die Risiken einer solchen Impfung mag allerdings kaum jemand reden, denn das ist schlecht fürs Geschäft.

Auch die Eltern der kleinen Cynthia wurden nicht über die Risiken aufgeklärt, als sie das vierjährige kerngesunde Mädchen gegen FSME impfen ließen. Aus den Medien hatten sie erfahren, wie gefährlich diese Krankheit sein soll. Doch schon kurz nach der Impfung fiel Cynthia das Laufen immer schwerer. Sie wollte nur noch getragen werden. Heute ist Cynthia acht Jahre alt. Sie kann weder gehen, kaum selbständig essen oder sprechen. Das Mädchen ist ein Pflegefall.

Nach der FSME-Impfung zum Pflegefall

In der ersten Zeit nach der Impfung kämpften die Ärzte wochenlang um ihr Leben: Hohes Fieber, extrem hohe Herzfrequenz – das kleine Mädchen nahm kaum noch etwas wahr. Unzählige Fachärzte versuchen den Grund für die Erkrankung herauszufinden. Die Mutter, Susann Z., erinnert sich: „Untersuchungen über Untersuchungen. Und es ist nichts gefunden worden, es war immer alles in Ordnung. Das ist unbegreiflich, und doch: sie ist nicht gesund.“

Für Cynthias Eltern steht heute fest: Die Behinderung ihrer Tochter kann nur von der Impfung kommen. Eine andere Erklärung gibt es ihrer Meinung nach nicht. Und tatsächlich: Viele der Krankheitssymptome von Cynthia zählen laut Roter Liste zu den Nebenwirkungen des FSME-Impfstoffes. Kinderarzt Dr. Steffen Rabe beschäftigt sich seit Jahren mit solchen Fällen: „Wir wissen, dass nach der FSME Impfung, in engem zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung, immer wieder auch neurologische Probleme auftreten können. Das kann nur ein Fieberkrampf sein, das kann aber auch bis hin zu Nervenentzündungen und bis hin zu Hirnentzündungen gehen. Entzündliche Reaktionen des Gehirns sind beschrieben nach der FSME Impfung und diese können natürlich auch bleibende Schäden verursachen.“

Fehlende Aufklärung

Doch wie häufig treten solche Komplikationen auf? Einen Hinweis bietet die Datenbank des Paul-Ehrlich-Instituts. Dort werden Verdachtsfälle von Nebenwirkungen nach einer FSME-Impfung veröffentlicht. Darunter zahlreiche Nervenerkrankungen. Allein 2008 waren es insgesamt über 350 Fälle. „Der Arzt hat uns darüber nicht aufgeklärt, zumindest nicht so, dass solche Nebenwirkungen entstehen können durch Impfen“, kritisiert die Mutter. Der Kinderarzt, der Cynthia geimpft hat, will mit uns nicht über den Fall sprechen.

Nach unseren Recherchen klären viele Ärzte nicht über mögliche Impfschäden auf. Und auch im Werbematerial der Pharmaindustrie erfährt man davon praktisch nichts. Dort wird vor allem eine Angst geschürt: Die vor den Zecken. Im Visier haben sie dabei vor allem Eltern und ihre Kinder. Dabei verläuft die FSME bei Kindern fast immer völlig harmlos. Die Firma Baxter will sie trotzdem ködern. Comics und Videospiele sollen dabei helfen.

Panikmache?

Der Kinderarzt Dr. Steffen Raabe weiß, dass die Kampagnen wirken: „Ich habe jetzt, in dieser Saison, jeden Tag Telefonate von sehr aufgelösten Eltern, die schlicht und ergreifend nur eine Zecke bei ihrem Kind gefunden haben, und die fast schon das Gefühl haben das wäre ein Todesurteil – oder zumindest der sichere Vorbote einer schweren, bleibenden Behinderung. Und das entspricht natürlich in überhaupt keiner Art und Weise der Realität."

Gerne hätten wir mit den Impfstoffherstellern ein Interview zu ihren Werbemethoden geführt. Doch die lehnen das ab. Schriftlich erklärt Novartis Behring: „Weder durch die Filme noch durch die Fotos werden Ängste geschürt.“ Und bei Baxter versichert man uns: „Informatives und aufklärendes Bildmaterial“ könne „sehr hilfreich sein.“

Klingt gut, wären da nicht teilweise grobe Fehlinformationen in den Broschüren. Beispiel: Ein Comic der Firma Baxter. Am Ende steht die Botschaft: Lass Dich impfen – dann „können die Zecken ruhig kommen.“ Das ist falsch. Denn die Impfung schützt nicht gegen die viel gefährlichere Zeckenkrankheit Borreliose. Die verursacht nicht nur Hautrötungen, sondern auch schwere Organkrankheiten. Eine Impfung dagegen gibt es nicht.

Kein Impfstoff gegen Borreliose

Bis zu 100.000 Menschen erkranken jedes Jahr an Borreliose - und zwar überall in Deutschland. Die FSME gibt es dagegen nur in einigen Regionen. In welchen, veröffentlicht jedes Jahr das Robert-Koch Institut. Grund zur Panik sieht man dort nicht: „Aus unseren Beobachtungen wird deutlich, dass man sich nur in Süddeutschland überhaupt an FSME infizieren kann. Die Erkrankung kommt sehr selten vor, insgesamt weniger als 300 Fälle in ganz Deutschland pro Jahr. Von diesen 300 Fällen verlaufen etwa die Hälfte recht harmlos, ähnlich wie Grippe. Todesfälle kamen im letzten Jahr überhaupt nicht vor.“ Und selbst in den Risikogebieten beträgt die Wahrscheinlichkeit, sich durch eine Zecke mit FSME zu infizieren, nach Schätzung nur etwa eins zu 5.000.

Geschönte Risikokarte

Einigen Pharmaherstellern erscheint die Risikokarte des Robert-Koch-Instituts wohl nicht werbewirksam genug. Fakt ist: Sie drucken eigene Karten und suggerieren, die Krankheit breite sich nach Norden aus und lauere „fast überall“. Panikmache mit gefährlichen Folgen. Immer wieder werden Menschen völlig sinnlos geimpft. So war es auch bei Cynthia. Sie lebt in einer Region, in der es überhaut keine FSME gibt.

Beate Greindl / Monika Anthes

Letzte Änderung am: 02.06.2009, 18.11 Uhr