aus der Sendung vom Donnerstag, 28.5.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Wie viel Wildnis erträgt der Mensch? Dürfen Wälder sich radikal wandeln, Käfer für Baumsterben sorgen, Raubtiere ungehindert umherstreifen? Der Nationalpark Bayerischer Wald ist ein riesiger Freilandversuch zu dieser Frage und spaltet Wissenschaftler, Anwohner und Politiker in Befürworter und Gegner. Dabei ist der größte Nationalpark in Deutschland ein einmaliger Urwald und eine Erfolgsgeschichte des Naturschutz.
Karl Friedrich Sinner, Leiter der Nationalparkverwaltung: „Der größte Erfolg ist für mich, dass durch das Prinzip ‚Natur Natur sein lassen’ Menschen im Herzen Europas heute eine fantastische Wildnis neu erleben können.“ Marco Heurich, Wildtierbiologe: „Der Luchs ist ein Symbol für große unzerschnittene Wälder, wie die Wälder des Nationalparks, und er ist auch ein Raubtier das wieder zurückgekehrt ist und das eine wichtige Funktion im Ökosystem erfüllt.“ Claus Bässler, Ökologe: „Das Schöne hier für mich am Nationalpark ist, dass Arten zurückkehren, von denen wir glaubten, dass sie ausgestorben sind.“
Der Nationalpark Bayerischer Wald, 243 Quadratkilometer groß, eine schier grenzenlose Waldwildnis und eine Art bayerische Serengeti. Der Nationalpark ist eine einmalige Erfolgsgeschichte des Naturschutzes: etwa 3.500 verschiedene Arten haben hier ihren Lebensraum. Es gibt seltene Tiere, die sich frei bewegen und sich einfach nehmen, was sie brauchen: Biber die Bäche aufstauen, Hirsche die Bäume verbeißen oder Luchse die Rehe reißen. Deshalb ist vielen der 160.000 Anwohnern der gar zu wilde Wald suspekt. Ganz vorneweg: Ips typographus, der Borkenkäfer, alias Buchdrucker, weil er mit dem Fichtenwald auch die heile Welt zum Einsturz bringt.
Am Gipfel des Lusen treffen wir den Ökologen Claus Bässler von der Nationalparkverwaltung. Er zeigt uns, wie sich das Insekt milliardenfach in den Fichtenwäldern des Parks ausgebreitet und sie verwandelt hat: scheinbar in eine Ödnis aus Baumleichen – für viele Anwohner und Besucher ist das ein Problem. Claus Bässler erklärt, warum das so ist: „Ein ganz wesentlicher Punkt ist natürlich der, dass der Mensch dazu neigt, Natur beherrschen zu wollen und wenn das eben nicht mehr der Fall ist. Und wenn man die Natur sich selbst überlässt, dann wird er eben - in Anführungsstrichen - mit Katastrophen konfrontiert. Und damit kann der Mensch, glaube ich, nicht umgehen.“
1983 hat ein Orkan in dem Nationalpark 30.000 Festmeter Holz umgelegt, Anfang der Neunziger folgten drei heiße Sommer. In nie gesehenen Massen schwärmten die Käfer aus. Selbst gesunde Bäume bohrte das Käferheer an. Von heute auf morgen hat die Natur das heile Bild vom Urwald zum Einsturz gebracht – allerdings zum Vorteil für die Artenvielfalt. Claus Bässler: „Was wir hier beobachten können, ist die Rückkehr sehr seltener Arten.
Durch den Borkenkäfer profitieren sehr, sehr viele Arten, die in unserer normalen Kulturlandschaft, wo Forstwirtschaft betrieben wird, eben keine Chance mehr haben. Wir haben hier Arten, die an Totholz-Mengen gebunden sind, die es im Wirtschaftswald nirgends gibt, die es nur im Urwald gibt, ganz seltene Käfer, Pilzarten, Vögel profitieren, das ist ein ganz wesentliches Merkmal hier.“
Gerade das sogenannte Totholz ist für ein funktionierendes Ökosystem und die Regeneration des Waldes sehr wichtig. Die umgestürzten Bäume bilden den Nährboden für nachwachsende Fichten, Tannen oder Bergahorn. Auch für bereits tot geglaubte Arten gibt es neuen Lebensraum, wie zum Beispiel für die in Mitteleuropa ungewöhnlich seltene „Zitronengelbe Tramete“. Der Pilz, der Holz zersetzt, kommt nur in Urwäldern vor. In Deutschland ist er lediglich im Nationalpark Bayerischer Wald nachgewiesen. Er gilt als ein Symbol der neuen Biodiversität.
Dennoch brauchen viele dieser seltenen Arten Zeit um zurückzukehren, weil man ihnen vorher komplett den Garaus gemacht hat. Claus Bässler erläutert, dass das Arteninventar dieser Prozess-Schutzflächen, verglichen mit denen der echten alten Wälder, noch hinterherhinkt. Aber dies seien die Urwälder von morgen und man könne jetzt schon erkennen, dass diese seltenen Arten zurückkommen.
Ein anderes Reizthema ist, dass Rotwild und Rehe nicht bejagt und die Bestände durch Krankheiten und Luchse reguliert werden. Die Jäger befürchten, dass die Raubkatzen das Wild scheu machen. Der Wildtierbiologe Marco Heurich versucht den Emotionen daher mit Wissen zu begegnen. Er hat Rehe und Luchse mit GPS-Sendern bestückt, um mehr über ihre Interaktion zu erfahren. Mit einer Antenne versucht er einen bestimmten Luchs zu orten: „Durch die Telemetrie der Luchse bekommen wir natürlich Informationen, wie der Luchs die Landschaft nutzt. Wir wissen in welchen Wald er geht, wo er sich besonders gerne aufhält, wo er sich nicht gerne aufhält - um dann auch Habitatmodelle zu machen, die das Verhalten des Luchses erklären. Und wir haben natürlich gelernt, dass der Luchs riesig große Wälder braucht um sich wohl zu fühlen.“
Marco Heurich benötigt daher Argumente, um bei Bauern, Forstbetrieben und Jägern Vorurteile abzubauen. Er nutzt deshalb die Bewegungsdaten der Luchse und kombiniert sie mit den Daten von Rehen und Rotwild. Der Vergleich der Bewegungsprofile zeigt, ob das Wild auf den Luchs reagiert, ob es vor ihm flüchtet, sich verbirgt oder ihn gar nicht registriert. Bisher haben die Analysen den Verdacht der Jäger nicht bestätigt. Luchse haben ein Streifgebiet zwischen 200 und 400 Quadratkilometern. Sie in dieser Weite zu verfolgen und zu beobachten, ist nicht einfach.
Der Bayerische und der angrenzende Böhmerwald bilden eines der größten Waldgebiete in Mitteleuropa. Scheinbar gute Bedingungen für die Luchse. Trotzdem ist ihr Bestand gefährdet. Marco Heurich erläutert die Gründe: „Allerdings ist die Anzahl der Luchse immer noch relativ klein.
Hier im Nationalpark haben wir fünf erwachsene Luchse und drei Jungtiere. Und im gesamten Großraum Bayern, Böhmen und Österreich gibt es so etwa 50 bis 100 Tiere, so dass das Überleben für die nächsten Jahre schon gesichert ist, aber immer noch ein gewisses Risiko besteht, dass die Tiere auch wieder aussterben.“
Deshalb versuchen die Wildtierbiologen den Bestand der Luchse genau zu beobachten. Dafür haben sie auf der gesamten Fläche des Nationalparks 50 Fotofallen installiert. An ihrer Befleckung können die Biologen die Tiere unterscheiden. Jeder gesichtete Nachwuchs bedeutet neue Hoffnung für den Bestand der Population. Doch Raubtiere haben es heute nicht leicht. Ohne den Schutz durch Menschen wie Marco Heurich können sie auch im Nationalpark Bayerischer Wald nicht überleben.
Letzte Änderung am: 28.05.2009, 00.35 Uhr