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Zeitreise: Stellenwert alter Menschen

aus der Sendung vom Donnerstag, 2.7.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Missstände in Altenheimen, Diskriminierung bei der medizinischen Behandlung - da ist man schnell versucht zu sagen, dass früher alles besser war: Da wurden alte Menschen noch im Kreise der Familie betreut, hatten ihre Aufgaben, waren eingebunden. Das klingt sehr harmonisch, doch die Realität sah anders aus, wie unsere Zeitreise zeigt:

Alte Menschen waren lange Zeit eine krasse Minderheit, denn erst Anfang des 20. Jahrhunderts stieg die durchschnittliche Lebenserwartung auf über 50 Jahre. Dank verbesserter Medizin und Hygiene wurden die Menschen jetzt älter als je zuvor.

Industrialisierung: Bekämpfung der Altersarmut

Die Industrialisierung sorgte für eine neue Form der Erwerbstätigkeit: die Fabrikarbeit. Doch irgendwann war die Arbeitskraft im unerbittlichen Takt der Fließbänder und Maschinen erschöpft. Die Arbeiterschaft drohte im Alter zu verarmen. Reichskanzler Bismarck reagierte, und führte 1889 die gesetzliche Rente für Arbeiter ein. Gleichzeitig entstand mit der gesetzlichen Regelung der Altersversorgung eine neue Altersklasse: Die Rentner.

50er Jahre: Kein Platz für alte Leute

In den fünfziger Jahren wurden über 15 Prozent der Deutschen älter als 60 Jahre. Aber mit dem Wohlstand in den Städten kam auch der Mangel zutage. Armut und Einsamkeit wurden zum typischen Schicksal der Rentnergeneration. Der zeitkritische Film „Kein Platz für alte Leute“ schilderte 1959 die Situation der alten Menschen so: "In den Aktualitätenkinos versuchen sie ein paar Stunden das Alleinsein zu vergessen. Hier konnten sie mehrere Stunden sitzen. Heute ist das nicht mehr möglich. Der Geschäftsführer bestätigt uns das: 'Früher saßen die alten Leute über mehrere Vorstellungen in unserem Theater. Heute ist das durch unser Kontrollsystem unmöglich geworden'."

Doch nicht nur in Kinos fielen die alten Leute den Machern des Films auf: "Auch die großen Kaufhäuser sind Rentnerparks geworden. Hier gehen die alten Leute planlos umher. Hier wärmen sie sich auf an kalten Tagen." Aus der Haltung der Filmemacher wird klar: Alte Menschen waren Ende der fünfziger Jahre in der Öffentlichkeit immer noch etwas Besonderes.

70er Jahre: Rentenreform

Viele hatten durch den Krieg ihre Kinder verloren. Das familiäre Umfeld fehlte vor allem in den Städten. In einer Zeit des Wirtschaftswachstums reichte vielen Alten die Rente nur für ein kärgliches Leben. Diese Situation wurde zunehmend als untragbar empfunden und führte 1957 zur Rentenreform. Die Höhe der Renten wurde jetzt an die Löhne gekoppelt und stieg abrupt um zwei Drittel. Das führte zu ungewollten Ergebnissen, wie ein Altenheimleiter aus Mainz berichtete: 'Hier ist das so: Die Angehörigen holen ihre alten Leute zu Beginn das Monats nach Hause, und dort werden sie, wie man in Mainz sagt, gemolken.' "

Baracken für Alte

Etwa 700.000 Menschen lebten 1959 in Altersheimen. Die Unterbringung reichte von Barackenheimen, die offiziell gerne verschwiegen wurden, bis hin zu modernistischen Vorzeigebauten mit Speise- und Festsaal. Im Norden Deutschlands gab es ein ganz besonderes Heim, wie der bereits erwähnte Film zeigte: „Unter diesem Dach in einer Klosterkirche wohnen 360 alte Leute in Holzverschlägen. Das sind die Löcher für Licht und Luft. Jeder alte Mann hat einen Holzverschlag. Eine Fläche von 4,8 Quadratmetern.“

Heute haben sich alte Leute emanzipiert, fordern ihren Platz in der Gesellschaft aktiv ein. Den meisten geht es wirtschaftlich und medizinisch im Vergleich zu früher so gut wie nie zuvor. So scheint es. Doch erstmals seit fünfzig Jahren droht vielen im Alter wieder der soziale Abstieg.

Hilmar Liebsch

Letzte Änderung am: 11.05.2011, 18.39 Uhr