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Abwärtstrend bei Mehrweg Dosenpfand - Ein Deutsches Meisterstück

aus der Sendung vom Donnerstag, 14.2.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Helmut Fröhlich ist Pfand-Experte:„Das ist eine Einwegpfanddose, bringt 25 Cent. Das Gleiche ist mit den größeren Plastikflaschen, bringt auch 25 Cent. Eine Bügelflasche bringt 15 Cent.“ Macht zusammen schon mal 65 Cent. Doch das Geld ist nicht der einzige Beweggrund für den rüstigen Rentner.

Helmut Fröhlich sammelt das Pfand im Vorbeifahren. Fast jeden Tag startet er in seiner Heimatstadt Entringen und radelt durch das Umland der Gemeinde Ammerbuch. Das ist in der Nähe von Tübingen. Täglich 30 bis 40 Kilometer. Die Bewegung hat er sich nach einer Herzoperation selbst verschrieben. Seit über fünf Jahren ist er so unterwegs. Das trainiert nicht nur die Beine, sondern auch das Auge. Getränkedosen oder -flaschen erkennt er schon von weitem.

Straßengräben voller Getränkedosen

Als der Rentner mit dem Sammeln anfing, waren die Straßengräben rund um sein Dorf voll von Getränkedosen. In drei Tagen habe er allein dort 263 Dosen zusammengelesen, erklärt er - steigt auf sein Rad und fährt weiter. Helmut Fröhlich ist nicht der einzige der sich liebevoll um Dosen und Plastikflaschen kümmert. In Bonn gibt es ein ganzes Ministerium. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, kurz BMU. Dort ist man stolz auf das Einwegpfand. Dr. Thomas Rummler, zuständig für Abfallwirtschaft und Bodenschutz, fast zusammen: „Beim Eindämmen der Landschaftsverschmutzung hat es voll gewirkt. Es ist also in Deutschland feststellbar, dass weniger Schmutz auf den Straßen und auf den Feldwegen liegt. Zumindest nicht mehr aus dem Getränkebereich. Beim Mehrweg-Stabilisieren ist es differenziert zu sehen.“

Einbruch bei Mehrweg-Pfand

Rummlers Haltung ist verständlich, denn schaut man sich alle Getränkesparten zusammen an, ist das Resultat nicht gerade rosig: Lag der Mehrweganteil noch in den neunziger Jahren deutlich über 70 Prozent, so sank er schon um 2000 unter diese Marke und erreicht 2002 einen Tiefstand. Dann kommt am 1. Januar 2003 das Einwegpfand. Der Abwärtstrend wird gestoppt. Mehrweg erholt sich etwas. Doch schon nach zwei bis drei Jahren geht es weiter nach unten. Und der Trend setzt sich augenscheinlich fort, auch wenn Rummler unterstreicht: „Es ist nicht feststellbar, dass ein massiver Einbruch hier bei Mehrweg erfolgt.“

Bier hat höchsten Mehrweganteil

Dass das BMU mit dieser Einschätzung weitgehend alleine ist, stört ihn nicht. Stattdessen verweist er auf die Erfolgsgeschichte des Einwegpfands: „Bei Bier sind seit dem Jahr 2002 zwanzig Prozentpunkte mehr an Mehrweg im Markt als zuvor.“ Bier hat einen Mehrweganteil von fast 90 Prozent. Dieser Wert scheint sich auch langfristig zu stabilisieren. Wäre der Abwärtstrend aus der Zeit vor Einführung des Einwegpfandes weitergegangen, wäre jetzt wahrscheinlich nur noch die Hälfte des Bieres in Mehrwegflaschen.

So viel Erfolg macht mutig: „Bei den Erfrischungsgetränken mit Kohlensäure ist das Niveau des Jahres 2002 stabilisiert worden.“ Schaut man sich den Verlauf der Mehrwegquote an, so kommt man leider nur zu einem Schluss: Nichts, aber auch gar nichts spricht dafür, dass das Umweltministerium in seiner Beurteilung richtig liegt. Zeit also, den Zahlen wieder ein bisschen offener zu begegnen. Der Rückgang von Mehrweg bei Mineralwasser lässt sich allerdings nur schwer vertuschen. Dort hat das Einwegpfand kaum etwas bewirkt. Mehrweg wurde nur kurz gestärkt. Heute verliert es täglich an Boden. Grund genug, so Rummler, richtig aktiv zu werden:„Dieser Rückgang muss analysiert werden.“

Einwegpfand bindet Kunden an Discounter

Marktforscher haben sich übrigens schon damit beschäftigt. Reiner Graul von der Unternehmensberatung Bormann & Gordon fasst zusammen: „Die Discounter haben Einwegverpackungen angeboten. Die Rücknahme war nur im Discounter möglich gewesen und damit hat man eine Art Kundenkarte geschaffen. Das heißt, Einweg wurde immer wieder zum Aldi, Lidl, Penny dieser Welt zurückgebracht. Der Discounter war erfolgreich damit.“ Und die klassischen Vollsortimentgeschäfte schauten in die Röhre. Schließlich waren die Kunden dort nicht sicher, ob sie ihr Pfand los werden. So trieben sie den Discountern regelrecht die Kunden in die Arme.

Einweg-Pfand umweltfreundlicher als Mehrweg-Pfand?

Mittlerweile wird Mineralwasser in Einweg deutlich günstiger verkauft als in Pfandflaschen. Dazu kommt, dass viele Verbraucher nicht mehr wissen, was umweltfreundlicher ist. Schließlich ist ja auf den Einwegflaschen Pfand. Dazu kommen jede Menge verwirrende Aussagen, dass die Einwegflaschen ja besonders sortenrein recycelt werden können. Mag sein - viel ökologischer werden sie aber dadurch auch nicht. Insgesamt gilt nach wie vor: Mehrweg ist umweltfreundlicher.

Pfand-Wirrwarr

Ein einheitliches Rücknahmesystem gibt es erst seit 2006. Zu erkennen an dem Zeichen der Deutschen Pfand Gesellschaft, kurz DPG. Doch wer glaubt das Pfandsystem sei jetzt übersichtlich geworden, der wird von Helmut Fröhlich eines Besseren belehrt: „Jetzt haben also alle dieses Zeichen. Nur Punica hat nichts. Wenn Sie die Flaschen anschauen, da ist kein Pfand drauf. Und die kleinen Coladosen, da ist auch nix drauf. Früher war manchmal ein ,P’ drauf. Es gibt auch Cola, die sind länglich, etwas länger wie die Kurzen. Und da ist eigentümlicherweise das Pfand drauf. Aber schmeckt eigentlich gleich. Nehme ich an - ich trinke ja auch keine Cola. Oder kaufe keins.“

Die Verwirrung beim Pfandsammler ist verständlich. Und er ist mit seinem Ärger darüber nicht alleine. Zu viele Ausnahmen, zu wenig klare Linie - so die Kritik, die dieser Mann am Pfandsystem hat: Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe. Dabei ist er ein Pfandfan: „Das Hauptproblem beim Pfand ist, dass über zehn Jahre an ihm herumgedoktert wurde und das ursprünglich sehr klare Konzept von Klaus Töpfer völlig verwässert wurde. Das heißt: das, was wir dann im Jahre 2003 als gesetzliche Regelung vorgefunden haben, war ein bürokratisches Monster mit vielen Ausnahmen. Mit politischen Zugeständnissen an die Länder und mit einer nur eingeschränkten Lenkungswirkung für Mehrweg.“

Keine Neuregelung vor 2010

Und so lenkt das Schicksal nicht nur Pfandgut in die Hände des Pfandsammlers. Da bietet sich die Frage an, ob die Regierung das Pfandsystem nicht ein bisschen verbessern möchte. Das BMU hat es da anscheinend besonders eilig, so Dr. Thomas Rummler: „Nein, es ist in der Verpackungsverordnung angesagt, dass bis zum Jahr 2010 die Bundesregierung diese Regelung überprüft. Dann werden wir den Bundestag und dem Bundesrat wie vorgesehen einen Bericht unterbreiten, wie wir das werten.“

Jürgen Resch bringt so viel verwaltungsrechtliche Korrektheit auf die Palme: „Wir haben seit Jahren einen Verlust der Mehrwegquote und der wird von Jahr zu Jahr größer. Ich sehe nicht ein, warum man jetzt bis 2009 weiter untätig zuschauen soll. Wir müssen jetzt handeln, wir müssen jetzt stabilisieren was ansonsten unwiederbringlich verloren gehen wird.“

Zwangsabgabe auf Einweg soll helfen

Der Umweltschützer hat auch schon eine Lösung parat. Ihm schwebt eine Zwangsabgabe auf Einwegverpackungen vor. Ähnliches habe auch bei den Alkopops - jenen süßen Alkoholmischgetränken, die Jugendlichen das Saufen beibringen sollten - geholfen. Der Marktanteil der Alkopops ist zurückgegangen. Bis sich diese Idee allerdings durchsetzt, wird Helmut Fröhlich noch so manches Pfand vom Straßenrand heimbringen.

Hilmar Liebsch

Letzte Änderung am: 14.02.2008, 12.57 Uhr