aus der Sendung vom Donnerstag, 14.2.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Die meisten von uns tun es: Müll zu trennen ist fester Bestandteil unserer Kultur geworden. Das Glas in den Container, die Zeitungen an den Straßenrand beziehungsweise in die Papiertonne, die Gemüsereste in die Biotonne und – und das ist der Teil, der das ökologische Gewissen am meisten aufbaut - die Joghurtbecher, Shampooflaschen und so weiter in die gelbe Tonne. Wofür das alles?
Nun, um möglichst viel recyceln zu können, um Umwelt und Rohstoffe zu schonen und am Ende weniger Plastikmüll zu erzeugen. Ein schönes Ziel - es wurde nur nicht erreicht. Der Grüne Punkt ist zu einer aberwitzigen Veranstaltung verkommen, bei der alle Beteiligten versuchen, möglichst viel für sich herauszuholen. Und die Verbraucher zahlen kräftig und wissen auch nach 17 Jahren Grüner Punkt noch nicht, was in welche Tonne gehört.
Oder wissen Sie, in welchen Müll zum Beispiel ein Holzkistchen oder eine Zahnbürste gehört? Und wie sieht es mit einer Klarsichtfolie aus? Zu welcher Sorte Müll gehört eine Steingutflasche? Die Antwort ist einfach - das glaubt man zumindest beim Grünen Punkt. Wir haben im Kollegenkreis einen kleinen Test gemacht.
Die Aufgabe: Jeder soll den Testmüll so trennen wie zu Hause. Das Ziel: möglichst keine Mülltrennfehler machen! Der erste Teilnehmer beginnt mit Kartons von Pizza und Tiefkühlfisch. In den Papiermüll, richtig. Obwohl der Grüne Punkt drauf ist, der gilt nur für die innere Plastikverpackung. Die eine Flasche ins Leergut, die andere in den gelben Sack, aber wohin mit der Steingutflasche? Nein, nicht in den Restmüll! Diesen Fehler haben alle Versuchsteilnehmer gemacht. Denn laut Grünem Punkt gehört die Steingutflasche in den gelben Sack.
Der Grüne Punkt wurde eingeführt, um die Müllberge durch das organisierte Recycling von Verpackungen abzutragen. Die Idee: Wer seine Produkte in aufwändige Müll erzeugende Verpackungen kleidet erhält den Grünen Punkt gegen Gebühr. Für eine Salatfolie 0,5 Cent, für einen Joghurtbecher 0,9 Cent und 1,2 Cent für eine Plastiktüte. Doch ist es mit dieser „Verpackungsverordnung“ überhaupt gelungen, Müll zu vermeiden?
Wir fragen einen Experten. Horst Fehrenbach vom Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg sagt: „Das Ziel der Verpackungsverordnung, Abfall zu vermeiden, Verpackungen zu vermeiden, ist eigentlich zu keinem Zeitpunkt erreicht worden. Fast das Gegenteil ist eingetreten. Man hat es interessant gemacht Verpackungen zu erzeugen, weil man durch die Verwertungsziele einen Wirtschaftsfaktor entwickelt hat. Es ist heute eher wichtig Verpackungen zu erzeugen und in den Kreislauf zu bringen, das wird vergütet und dadurch hält sich dieser Wirtschaftszweig am Leben.“
Zumindest die Berge an Plastik- und Kartonverpackungen sind also nicht geschrumpft, sondern gewachsen! Verpackungsmüll ist zu einem seltsam attraktiven Gut geworden, mit dem der Grüne Punkt sein Geld verdient. Es gibt noch mehr Dinge, die wir über den Grünen Punkt wissen sollten. Wie zum Beispiel das Märchen von der Gießkanne aus Recyclingmaterial. Da wird der Müll vom Joghurtbecher bis zur Margarinedose getrennt und mancherorts sogar gespült, in dem guten Glauben, dass daraus wieder wertvolle Produkte wie etwa das grüne Gartenutensil entstehen, aber…
„So viele Joghurtbecher wie Sie zusammenpacken, um Gießkannen daraus zu machen, so viele Gießkannen bekommen sie nicht verkauft“, sagt Experte Fehrenbach. „Das heißt, Sie suchen die Produkte wo Sie das Recyclingmaterial loswerden und das gelingt natürlich nicht in dem Maße, wie Joghurtbecher und alle anderen Abfälle über das DSD entsorgt werden.“
Der Plastik-Müll wandert also oft gar nicht ins Recycling, weil kein Verwertungs-Bedarf herrscht! Stattdessen wandert ein großer Teil in die „thermische Verwertung“, auf deutsch: Verbrennung! Aber warum sollen wir dann eigentlich den Recyclingmüll trennen, den zudem kaum ein Mensch richtig auseinander halten kann?
Beispiel Klarsichtfolie. Auch das wurde in unserem Test von fast allen falsch gemacht. Die Lösung laut Grünem Punkt: nicht in den Gelben Sack - also Restmüll! Das versteht man zwar zunächst nicht, aber in die Gelben Säcke sollen eben nur Verpackungen - unabhängig davon, ob das Material nicht doch für die Verwertung sinnvoll wäre. Und eine Zahnbürste ist eben keine Verpackung! Das Holzkistchen aber schon – Gelber Sack!
Fast unglaublich, was dieses komplizierte Trennsystem mit dem „Grünen Punkt“ pro Jahr kostet: Eine Milliarde 500 Millionen Euro. Und wer zahlt? Horst Fehrenbach weiß es: „Aus diesem ganzen Wirrwarr, das auch keiner mehr so richtig durchblicken kann, wird am Ende mit Sicherheit der Verbraucher immer der sein, der mehr drauflegt.“
Die Teilnehmer an unserem Test absolvierten 40 Prozent Fehlwürfe. Die Zahl entspricht fast genau der deutschen Trennwirklichkeit. Der Grüne Punkt - ein Müllgemischtwarenladen! Ein Recyclingsystem, das die Bürger verwirrt und die Wertstoffe nur zum Teil erfasst, ist sinnlos und finanziell ein Fass ohne Boden.
Letzte Änderung am: 14.02.2008, 16.52 Uhr