aus der Sendung vom Donnerstag, 15.11.2007 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Unsere Einbildungskraft ist übermächtig. Ein Beispiel: Bei einem Experiment wurde den Teilnehmern gesagt, dass die Wirkung von Alkohol getestet werden soll. Dann erhielten sie ein Getränk und wurden danach in einen Fahrsimulator gesetzt. Mit einem erstaunlichen Ergebnis. Denn die Versuchspersonen fuhren Schlangenlinien. Und zwar umso heftiger, je mehr sie getrunken hatten. Dabei war in den Gläsern überhaupt kein Alkohol gewesen - der Alkoholgeschmack war künstlich...
Dieser Effekt funktioniert auch in der Medizin. Placebos, also Scheinmedikamente ohne Wirkstoff, rücken immer mehr in den Fokus der Wissenschaft. Die Beweise ihrer Wirksamkeit häufen sich. Bereits im zweiten Weltkrieg zeigten sie große Wirkung: Als den Ärzten das Morphium ausging, spritzten sie den Verwundeten Kochsalzlösung. Im Glauben, weiterhin ein wirksames Schmerzmittel zu erhalten, spürten die Patienten wirklich Besserung. Ein klarer Placebo-Effekt.
Der Glaube an die Heilkraft einer Medizin - oder eines Mediziners - kann Krankheitssymptome bessern. Das beweisen inzwischen auch Studien mit Scheinoperationen. So wurde eine Standard-OP bei Kniebeschwerden durch Schnitt und Naht nur simuliert – doch vielen Patienten ging es nach dem Eingriff besser. Bei Parkinson-Patienten wurde nur leicht die Schädeldecke angebohrt. Im Glauben an eine Frischzellenkur besserten sich danach die Symptome.
Solche Phänomene verunsichern Schulmediziner – und reizen Forscher wie Paul Enck: "Zur Placebo-Forschung bin ich eigentlich gekommen, weil mich Lernphänomene interessieren und weil ich Mystifizierungen im Medizinbereich eigentlich überflüssig finde. Ich finde, dass Medizin, dass Heilung eigentlich ein sehr rationales Geschäft ist."
Grundlage der Placebo-Wirkung ist die Beziehung zwischen Körper und Geist: Im Gehirn gibt es Schnittstellen, an denen Wahrnehmungen, Gedanken, in handfeste biochemische Prozesse umgewandelt werden, erklärt der Placebo-Forscher Enck: "Irgendwo im Gehirn verändert sich etwas wenn ich glaube. Irgendwo im Gehirn verändert sich auch etwas wenn ich Angst habe. Das heißt: Diese psychischen Prozesse haben ihre eigene Biologie und die wird mit Placebo verändert."
Das zeigt auch ein Versuch: Eine angeblich schmerzlindernde Salbe wird auf die Hand eines Versuchsteilnehmers aufgetragen. Bei der Bestrahlung mit einem schmerzhaften Laser fühlt er in der Hand mit der Placebo-Salbe weniger Schmerz: Das Gehirn setzt die suggerierte Vorstellung, dass die Salbe wirkt, in wirkliches Erleben um. Eine zentrale Rolle spielt dabei der "Präfrontale Cortex", ein Teil der Großhirnrinde. Dort werden Umweltsignale mit Erfahrungen und Emotionen abgeglichen. Hoffnungen oder Erwartungen entstehen. Das regt die Produktion körpereigener Botenstoffe an. Schmerzlindernde Hormone zum Beispiel werden ausgeschüttet und entfalten an den Nervenzellen ihre Wirkung.
So ähnlich funktioniert auch der Drehstuhl-Test. In einem abgedunkelten Raum sitzt eine Versuchsperson auf einem Drehstuhl der im Kreis rotiert. Der Person auf dem Stuhl wird langsam übel, doch das gehört zum Versuch. Forscher der Uniklinik Tübingen testen dabei, ob sich die Übelkeit im Drehstuhl durch die Gabe eines Placebo-Mittels abschwächen lässt.
Professor Enck erklärt der Versuchsperson, was es mit dem Mittel auf sich hat, das sie nun einnehmen soll: "(...) und was wir wissen, ist, dass empfindliche Probanden auf solche Geschmacksreize mit einer Besserung der Übelkeitssymptome im Drehstuhl reagieren (...)." Das Mittel, das dabei verabreicht wird, ist per se wirkungslos. Und doch: Die Teilnehmerin glaubt, dass der "Geschmacksreiz" ihre Übelkeit mindern wird - und die Rundfahrt läuft in der Tat glimpflich ab.
Die Wissenschaftler wollen so auch herausfinden, ob es bestimmte Eigenschaften gibt, die einen Menschen besonders empfänglich für Placebos machen: "Was es wohl gibt, ist eine bestimmte Prädisposition: Die eine wäre, zu sagen: Leute, die die Verantwortlichkeit für ihre Gesundheit beispielsweise sehr nach außen verlagern - und die in der Psychologie dann 'Externalisierer' heißen - die sagen 'Doktor, helfen Sie mir!', das sind diejenigen, die stärker auf Placebo reagieren. Diejenigen, die sozusagen 'internalisieren', die sagen: 'Ich kann mir am besten selber helfen', 'Hilf dir selbst, dann hilft Dir Gott!', das sind wahrscheinlich die, die auf Placebo ganz wenig reagieren", so die Einschätzung von Prof. Enck.
In parallelen Experimenten wurde den Versuchsteilnehmern nichts über die zu erwartende Wirkung der Mittel gesagt: Sie bekamen es ohne Suggestion und rotierten mehrmals. So lernten sie mit der Zeit, Geschmack und Übelkeit in Verbindung zu bringen. Die Folge: die Übelkeit verschlimmerte sich zumeist. Ein "Konditionierungs-Experiment". Dem Patienten wird dabei nichts bewusst suggeriert, vielmehr findet ein unbewusster Lernprozess statt:
Prof. Enck: "Was wir jetzt gefunden haben, zumindest im Drehstuhl, ist, dass Männer sehr stark auf Suggestion reagieren, Frauen sehr viel weniger. Frauen sind da offensichtlich etwas immuner. Dafür lassen sich Frauen in anderen Experimenten sehr viel leichter konditionieren."
Außerdem fand man bei beiden Geschlechtern, dass sich negative Wirkungen – also "Nocebo-Effekte" – einfacher erzielen ließen, als positive Wirkungen. Glauben die meisten eher an pessimistische Prognosen? Sicher ist, dass verschiedene Menschen auch unterschiedlich sensibel für bestimmte Stimuli sind, so Paul Enck: "Also jemand der sehr viel auf gesunde Ernährung hält, bei dem können sie mit einer Ernährungsinstruktion, auch wenn sie Placebo wäre, sehr viel erreichen. Jemand der sportlich sehr aktiv ist, würde wahrscheinlich mit einer Placeboinstruktion, die körperliche Betätigung notwenig macht, sehr gut reagieren. Das heißt, irgendwo sind wir alle Placebo-Responder, man muss nur den richtigen Stimulus finden."
Es dreht sich also etwas im Medizinbetrieb. Schon wird geforscht, ob Placebo-Empfänglichkeit auch im Erbgut verankert ist. Gute Placebo-Empfänger könnten einen genetischen Vorteil haben, wenn die Fähigkeit, an Heilung zu glauben, sich positiv auf die Überlebensfähigkeit auswirkt. Den Beginn einer "Placebo-Medizin", in der Scheinmedikamente mit Wissen des Patienten verabreicht werden können, sehen die Forscher allerdings nicht. Denn wer Placebos als solche erkennt, bei dem wirken sie nicht mehr. Also muss der, der Placebos gibt, eben auch flunkern.
Die "Medizin ohne Wirkstoff" wird also immer besser erklärbar. Und doch: Es bleibt das Schicksal des Placebos, dass es nur im Verborgenen, in der Tarnung, seine Wirkung entfalten kann.
Oliver Wittkowski
Letzte Änderung am: 13.11.2007, 18.16 Uhr