aus der Sendung vom Donnerstag, 7.12.2006 | 22.01 Uhr | SWR Fernsehen
Wenn die Kirchturmglocke im Laufe der Zeit ihren brillanten Klang verliert, wird es höchste Zeit für das Glockenlabor an der FH Kempten im Allgäu. Hier erforschen Wissenschaftler die Zusammenhänge zwischen dem Grad der Beanspruchung durch den Klöppel, den Materialverformungen und den Veränderungen im Klangspektrum. Odysso hat es sich angeschaut.

Sie scheppert - die Glocke von Mariä Himmelfahrt
Wer gute Ohren hat, kann es hören: Sie scheppert ... die Glocke von Mariä Himmelfahrt in Oberbozen. Gegossen für eine Ewigkeit ist sie nicht mehr heil. Offensichtlich hat ihr letztes Stündlein geschlagen. Ein Riss verleidet seit August 2006 der katholischen Gemeinde in Südtirol den bestellten Wohlklang, neun Jahre seitdem sie geliefert wurde. Sie zeigt einen winzigen Haarriss an der Stelle, wo der Klöppel Tag für Tag gegen hämmert.
In Innsbruck wurde sie gegossen. Von Peter Graßmayr. Seine Familie gießt seit 1599 Glocken in der 14. Generation. Sie stehen für Qualität mit ihrem Namen, fühlen sich als Glied in einer Kette einer großen und langen Tradition. Schließlich sind Glocken etwas Heiliges. Bestimmt für einen heiligen Zweck.
Peter Graßmayrs Glocken sollen auch noch in hundert Jahren heil sein - wie die seiner Ur-Ur-Ur-Großväter. Lief damals - 1997 - etwas schief bei der Geburt der Glocke für die Gemeinde in Oberbozen? Oder liegt es vielleicht am Klöppel einer Fremdfirma, die den Klöppel vielleicht nicht optimal ausgelegt hat? Was ist die Ursache für den Riss?
Auf der Suche nach dem optimalen Klang
Hier kommt Peter Graßmayr ein Projekt zu Gute, an dem er und sieben weitere europäische Glockengießer aus Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Großbritannien und der Schweiz beteiligt sind: ProBell. Deshalb weiß der Glockengießer, wer ihm helfen kann: der Chef des Projekts, Professor Andreas Rupp von der Fachhochschule Kempten im Allgäu.
Rupp studiert mit seinen Mitarbeitern und Kollegen aus Italien und Slowenien Krankheitsursachen besonderer Art. Sie versuchen, den Klang und die Lebensdauer von Kirchenglocken zu studieren, um sie später konkret zu verbessern und Misstöne aus dem Kirchenturm zu verhindern. Sie sind damit auf der Suche nach dem optimalen Klang und helfen Glockengießern und Auftraggebern wie den Kirchengemeinden.
ProBell hat ein Glocken-Labor eingerichtet, ein riesiger Schalltoter Raum, in dem die über 22 Glocken der Glockengießer ununterbrochen geläutet werden. Bis an ihre Schmerzgrenze. So simulieren die Ingenieure vorzeitiges Altern und schnelleren Verschleiß. Ein Tag im Schalllabor ist wie ein Jahr im Kirchturm.
Dauerläutexperiment im Labor
Vielen historischen Kirchturmglocken droht der Verlust ihrer Klangbrillanz. Durch die Wucht, mit der die stählernen Klöppel beim Läuten auf die Glocke prallen, haben sich oft bereits dünne Haarrisse gebildet, so wie bei der Glocke von Peter Graßmayr. Um zu verhindern, dass für so manche Kirchenglocke schon bald das letzte Stündlein schlägt, müssen die Forscher die Zusammenhänge zwischen dem Grad der Beanspruchung durch den Klöppel, den Materialverformungen und den Veränderungen im Klangspektrum erforschen.
Das Projekt hat im Oktober 2005 begonnen und wird bis zu diesem Herbst die Startphase abschließen. In Kempten stehen bereits über zwanzig Glocken samt Glockenstuhl, die zum Teil von verschiedenen europäischen Glockengießereien extra für dieses Projekt gegossen wurden. Die Forscher haben seit Herbst mit den Messungen im Labor begonnen. Unter anderem gibt es ein Dauerläutexperiment neben akustischen Messungen und Materialtests. Die Forscher untersuchen auch vor Ort Glocken in europäischen Städten.
Auf den richtigen Klöppel kommt es an
Aus dem Vorgängerprojekt, das noch am Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit lief, liegen schon erste überraschende Ergebnisse vor. So hängt der Glockenverschleiß ganz entscheidend von dem Winkel ab, in dem die Glocken beim Läuten ausschwingen. Ganz besonders heikel und gefährdet sind Glocken, denen ein "falscher" Klöppel verpasst wurde. Die Kemptener geben Tipps und Ratschläge, was dann zu tun ist.
Rupp und sein Team beschließen: Das Problem in Oberbozen muss vor Ort untersucht werden. Denn endgültige Klarheit kann nur der Test an der wirklichen Glocke in Oberbozen bringen. Früh am Morgen kommt das Team dort an. Voll gepackt mit Instrumenten und einer portablen Messstation. Im Glockenstuhl bereiten die Ingenieure alles für die entscheidende Messung vor.
Hochsensible Messfühler bringen die richtige Erkenntnis
Auch der Glockengießer Peter Graßmayr ist mit dabei. Er will dabei sein und dem Team helfen. Hochsensible Messfühler müssen an der Glocke fixiert werden. Dick in Watte gepackt. Schließlich müssen sie enorme Beschleunigungen aushalten - mehrere hunderte Mal mehr als bei einem Raketenstart.
Das Team richtet die Mikrofone ein. Sie sind so empfindlich, dass sie noch Husten draußen auf dem Kirch-Platz registrieren. Der erste Test bestätigt: Die Töne der Glocke sind nicht so, wie sie sein müssten. Sie klingen scheppernd. Auch mit einem standardisierten Klöppel angeschlagen bleibt der Ton verdorben. Doch was hat den Riss verursacht?
Im Haupttest wird die Glocke so geläutet wie sie immer läutet. Hier in Südtirol schwingt sie fast doppelt so hoch wie vergleichbar in Deutschland und Österreich. Der schwere Klöppel und das hohe Läuten - das belastet die Glocke offensichtlich zu sehr. Und mehr noch: Am höchsten Punkt trifft der Klöppel auch noch bis zu sieben Mal auf die Glocke - statt nur ein Mal.
Damit zeichnet sich auch schon vor Ort eine Empfehlung ab - natürlich können erst die sorgfältigen Auswertungen endgültig darüber entscheiden, dann, wenn Messprotokolle und - Daten studiert worden sind in Kempten: Wenn so hoch geläutet werden soll, dann müsste ein Klöppel wesentlich leichter dimensioniert werden. Eines ist damit aber auch klar: Es lag nicht am Glockengießer. Peter Graßmayr wird die Glocke noch einmal gießen. Denn: Ein schöner Klang - das ist es, worauf es ihm ankommt.
Heinz Greuling
Letzte Änderung am: 18.07.2007, 15.31 Uhr