Ob bei Erwachsenen oder bei Kindern – oft reicht ein kleiner Moment der Unachtsamkeit, und schon ist es passiert: Ein Schnitt in den Finger beim Gemüseschneiden oder ein Sturz vom Fahrrad. Das böse Ende: ein blutender Finger oder ein aufgeschürftes Knie, im letzteren Fall auch noch mit jeder Menge Straßendreck in der Wunde. Egal wie groß oder klein eine Wunde ist, jede Verletzung muss gut versorgt werden. Doch worauf kommt es dabei an? Wie versorgt man sie am besten? Mit Alkohol desinfizieren, gleich ein Pflaster drüber oder einfach an der Luft trocknen lassen?
Jod oder nicht?
Von der leichten Schürfwunde bis zum schweren Unfall: In der chirurgischen Notaufnahme der Uniklinik Köln versorgt das Team 20 bis 30 Verletzte in einer Schicht. Die Ärzte und Pfleger dort sind Experten für Wundversorgung. Sie wissen wie Verletzungen am besten heilen. Aber auch, dass dazu jede Menge Irrtümer im Umlauf sind. Das fängt schon beim Desinfizieren an.
"Früher ging man davon aus, dass es richtig brennen muss, wenn man eine Wunde desinfizieren will", erklärt Unfallchirurg Marco Koriller. "Die Desinfektionsmittel haben Alkohol oder Jod enthalten, weil man geglaubt hat, dass nur damit die Bakterien wirksam abgetötet werden können. Es gibt heute aber Weiterentwicklungen - Desinfektionsmittel auf chemischer Basis, wie wir sie benutzen - die töten die Bakterien genauso wirksam ab. Sie haben aber den Vorteil, dass sie nicht brennen, wenn man sie auf die Wunde aufträgt. Die kann man ganz normal in der Apotheke kaufen und zu Hause zum Auswaschen von Wunden benutzen."
Wer solche Desinfektionsmittel nicht zu Hause hat, kann oberflächliche Wunden auch einfach mit Leitungswasser auswaschen. Oft sieht man erst wenn die Wunde sauber ist, wie tief sie wirklich ist. Und ob man sie selbst versorgen kann oder damit zum Arzt muss.
Zum Arzt oder nicht?
Alles was ein bis zwei Millimeter unter die Haut geht ist riskant. Unfallchirurg Dr. Stephan Conrad rät deshalb, sich die Wunde genau anzuschauen: "Man erkennt, dass eine Wunde von einem Arzt versorgt werden muss daran, dass sie tiefer geht und die darunter liegenden Strukturen sichtbar werden - wie in diesem Fall das Unterhautfettgewebe, was dann so gelblich durchschimmert. Oder wie man hier auch sieht, dass die Muskulatur sogar schon zum Vorschein kommt. Dann muss man auf jeden Fall ins Krankenhaus gehen, weil so eine Wunde genäht werden muss."
Bei so tiefen Wunden muss der Arzt auch sicherstellen, dass keine Gefäße oder Nerven verletzt sind und keine Infektion entsteht. Mit einer Schürfwunde oder einem abgerissenen Fingernagel dagegen muss man nicht unbedingt zum Arzt. Viele schwören sogar darauf, solche Wunden so gut wie gar nicht zu versorgen: Am besten heile so eine Wunde ohne Pflaster. Doch stimmt das wirklich?
Pflaster oder nicht?
"Der Irrglaube ist, dass Wunden ohne Pflaster an der frischen Luft besser und schneller heilen", klärt Marco Koriller auf. „Das stimmt nicht. Man kann die Wundheilung in der Akutphase nicht beschleunigen. Man braucht das Pflaster allerdings, um die Wunde zu schützen - zum Beispiel vor Keimen oder vor äußerer Reibung. Man sollte allerdings ein Fliess auflegen, damit sich eine Kruste bilden kann, die nicht gleich wieder abgezogen wird, wenn ich das Pflaster abziehe.“
Um zu heilen braucht die Wunde nun vor allem eines: Ruhe. Dann geht unter einem gewöhnlichen Pflaster alles wie von selbst. Mehr als ein einfaches Pflaster brauchen allerdings tiefe, schlecht heilende Wunden: Sie heilen besser unter Gel- oder Schaumstoffverbänden, in eher feuchtem Milieu. Sollte man also alle Wunden feucht halten?
Feuchthalten oder nicht?
Nicht für jede Wunde ist eine so genannte "feuchte Wundbehandlung" passend. Bei vielen Wunden ist es stattdessen sogar wichtig, darauf zu achten, dass sie von außen keiner zusätzlichen Feuchtigkeit ausgesetzt sind. Denn Feuchtigkeit ist bei der Wundheilung nicht gleich Feuchtigkeit; zu viel Feuchtigkeit im falschen Moment – zum Beispiel wenn man mit einer gerade verheilenden Wunde duschen oder baden will - ist nicht ratsam, wie Dr. Marco Koriller erklärt: "Bei oberflächlichen Wunden ist es ganz wichtig, dass die Wunde trocken bleibt. Es sollte kein Wasser oder Feuchtigkeit an die Wunde kommen. Zum einen damit die Kruste nicht aufweicht, und zum anderen damit die Wundränder nicht aufweichen, was zu Wundheilungsstörungen führt. Und der dritte Punkt ist, dass es so auch leichter zu Infektionen kommen kann."
Auch Salben enthalten Feuchtigkeit. Trotzdem schmieren viele sie auf die Wunde und hoffen so die Heilung zu beschleunigen. Doch was nutzt das wirklich?
Salbe oder nicht?
Unfallchirurg Stephan Conrad rät von Salben eher ab: "Früher hat man antibiotikahaltige Salben benutzt oder Puder, die antibiotikahaltig waren. Die nimmt man nicht mehr, weil die häufig zu Resistenzen der Bakterien geführt haben. Also im Grunde kann man auf Salben und Tinkturen weitestgehend verzichten, weil die körpereigenen Substanzen da völlig ausreichend sind. Wenn man gesund ist und keine Grunderkrankungen hat, die die Wundheilung verzögern, dann läuft die Wundheilung im Grunde von alleine ab."
Scarlet Löhrke
Letzte Änderung am: 08.03.2010, 18.33 Uhr