Ob ein Mensch seine schweren Verletzungen überlebt und wie gravierend eventuelle Folgeschäden sind, hängt entscheidend von den ersten 60 Minuten ab. Notfallmediziner sprechen von der sogenannten "goldenen Stunde". Dabei kommt es zunächst darauf an, wie schnell der Notarzt vor Ort sein kann. Als Thomas Lorenz Oktober 2009 am Drachenfels im Pfälzerwald verunglückt, stehen seine Chancen nicht sehr gut.
Eine Wanderung endet tragisch
Es sollte eine fröhliche Wanderung mit der Familie und Freunden werden. Auf dem Plateau des Drachenfels, der höchsten Erhebung der Nordpfalz, verlässt Thomas die Gruppe. Er muss austreten. Das ist gegen 11 Uhr 55. Was dann genau passiert ist unklar. Sicher ist nur die Höhe aus der der junge Mann abstürzt: 18 Meter.
Thomas prallt mit der Schulter und dem Oberkörper auf. Vier Rippen zerbrechen. Die Leber platzt auf und wird durch das reißende Zwerchfell in den Brustkorb gequetscht. Dort verdrängt sie den rechten Lungenflügel.
Ein Notprogramm springt an
Nur kurz nach dem Unfall – es muss 11 Uhr 57 gewesen sein - macht ein Wanderer die Gruppe auf den Verunglückten aufmerksam. Thomas ist am Leben, als seine Freunde ihn finden. In seinem Körper läuft jetzt ein Notprogramm: Der Puls steigt an. Gleichzeitig verengen sich Arterien und Venen. So wird der Blutverlust verringert und der Blutdruck stabilisiert. Die Nebenniere schüttet Adrenalin aus. Das Hormon, dass in Extremsituationen die letzten Leistungsreserven des Körpers mobilisiert. Gleichzeitig lindern Endorphine, das sind körpereigene Opiate, den Schmerz der Verletzungen. Es ist dieses Notprogramm das Thomas am Leben hält.
Unter seinen Freunden ist auch die Krankenschwester Monika Dietz: "Man sah keine große Blutlache oder dass er irgendwie verrenkt da lag. Wir haben dann nachgefragt ob er Schmerzen hat, oder ob er alles bewegen kann. Dass er uns immer anschauen soll. Dann haben wir ihn runter transportiert auf den Weg und auf den Notarzt gehofft, denn man hat schon gemerkt, dass er zunehmend eintrübt."
Nahezu zeitgleich startet der alarmierte Rettungshubschrauber. Nur kurze Zeit später schwebt er über den Drachenfels. Doch landen kann er nicht. Es ist zu eng. Um 12 Uhr 05 entscheidet der Rettungsarzt Philip Krämer, aus dem fliegenden Hubschrauber abzuspringen. Er muss den Verletzten alleine behandeln, denn nur auf seiner Seite ist der Absprung möglich.
Nach einer Stunde transportbereit
Was der Notarzt nicht weiß: die Leber wurde in den Brustraum gedrückt. Obwohl keine große Blutbahn verletzt ist, droht das Blut aus der Leber die Lunge zu zerquetschen.
Nur knapp 15 Minuten nach dem Sturz beginnen Philip Krämer und Monika Dietz mit der Notversorgung. Dass die Krankenschwester bei der Wandergruppe ist entpuppt sich als wahrer Glücksfall, denn sie weiß genau, wie sie dem Notarzt helfen kann. Jedes Zögern und Nachfragen würde die Rettung nur hinauszögern.
Denn nach wie vor erschwert das nachströmende Blut die Lungenfunktion. Gegen 12 Uhr 45 entscheidet der Notarzt, dass der Verletzte transportbereit ist. Mittlerweile hat der Jagdscheinanwärter Michael Hoffmann mit seinem Quad das Sauerstoffgerät aus dem wartenden Krankenwagen hinaufgebracht. Der Jagdpächter Dietmar Noff bringt Thomas mit seinem Geländewagen aus dem unwegsamen Gelände. Als er am Hubschrauber ankommt, ist der Sturz keine Stunde her.
Jede Sekunde zählt
Um 13 Uhr 03 - fast genau eine Stunde nach dem Unfall - landet der Rettungshubschrauber in Ludwigshafen. Keine fünf Minuten später entscheiden die Ärzte im sogenannten Schockraum, was zu tun ist. Jede Sekunde zählt, denn: "Diese erste Stunde ist für das Behandlungsergebnis extrem wichtig. Vor allem darf man nicht zu therapeutischen Maßnahmen greifen, die zu diesem Zeitpunkt gar nicht erforderlich sind - um eben keine Zeit zu verlieren", erklärt Professor Paul Alfred Grützner von der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik.
Inzwischen ist der Chirurg Dr. Stefan Willis vom benachbarten Klinikum Ludwigshafen bereits im OP der Unfallklinik. Er ist Spezialist für Leberoperationen. Schon während der Rettungsaktion wurde er benachrichtigt und hat Zeit, den Eingriff vorzubereiten. Die Chancen für Thomas stehen gut: „Wenn ein Patient mit so ausgedehnten Verletzungen es bis in den OP schafft, dann haben wir in vielen Fällen die Möglichkeit, dieser Blutung auch Herr zu werden.“
Doch die Operation ist schwieriger als erwartet: „Das größte Problem war, dass durch die Wucht des Aufpralls die Leber nicht nur zerrissen war, sondern diese Leber durch den Riss in dem Zwerchfell in den Brustraum hinein gedrückt wurde. So dass wir vom Bauch aus im Brustraum operiert haben und als erstes die Leber in den Bauchraum zurückholen mussten. Herr L. hat sehr großes Glück, dass dieser Riss im Zwerchfell bis ins Herz rein ging, aber Gott sei Dank kurz vor den Blutgefäßen geendet hat“, so Stefan Willis im Rückblick.
Die Selbstheilungskräfte werden aktiv
Die Operation dauert mehr als zweieinhalb Stunden. Dann ist es geschafft. Stefan Willis hat Recht behalten: Thomas ist außer Lebensgefahr. Jetzt beginnt das zweite Wunder: Die Heilung der verletzten Organe.
Nur grobe und tiefe Nähte können das weiche Gewebe der Leber zusammenhalten. Unter der Naht wachsen neue Leberzellen heran. Sie schließen nach und nach den Riss. Gut vier Wochen dauert dieser Prozess. Übrig bleibt eine Narbe. Auch das Zwerchfell verheilt, ebenso wie die Rippen. Schon nach wenigen Wochen ist Thomas wieder auf den Beinen.
An den Unfall selbst kann er sich nicht erinnern. Auch nicht wenn er an der Unglücksstelle steht. Ein Vergessen das dem Selbstschutz dient. Heute ist Thomas nicht nur wieder völlig gesund, er kann auch sein Leben unbeschwert genießen. Dank der Selbstheilungskräfte seines Körpers und der schnellen Hilfe seiner Freunde.
Angesichts der schwierigen Umstände ein guter Verlauf. Allerdings bleiben bei solch schweren Verletzungen im Allgemeinen nur 60 Minuten, um zu überleben. Das ist die sogenannte goldene Stunde zwischen Leben und Tod. Ein Erfahrungswert von Notärzten. Das heißt nicht, dass man danach sofort stirbt. Um aber überhaupt eine Überlebenschance zu haben, musste Thomas nach einer Stunde auf dem OP-Tisch liegen.
Letzte Änderung am: 11.03.2010, 18.34 Uhr