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SENDETERMIN Do, 31.5.2012 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Demenz: Pillen statt Pflege

Pillen statt Pflege

Im Frühjahr hat das Bremer Zentrum für Sozialpolitik eine Studie veröffentlicht, die erschreckende Aussagen beinhaltet: Es geht um Pflegeeinrichtungen, in denen demente Personen betreut werden. Und es geht um die illegale Ruhigstellung dieser Dementen mit Psychopharmaka und Neuroleptika. 240.000 Demenzkranke werden laut dieser Studie in deutschen Pflegeheimen mit der „chemischen Keule“ sediert. Einer davon war der 90-jährige Vater von Ute Lamping.

Mit starken Medikamenten ruhig gestellt

Frau sitzt auf Coach und beugt sich zum Wohnzimmertisch, auf dem Zeitungsartikel liegen.

War über den Gesundheitszustand ihres Vaters entsetzt: Ute Lamping erreichte, dass alle Medikamente abgesetzt wurden

Sie schildert uns, was sie erlebte, als sie Ihren Vater im Heim besuchte: „Ich habe mich ganz fürchterlich erschreckt. Ich habe ihn gesehen und kaum erkannt. Er saß völlig zusammengesunken auf seinem Sessel, hatte Wahnvorstellungen und große Angst. Er hat sehr stark gezittert und Dinge gesehen, die nicht real existent waren. Insgesamt war er ein körperliches Wrack.“ Dabei war der Vater von Ute Lamping, als er noch nicht im Heim war, ganz vital. Körperlich, dem hohen Alter von 90 Jahren entsprechend fit. Durch die Demenz war er zeitweise zwar verwirrt, aber körperlich nicht so beschränkt, dass er ständig Hilfe gebraucht hätte. Er konnte gehen und einwandfrei essen, ohne dass etwas daneben gegangen wäre. Als er dann aber drei Medikamente auf einmal bekommen hat, erkannte ihn seine Tochter nicht wieder. Ute Lamping hat sich bei dem Neurologen beschwert, der ihrem Vater die starken Medikamente verschrieben hatte – und das ohne die gesetzlich vorgeschriebene Rücksprache mit ihr, der Sorgeberechtigten.

Wo bleibt die Würde Dementer?

„Die Pflegeaktivisten“, eine Initiative im Internet, ist eine der vielen Interessengemeinschaften, die versuchen auf die teils unfassbar schlimmen Zustände in der Pflege von Dementen hinzuweisen. Robert Gruber hat sie gegründet, weil er die brutale Ruhigstellung dementer Menschen, die er als Pfleger oft beobachtet hat, publik machen möchte. Er spricht vom Artikel eins des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, und sagt, in der Pflege von dementen Personen gilt dieser Artikel offenbar nicht. Demente werden nach seiner Erfahrung in der Pflege systematisch „mit Psychopharmaka abgeschossen.“ Wie „Zombies“ wirkten die Dementen dann oft: „Die betroffenen Personen waren lethargisch. Keine Mimik mehr im Gesicht, extrem sturzgefährdet, teilweise mit Psychopharmaka-Nebenwirkungen, die an einen Schlaganfall oder eine Hirnblutung erinnerten, mit dem Ausfall ganzer Körperregionen.“

Teufelskreis Psychopharmaka

Autotür mit Reklameschild der "Pfelgeaktivisten"

Setzen sich zur Wehr: Die Pflegeaktivisten engagieren sich für eine intensive und menschliche Pflege.

Robert Gruber hat seinem Arbeitgeber gekündigt, weil er den menschenverachtenden Umgang mit den Dementen nicht mehr ertragen konnte. Er hat sich als ambulanter Pfleger selbständig gemacht und im Internet die Initiative "Die Pflegeaktivisten" gegründet. Unter Psychopharmaka geraten Demente oft in einen Teufelskreis, kritisiert der Pfleger: „Das ist ein wahnsinniger Kreislauf, wenn ich Demente – oder überhaupt alte Menschen mit Psychopharmaka behandele. Die Leute verlernen direkt das Gehen, können sich nicht mehr richtig bewegen. Dadurch haben sie eine unterbelüftete Lunge, das kann zu einer Lungenentzündung führen, die wiederum mit Antibiotika behandelt wird. Das macht den Körper anfälliger für andere Krankheiten. Oft kommt es dann auch zu einem Multiorganversagen. Der ganze Organismus wird anfälliger und dadurch sterben die Leute auch früher.“

240.000 Demente, so eine aktuelle Studie, werden in Deutschland mit Psychopharmaka ruhiggestellt, nur um die Pflege zu erleichtern. Das ist illegal. Außerdem sind diese Medikamente für alte Menschen wegen schwerer Nebenwirkungen ungeeignet. Im Beipackzetteln ist unter anderem von Koma, Wahnvorstellungen, Schlaganfall, Herzinfarkt und Nierenschaden die Rede.

Skrupellose Verschreibungspraxis

Die meisten dieser Medikamente stehen auf der sogenannten „Priscus-Liste.“ Dort stehen die Pharmazeutika, die wegen ihrer Nebenwirkungen bei alten Menschen nicht zur Anwendung kommen sollten. Ärzte müssten diese Liste, diese Nebenwirkungen kennen. Sie sollten Neuroleptika an ältere Patienten nur in Notfällen verschreiben. Doch in der Praxis werden Demente mit Psychopharmaka und Neuroleptika massenhaft sediert. Ute Lamping hat es mit ihrem dementen Vater erlebt, wie verantwortungslos Ärzte in Pflegeheimen die gefährlichen Neuroleptika in vielen Fällen verschreiben: „Ich war empört und entsetzt darüber, dass der Neurologe sich nicht nach den Vorerkrankungen erkundigt hat. Er wusste nichts, überhaupt gar nichts über Laborwerte. Er wusste nichts über die Operation, er wusste nichts über die Vorerkrankungen, die da vorliegen. Er hatte sich überhaupt nicht informiert. Und das war für mich einfach der Skandal.“

Was fehlt ist Zuwendung

Ältere Frau an einer Glastür wird von einem Pflege aufgehalten

Fluchtversuche: Viele pflegebedürftige alte Menschen fühlen sich in Heimen oft nur eingesperrt.

Demenzkranke brauchen weniger Medikamente und mehr Zuwendung, davon ist Robert Gruber überzeugt. Viele der Probleme, gegen die heute Medikamente verschrieben werden, gäbe es dann gar nicht: „Man würde sich viel Ärger, viel Aggressivität ersparen. Ein besserer Umgang mit den Dementen wäre möglich.“

Experten sagen, auch die Fluchttendenz der Dementen würde abnehmen, wenn sie mehr Zuwendung in der Pflege erlebten. Weil sie sich dann in den Heimen eher aufgehoben fühlten. Doch dafür wäre natürlich mehr Personal notwendig, und das kostet. So wird, wenn gespart werden soll, zuerst am Pflegepersonal gespart. Im Gegensatz dazu rechnen sich die Psychopharmaka und Neuroleptika gleich doppelt. Die Pflegeeinrichtungen sparen so einerseits Personal, zum anderen lassen sich die jetzt tatsächlich hilflosen Patienten in höhere Pflegestufen einordnen. Und dafür können die Heime mehr Geld aus der Pflegekasse verlangen.

Kommerzwahn auf Kosten der Gesundheit

Der Pfleger Robert Gruber ist wütend und traurig, wenn er darüber spricht, das hört man seiner Stimme an: „Das muss sich ändern, um den ganzen Kommerzwahn aus der Pflege herauszubringen, und sich wieder wirklich um die Leute zu kümmern, und nicht darum, dass die Pharmaindustrie ihre Medikamente da verkaufen kann. Auf Kosten der Gesundheit und des Lebens der Menschen, die dieses Land doch aufgebaut haben. Also das ist für mich ein Unding.“

Für den demenzkranken Vater von Ute Lamping hat sich das Engagement seiner Tochter segensreich ausgewirkt. Alle Medikamente wurden abgesetzt. „Unter der Medikation hat er gesagt: Es geht mir beschissen. Das konnte er formulieren, das hat er wahrgenommen. Er hat sich dann nach der Medikation erholt und von sich aus gesagt: Jetzt geht es mir besser. Ich kann jetzt wieder verstehen was die Leute reden, ich kann jetzt wieder Gespräche verfolgen. Ich hab jetzt wieder Tritt gefasst. Das waren seine Worte.“


aus der Sendung vom

Do, 31.5.2012 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.

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