SENDETERMIN Do, 3.5.2012 | 22.00 Uhr

Was ändert sich im Nationalpark?

Notfall Natur?

In Deutschlands Südwesten gibt es immer noch keinen Nationalpark, obwohl in Rheinland-Pfalz und in Baden-Württemberg schon lange über die Einrichtung solcher Nationalparks diskutiert wird. Doch bisher konnte die Holzwirtschaft ihre Interessen immer durchsetzen, zu Ungunsten der Natur. Denn die hat in einem normalen Wirtschaftswald das Nachsehen. Was viele für den normalen deutschen Wald halten, nämlich den „dichten Nadelwald“, das ist gar kein richtiger Wald, sondern eine Holzplantage. Zur "Erntezeit" arbeiten hier laut lärmend Vollernter, das sind schwere Maschinen, die in wenigen Sekunden einen Baum fällen, ihn entasten und in „handliche“ Stücke zerlegen. Auch abtransportiert wird das Rohmaterial Holz buchstäblich mit schwerem Gerät, und das ist ein Problem.

Tonartige verklumpte Erde in einer Hand

Kein Lebensraum für Kleinstlebewesen: Der Boden eines Wirtschaftswaldes ist tonartig und hat keine Lufteinschlüsse mehr.

In einem Wald in der Eifel treffen wir den bekennenden Ökoförster Peter Wohlleben. Bewaffnet mit einem Spaten will er uns in einer Wirtschaftsschneise zeigen, was die schweren Fahrzeuge hier mit dem Boden angerichtet haben. Es ist gar nicht so leicht, mit dem Spaten diesen Boden aufzubrechen. Peter Wohlleben setzt den kompakten Aushub auf den Waldboden und kommentiert die Struktur des Bodenmaterials: „Also hier sehen wir, dass unter der braunen Schicht so eine marmorierte Schicht kommt, und vor allem die Schnittfläche ist auch ganz glatt. Das heißt: Hier ist auch gar keine Luft mehr drin, das ist reiner Ton. Da sieht man auch, das sind so graubraune Flecken, das ist ein ganz klares Zeichen für Sauerstoffmangel. Hier erstickt jedes Bodenleben.“

Die Natur betreibt Recycling

Wir fahren mit Peter Wohlleben einige Kilometer weiter in einen Buchenwald, der seit 180 Jahren nicht mehr bewirtschaftet wird. Ganz leicht hebt der bekennende Öko-Förster mit dem Spaten die Erde aus und erklärt auch hier das Bodenbild: „Hier sehen wir einen sehr schönen braunen Boden. Das ist eine typische Braunerde, die ist feinkrümelig, die ist gut durchlüftet. Hier geht es den Tieren richtig gut. Und wie viele hier drin werkeln, das kann man an einer solchen Handvoll sehen. Insgesamt leben in dieser Handvoll Erde mehr Kleinstlebewesen als Menschen auf der Erde.“

Lockerer Boden in einer Hand

Luftig locker: Im Boden des Nationalparks Eifel wimmelt es von unzähligen Kleinstlebewesen.

Im benachbarten Nationalpark Eifel in Nordrhein-Westfalen treffen wir den Ranger Arno Koch. Auch hier hat die Natur Vorfahrt vor dem Profit. Das Ergebnis ist Artenvielfalt. Dass ein gesunder Wald eine Vielfalt an Lebensräumen bietet, zeigt uns Peter Wohlleben an einem seit 20 Jahren vor sich hin modernden Buchenstamm. Er greift in einen kleinen Haufen mit hellen Holzspänen, die einem Laien gar nicht aufgefallen wären: „An diesen Spechtabschlägen, das sind also Späne, die ein Specht übrig gelassen hat, als er ins Holz gehackt hat, sieht man, dass hier Insektenlarven drin sein müssen. Die hat der nämlich gesucht, um die zu fressen. Das heißt hier in diesem Holz mümmeln irgendwelche bis zu fingerdicken Larven und fressen diesen verrottenden Baum.“

Das so genannte Totholz verrottet hier nicht etwa sinnlos. Die Natur betreibt Recycling und holt sich wichtige Nährstoffe zurück. Sie schafft aus dem organischen Material neues Leben. Für Pilze Mikroben und Kleinlebewesen ist das ein reich gedeckter Tisch. Der Öko-Förster tippt auf die marode Rinde und erklärt dabei eines der wichtigsten Ziele in einem Nationalpark: „Das wäre sicher total spannend, hier einfach mal die Rinde runter zu reißen um zu sehen, was sich darunter bewegt. Aber genau das machen wir nicht. Wir sind hier ja im Nationalpark und hier soll sich die Natur ungestört entwickeln dürfen. Und man sieht ja an diesen kleinen Bohrlöchern, dass hier auf jeden Fall jede Menge los ist. Hier sitzen also irgendwelche Käferlaven drin. Und die brauchen teilweise fünf Jahre und länger, um sich zum Käfer zu entwickeln. Und wenn ich jetzt einfach anfange, hier Sachen runter zu reißen, dann war´s das. Also die kleinen Knilche wollen wir nicht stören.“

Totholz: Mutterschiffe biologischer Vielfalt

Förster Peter Wohlleben hält sich an einem großen Baumstumpf fest

Mutterschiffe der Biodiversität: Förster Peter Wohlleben an einem alten Baumstumpf mit Spechteinschlägen.

Ähnlich sieht‘s am benachbarten Baumstumpf aus. Allerding steht das Holz in diesem Fall, es ist trockener, und bildet so wieder ein anderes Biotop mit anderen Bewohnern. Peter Wohlleben weist auf die grundlegende Bedeutung von „Totholz“ für die Artenvielfalt im Wald hin. „Ein Kollege von mir hat mal gesagt: Das sind Mutterschiffe der Biodiversität. Hier brummt die Artenvielfalt, hier leben tausende von Insekten und Pilzarten. Das ist so ähnlich wie das Plankton im Meer. Das ist die Grundlage der Nahrungskette. Man sieht hier zum Beispiel Spechteinschläge. Die Spechte ernähren sich von den Insekten, die Insekten ernähren sich von den Pilzen. Also alles hängt zusammen, und wenn ich diesen ersten Baustein nicht habe, dann habe ich auch keine Artenvielfalt im Wald.“

Verarmter Lebensraum: Wirtschaftswald

´Wer das einmal bewusst gesehen hat, dem fällt die Tristesse in einem Wirtschaftswald sofort auf. Totholz muss man hier mit der Lupe suchen. Es gibt eigentlich nur Fichtenholz. Im Sommer zeigt sich ein weiteres Problem der Monokultur besonders deutlich, sagt Peter Wohlleben: „Und dazu kommt, dass die Fichten rund siebzig Prozent des Niederschlages schon mit den Kronen abfangen. Das heißt: Hier drunter ist es trocken wie in der Wüste.“ Das verschärft die Verarmung des Lebensraumes „Wirtschaftswald“ zusätzlich. Auch den Fichten selber geht es in dieser Holzplantage nicht gut.

Hier geht es eben zu allererst um die Produktion von Holz. Doch, so Förster Wohlleben, schon die Konzentration auf das schnellwachsende Fichtenholz ist – ökologisch gesehen – ein schwerer Fehler: „Fichte ist keine heimische Baumart. Die stammt aus der Taiga, also aus dem hohen Norden. Der ist es hier viel zu warm und zu trocken, die leidet hier. Und deswegen wird sie auch leichter von Käfern befallen und leichter krank. Sie wurzelt hier auch sehr flach und wird von Stürmen leichter geworfen. Also es gibt Probleme ohne Ende, leider auch für die Bodenlebewesen, weil dieser saure Nadelstreu von denen nicht gemocht wird. Die können das nicht fressen.“ Apropos Artenvielfalt in geschützten Wäldern: Eine Spezies ist auch im Nationalpark besonders willkommen – der Mensch. Allerdings nicht als Holzfarmer, sondern als Besucher, der hier eine gesunde, ursprüngliche Natur erleben kann.



Stand: 03.05.2012, 18.27 Uhr

aus der Sendung vom

Do, 3.5.2012 | 22.00 Uhr

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Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.