Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 23.2.2012 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Braunes Fett

Endlich schlank

Fett ist nicht gleich Fett. Bauchfett ist problematischer als das so genannte Hüftgold, weil es hormonaktiv ist und dadurch der Gesundheit mehr schadet. Es gibt aber noch eine andere Sorte Fett, über die man froh sein sollte, dass man sie hat: Braunes Fett. Forscher haben nämlich herausgefunden, dass dieses Braune Fett ein echter Kalorien-Killer ist.

Um das Video abspielen zu können, benötigen Sie Javascript. Bitte aktivieren Sie dies in Ihrem Browser.
Arzt zeigt in einen PC-Monitor mit einer Positronen-Emissions-Tomographie-Aufnahme

Neue Technik – neue Einblicke: Durch PET-CT entdeckten Ärzte Körpergewebe mit hohem Stoffwechsel.

Im Halbdunkel des fensterlosen Raumes flackern ungewöhnliche Bilder auf den Kontrollmonitoren. Sie zeigen Gehirn, Herz, Nieren und Skelett seines Patienten. So real und plastisch, dass man meint, eine Kamera sei im Körperinneren installiert.

Prof. Norbert Stefan vom Universitätsklinikum Tübingen interessiert sich besonders für ein bisher wenig beachtetes Detail des erwachsenen, menschlichen Organismus: Braunes Fettgewebe. Es liegt in der Schulter-Nackenregion und verbrennt Kalorien, statt sie zu speichern, wie das (weiße) Depotfett. Das braune Fett war bisher nur zu erkennen, wenn man es mithilfe eines bildgebenden Verfahrens der Nuklearmedizin sichtbar machte. Die Positronen-Emissions-Tomographie in Verbindung mit der Computertomographie, kurz PET-CT*. Prof. Stefan ist Endokrinologe, beschäftigt sich also mit den hormonellen Prozessen im menschlichen Körper und forscht zu den Themen Übergewicht und Diabetes: „Wir versuchen seit Jahren eine wirksame Therapie gegen krankhaftes Übergewicht zu finden. Diese Technologie hat uns dabei ein Stück weiter gebracht, denn sie hat uns geholfen, das braune Fett besser zu erforschen.“

Zusatzinfos Bildgebende Verfahren

Heizkraftwerk des Körpers

Computergrafik eines Säugling, in der auf dem Rücken braune Flecken eingezeicnet sind

Schutz gegen Auskühlen: Beim Säugling fungiert das Braune Fett als körpereigene Heizung.

„Man muss sich das braune Fett wie eine Heizung vorstellen. Es verbrennt Energie und macht daraus Wärme“, sagt Prof. Stefan. Diesen Mechanismus kennen Mediziner von Säuglingen schon lange. Die haben besonders viel braunes Fett, damit sie nicht auskühlen. Denn Babys besitzen kurz nach der Geburt wegen ihrer geringen Muskelmasse noch nicht die Möglichkeit, Wärme durch Muskelzittern zu produzieren. Auch haben Neugeborene ein größeres Körperoberfläche-Volumenverhältnis und zusammen mit der proportional größeren Kopfoberfläche führt das zu einem höheren Wärmeverlust. Bei den Kleinsten macht der Anteil des Braunen Fettes noch zwei bis fünf Prozent des Körpergewichtes aus. Im Laufe der ersten Lebensjahre wird dieser Anteil aber immer geringer.

Körpereigene Waffe gegen Übergewicht

„Wir haben lange Zeit geglaubt, dass der erwachsene Mensch nur noch nutzlose Reste des braunen Fettes im Körper hat. Bis im Jahre 2009 drei wissenschaftliche Arbeiten im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurden. Ihr Inhalt war eine kleine Sensation und hat die Fachwelt aufhorchen lassen“, so Stefan. Denn hier wurde erstmals belegt, dass auch Erwachsene das braune Fett noch als Heizung nutzen – und Kalorien in Wärme umwandeln können. Diese Entdeckung haben die Wissenschaftler der in den 1990er Jahren eingeführten PET-CT Technologie zu verdanken. Dieses Verfahren wurde ursprünglich eingesetzt, um Krebszellen aufzuspüren. Bei ihren Untersuchungen stießen die Forscher aber regelmäßig auf hochstoffwechselaktives Gewebe, das sie nicht bestimmen konnten. Es dauerte lange, bis sie schlussfolgerten, und 2009 schließlich bewiesen, dass es sich um braunes Fettgewebe handelte.

Junge und schlanke Menschen haben viel aktives braunes Fett

Anhand systematischer Auswertungen von PET-CT Messungen haben Forscher herausgefunden, dass das braune Fett nur bei vier bis sieben Prozent der bei Raumtemperatur untersuchten Menschen aktiv ist. Dagegen hatten 90 Prozent der Probanden aktives braunes Fettgewebe erst bei einer Umgebungstemperatur von 16 Grad. Außerdem zeigten diese Untersuchungen, dass junge Menschen mehr braunes Fett haben als alte Menschen und Schlanke mehr als Übergewichtige. Damit war klar: Ein wichtiger ‚Schalter‘ um das braune Fett zu aktivieren ist Kälte. Da wir uns heute aber in geheizten Räumen aufhalten und viel weniger der Kälte ausgesetzt sind als noch vor 100 Jahren, fängt das Gewebe bei vielen Menschen gar nicht erst an zu arbeiten.

Neue Therapie könnte braunes Fett aktivieren

Prof. Norbert Stefan will die Erkenntnisse zum braunen Fett nutzen, um seinen Patienten zu helfen ihre krank machenden Pfunde zu verlieren. Er hat jetzt eine Methode entwickelt, die die schlummernden Heizkraftwerke mithilfe von Hormonpräparaten aktivieren soll.

In tierexperimentellen Versuchen haben Wissenschaftler nachgewiesen, dass sich braune Fettzellen durch bestimmte Hormone und Enzyme aktivieren lassen. Die Tübinger wollen nun das aus der Schilddrüsenbehandlung bekannte Hormon L-Thyroxin einsetzen, um das braune Fett ‚anzuschalten‘. Bei einem Patienten mit Schilddrüsenunterfunktion war das bereits erfolgreich. Für belastbare Aussagen müssen aber viel mehr Menschen untersucht werden. Bisher war das ein großes Problem. Denn PET-CT Untersuchungen sind so belastend für den Organismus, dass sie sich für reine Forschungszwecke kaum eignen.

Deshalb haben die Radiologen des Tübinger Uniklinikums eine neue Methode entwickelt, die die Belastung für den Körper so reduziert, dass die Forscher sogar fettleibige Kinder untersuchen können. Dabei handelt es sich um die PET-Magnetresonanztomographie, kurz PET-MRT*. Mit dieser Technik wollen die Mediziner nun in einer Studie Menschen mit Schilddrüsenunter- und Überfunktion untersuchen und herausfinden, welchen Zusammenhang es zwischen ihrer Krankheit und der Aktivität ihres Braunen Fettes gibt.

Abnehmen bald auf Rezept?

Arzt sitzt vor einem PC-Monitor in einem LAborraum

Vision für neue Therapie gegen Fettleibigkeit: Prof. Norbert Stefan möchte die Braunen Fettzellen gezielt aktivieren können.

Die These der Forscher: Menschen mit Schilddrüsenunterfunktion haben gar kein aktives Braunes Fett. Sollte sich das Gewebe durch dreiwöchige Gabe von L-Thyroxin anschalten lassen, dann wäre es ein Beleg dafür, dass das Braune Fett auf dieses spezielle Hormon reagiert.

Und das wäre nicht nur für übergewichtige Patienten mit Schilddrüsenunterfunktion eine gute Nachricht, sondern auch für diejenigen, die eine normal arbeitende Schilddrüse haben. Denn auch sie könnten das Hormon unter ärztlicher Aufsicht zur Aktivierung ihres braunen Fettes bekommen.
Ein bequemer Weg, ein paar überflüssige Pfunde los zu werden, wird das in Zukunft aber nicht sein. Denn für Prof. Stefan ist klar, dass nur krankhaft übergewichtige Menschen unter ärztlicher Aufsicht von dieser Therapie profitieren dürfen.

aus der Sendung vom

Do, 23.2.2012 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

Das neue Odysso-Logo von 2016

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.

Aktuell im SWR