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SENDETERMIN Do, 12.4.2012 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Das globale Huhn

Essen im Überfluss

Brust oder Keule? Da sich viele hierzulande und in anderen westlichen Industriestaaten fettarm ernähren wollen, stehen Hähnchenbrust und andere Filets ganz oben auf den Speiseplänen. Die weltweit agierenden Geflügelkonzerne in den USA, Asien, Südamerika und Europa bedienen diesen Trend allzu gerne, denn das Filet wirft gute Gewinne ab.

Ein Karton voller tief gefrorener Hähnchenteile

Importe: Auf afrikanischen Märkten gibt es fast nur noch tiefgekühlte Hähnchenreste aus den Industriestaaten.

Doch wohin mit den übrigen Hühnerteilen? Tiefgekühlt werden sie weltweit verschoben. Die Länder Osteuropas sind beispielsweise ein großer Absatzmarkt, der aber längst nicht alles schluckt. Viele Überschüsse und Reste landen in afrikanischen Ländern und werden dort zu Billigpreisen verkauft. Die Folgen dort sind fatal. Lokale Märkte werden zerstört, Arbeitsplätze gehen verloren und die Menschen erkranken an dem minderwertigen Fleisch, weil die Kühlketten dort nicht eingehalten werden können und unsere Hygienevorschriften nicht mehr gelten.

Ghana und die Geflügelschwemme

Ghana steht stellvertretend für viele andere Länder an der westafrikanischen Küste. Schätzungsweise 90.000 Tonnen gefrorene Hühnerteile importiert das Land jährlich – zehnmal mehr als Anfang der 90er Jahre. Die größten Lieferanten sind Länder wie Brasilien und Thailand, die mit ihren riesigen Hühnerfarmen unfassbare Mengen von Hühnerfleisch produzieren, ebenso die USA mit seinen großen Fleischkonzernen und China. Einen beträchtlichen Anteil führt Europa ein.

In den neunziger Jahren kamen erstmals Containerschiffe mit tiefgefrorenen Hühnerresten an die Küsten Afrikas. Heute landen in Ghana pro Jahr schätzungsweise 40.000 Tonnen allein aus Europa. Die Märkte in Ghana und in anderen afrikanischen Ländern sind durch die Schwemme der Hühnerteile aus den Industrienationen zusammengebrochen. Der Verband der Ghanaischen Geflügelbauern schätzt, dass 40 Prozent aller Hühnerfarmen schließen mussten. Auch Zulieferbetriebe wie Futtermühlen sind betroffen. Ebenso sind viele Wanderarbeiter arbeitslos geworden. Sie zogen beispielsweise nach der Gemüseernte im Norden des Landes auf die großen Märkte in der Hauptstadt Accra, um als Hähnchenschlachter, Rupfer oder Verkäufer zu arbeiten. Viele von ihnen finden jetzt dort keine Jobs mehr.

Geflügel gefährdet ihre Gesundheit

Mann steht verloren in einem verlassenen Hühnerstall

Leere Stallungen: Die Importe haben die einheimischen Geflügelzüchter ruiniert.

Da es in den Entwicklungsländern kaum funktionierende Kühlketten gibt, bergen die tiefgefrorenen Hähnchen ein erhebliches Gesundheitsrisiko. Wenn das Fleisch über Tage immer wieder aufgetaut und eingefroren wird, erkranken die Menschen, die es verzehren, häufig daran. Gerade nach Wochenenden registrieren Krankenhäuser Lebensmittelvergiftungen, da bei Hochzeitsfeiern traditionell viel Huhn gegessen wird.

Eine Bürgerbewegung in Kamerun ließ 2004 Stichproben an den Verkaufsständen nehmen. Bei 200 Proben waren circa 85 Prozent des Fleisches nicht zum menschlichen Verzehr geeignet. Der Mikrobenbesatz, so stellte damals das Centre Pasteur in Jaunde fest, lag bis zu 180fach über den EU-Höchstwerten. Daraufhin verbot Kamerun den Import von Tiefkühlhähnchen.

In Ghana ging der Verkauf weiter. Das Land kann und will offenbar nicht gegen die Regeln des freien Welthandels verstoßen, weil sonst schnell finanzielle Unterstützungen und Kredite von reichen Geberländern auf dem Spiel stehen.

Not für die Welt?

Der globale Hühnerhandel scheint nicht zu stoppen. Deutsche Suppenhühner zum Abendessen gehören beispielsweise in Togo längst zum Alltag. Und da weltweit und gerade auch in Deutschland immer größere Mast- und Schlachtanlagen entstehen, ist ein noch größeres Überangebot an Geflügelfleisch zu erwarten.

Entwicklungsorganisationen finden die Praxis der Hühnerexporte aus den Industriestaaten skandalös. Jahrelange Aufbauarbeit von kleinbäuerlicher Geflügelhaltung zur Armutsbekämpfung durch internationale Geber sei so vernichtet worden. Auch würde durch solche Lebensmittelexporte die Basis für die Grundversorgung in den ärmeren Ländern zerstört. Geflügelfleischexporte seien dafür aber nur ein Beispiel.

So meint Erasmus Müller von Attac: "Wenn wir von der EU unsere Lebensmittel, zum Beispiel in die AKP-Staaten nach Afrika exportieren zu Preisen, die dann niedriger sind, als dort die Anbauerinnen das machen können, dann haben die nichts mehr, was sie verkaufen können, nichts mehr, was sie essen können. Ganz klar - und dadurch entsteht Welthunger."

aus der Sendung vom

Do, 12.4.2012 | 22:00 Uhr

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