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Medical Wellness

Aus der Klinik entlassen - und dann?

aus der Sendung vom Donnerstag, 3.11.2011 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

„Medical Wellness“, in den Ohren vieler Menschen klingt dieser Begriff gut – nach Wohlfühlen, Entspannung und vor allem gesund. Dabei ist die Leistung, die sich hinter der plakativen Werbevokabel verbirgt, nicht wirklich neu. Sie hieß bis vor kurzem schlicht „Kur“ – doch dieser Begriff erinnert zu sehr an Stützstrümpfe und Blasmusik, als dass sich daraus heute noch ein gutes Geschäft machen ließe. Die Vokabel „Medical Wellness“ dagegen, trifft ein Bedürfnis ganz exakt, das inzwischen offenbar immer mehr Menschen haben - jeder Vierte gibt an im Urlaub etwas für seine Gesundheit tun zu wollen – Tendenz steigend. Odysso hat sich für sie einmal auf dem Markt der Medical-Wellness-Angebote umgeschaut.

Undurchsichtige Definition

Doch was genau verbirgt sich hinter den Angeboten, die auf dieses Bedürfnis antworten wollen? Die Branche selbst beschreibt das recht nebulös: „Medical Wellness beinhaltet gesundheitswissenschaftlich begleitete Maßnahmen zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensqualität und des subjektiven Gesundheitsempfindens durch eigenverantwortliche Prävention und Gesundheitsförderung sowie der Motivation zu einem gesundheitsbewussten Lebensstil”. Eine kompliziert formulierte Definition der Branchenverbände, die vermuten lässt, dass hier für gutes Geld viel heiße Luft verkauft wird.

Dem Gast das Geld aus der Tasche ziehen?

„Medical Wellness“ – das klingt nach Gesundheit und ein wenig mehr als herkömmlicher Wellness. Dabei ist auf den ersten Blick kein Unterschied erkennbar: Sport, Bäder, Massagen – Das Angebot soll medizinisch-wirksam und seriös sein. Aber ist es das auch? Olaf Seiche und Karin Rogge vom TÜV-Rheinland testen die Anbieter und haben für Medical Wellness-Hotels ein spezielles TÜV-Siegel entwickelt. Das Problem ist nur: Bisher würden die wenigsten Hotels den Test überhaupt bestehen: „Die Qualität bei ‚Medical Wellness‘ ist von Haus zu Haus eklatant unterschiedlich“, lautet Seiches Diagnose; „Es gibt viele Häuser die wirklich das Wort ‚Medical Wellness‘ dazu nutzen, um dem Gast – salopp gesagt – Geld aus der Tasche zu ziehen.“

Zum „Medical“ fehlt oft der Arzt

Der Präventionsmediziner Professor Michael Stimpel lehrt, forscht und praktiziert ebenso als Schulmediziner wie als Experte für anerkannte alternativmedizinische Methoden. Auch er ist kritisch: „Es handelt sich oft nicht so sehr um medizinische Angebote und schon gar nicht um medizinische Verfahren, die wissenschaftlich evaluiert sind. Seriös wäre es nur dann, wenn eben bei Medical auch eine ärztliche oder medizinische Betreuung dabei wäre.“ Doch der Arzt fehle oft, kritisiert Michael Stimpel. Dabei wirbt die Branche damit, Krankheiten vorzubeugen oder zu heilen – oft alternativmedizinisch. Stimpel ist Arzt für innere Medizin und Kardiologie an der Uniklinik Köln und leitet die Deutsche Klinik für Naturheilkunde und Präventionsmedizin im Saarland. Als wissenschaftlicher Gutachter beurteilt er oft alternative Heilmethoden. Doch vieles, was er bei einem virtuellen Streifzug durch das Medical-Wellness-Angebot sieht, hat damit nichts zu tun. Da sind sich Mediziner und TÜV-Testern einig.

Schokomassagen, Rotwein- und Sauerstofftherapie

Anbieter werben mit zweifelhaften Entgiftungskuren – Schokomassagen sollen die Haut verjüngen – und der Gast floatet in einem Wassertank der „Erleuchtung“ entgegen. Es wird mit Rotwein, Farblicht oder Sauerstoff behandelt. Doch viele vermeintliche Therapien sind gar keine, moniert Mediziner Stimpel: “Das hat mit wissenschaftlich gesicherter Medizin nichts zu tun. Thymustherapie, Frischzellentherapie, dazu zählt Sauerstofftherapie, Bioresonanz, dazu zählen Entgiftungs- oder Entschlackungskuren, also typische Angebote, die sicherlich jeder wissenschaftlich nachweisbaren Wirksamkeit entbehren.“

Dabei macht vieles auf den ersten Blick einen guten Eindruck, findet Olaf Seiche vom TÜV-Rheinland: „Also das sieht sehr gut und sehr edel aus, sehr luxuriös wie ein schönes Wellnesshotel. Schaut man sich dann allerdings die Medical-Wellness-Programme an, dann geht es beispielsweise gar nicht, dass da ein Drei-Tages-Burnout-Programm angeboten wird, wo auch noch drinsteht „Burnout wenn nichts mehr geht“, in drei Tagen, ohne ärztliche Betreuung.“

Seriöse Anbieter stärken

Mit ihrer Arbeit wollen die TÜV-Tester deshalb seriöse Anbieter stärken, die zum Beispiel berücksichtigen, dass sich ein Burnout nicht mit zwei, drei Massagen heilen lässt. Wie das Ringhotel Sommerfeld bei Berlin. Hier gibt es nicht nur hübsche Bade-und Saunalandschaften, das Team hat sich auf Burnout spezialisiert. Zwei Ärzte mit psychotherapeutischer Ausbildung – so erfahren die Tester – haben deshalb ihre Praxis im Hotel. Burnout-Aufenthalte werden von ihnen begleitet und individuell zugeschnitten. In ernsten Fällen als Einstieg in längerfristige medizinische und therapeutische Betreuung.

Denn sie wissen, dass laienhafte „Wellness - Behandlungen“ – gerade bei Burnout – Gefahren bergen. Die Ärztin Margareta Kampmann-Schwantes warnt als Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie den Burnout auf die leichte Schulter zu nehmen und sich damit in unkundige Hände zu begeben: „Wenn jemand sich nicht in eine ärztliche Behandlung begibt, wenn er wirklich schon ein richtiges, voll ausgebildetes Burnout hat, kann das ja, wenn man jetzt den Teufel an die Wand malt, bis hin zum Suizid eine Lebensgefährdung bedeuten.“

Engmaschige Abstimmung über die richtige Behandlung

Über die richtige Behandlung stimmt sich die Ärztin deshalb mit Wellness-Chefin Silvia Schröder engmaschig ab. Den TÜV-Testern kommt es unter anderem darauf an, dass ärztliche Untersuchungen und Gespräche ebenso zum Programm gehören wie Entspannungs- oder Bewegungsangebote. Dazu kommen Massagen und typische Kur-Anwendungen. Das Programm ist medizinisch fundiert und unterscheidet sich damit bisher vom Gros der Medical-Wellness-Programme.

Deshalb finden die Prüfer hier auch nur kleine Schönheitsfehler. – Das Calciumbad beispielsweise soll die Gesundheit der Knochen und den Zellstoffwechsel verbessern. Der Medizinische Experte Professor Michael Stimpel hält das für unrealistisch: „Calciumbad, sich einmal in eine Calciumsole hineinzulegen, das ist Unsinn und ändert überhaupt nichts am Knochenstoffwechsel oder an der Osteoporose“. Trotzdem bleibt das – auch für die TÜV-Prüfer – nur ein winziger Kritikpunkt in ihrem sonst rundweg positiven Fazit zu diesem Hotel.

Stutenmilch- und Bierbäder

Andere Anbieter werben dagegen mit viel abenteuerlicheren Versprechen: Stutenmilchbäder sollen entgiften, Bierbäder das Immunsystem stärken. Das bringt Michael Stimpel zum Schmunzeln: „Ob Stutenmilch-Baden oder Bierbäder, Wirksamkeit ist sicherlich keine wirkliche zu erwarten. Sie schädigen nichts, sie tun sich nichts Böses.“ Aber erleichtert wird bei solchen Bädern eben vor allem der Geldbeutel. Da bringen Kneippanwendungen und Sportkurse unter qualifizierter Anleitung mehr. Das Angebot hier schneidet bei den TÜV-Prüfern deshalb gut ab.

Denn die medizinische Betreuung mindert auch an dieser Stelle Risiken, weiß der Mediziner: „Da ist meiner Ansicht nach bei Medical Wellness immer die Voraussetzung, dass vorher eine ärztliche Untersuchung stattgefunden hat. Das Problem fängt an, wenn Leute denken nach vielen Jahren Nichtstun müssten sie etwas für ihre Gesundheit tun. Dann kann so ein Kaltreiz oder Bewegung bei jemandem der nicht weiß, dass er vielleicht am Herzen vorgeschädigt ist, auch Schaden auslösen.“

Noch keine umfassenden Prüfungen

Bisher ist das Hotel bei Berlin allerdings nur einer von bisher drei deutschen und 23 internationalen Anbietern, die sich bei Olaf Seiche und Karin Rogge vom TÜV-Rheinland zur Prüfung angemeldet haben. Wer echte Beschwerden hat, ist damit deshalb – zumindest bisher – im Medical-Wellness-Urlaub eher selten gut aufgehoben. Und auch präventiv sind oft regelmäßigere Maßnahmen Zuhause sinnvoller.

Richtig liegen bisher eher Gäste, die solche Hotel-Aufenthalte als Wohlfühl-Angebote nutzen. Für Mediziner Michael Stimpel ist das eindeutig: „Vieles von dem, was man in diesen Hotels an seriösen Angeboten macht, kann man im Grunde auch Zuhause alleine machen. Das heißt vor allem mehr und gezielte Bewegung und die Ernährung umstellen. Wobei das in der Regel viel weniger kostet.“

Scarlet Löhrke

Letzte Änderung am: 03.11.2011, 11.05 Uhr

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