Das Geschäft mit der Grippe-Impfung
aus der Sendung vom Donnerstag, 27.10.2011 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Reanimations-Szenen, medizinische Dialoge – gespickt mit Fachbegriffen, komplizierte Behandlungsmethoden und Krankenhaustechnik aller Art gehören bei Krankenhausserien wie selbstverständlich zur Kulisse für menschelnde Geschichten um Ärzte und Patienten. Den Startschuss gab in den 90er Jahren die US-Serie "Emergency Room" – sie setzte neue Standards und zeigte den hektischen Alltag in der Notaufnahme so detailliert und lebensnah wie ihn die Fernsehzuschauer zuvor noch nie gesehen hatten. Doch dieser – vermeintliche – Realismus bot und bietet neuen Raum für Fehler. Inzwischen gibt es dafür medizinische Set-Berater. Auch bei der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ geht ohne sie heute gar nichts mehr. Odysso durfte ihnen bei ihrer Arbeit in der „Sachsenklinik“ zwei Tage lang zuschauen.
Um medizinische Faktentreue und Sachverstand war es in der Geburtsstunde der Krankenhausserien nicht immer zum Besten bestellt – OP-Masken waren falsch angelegt, Operateure verhielten sich nicht steril, jede Menge medizinische Stümperei flimmerte über den Schirm. Um das zu vermeiden, haben Fernsehärzte heute medizinische Berater, die sie coachen und vom Drehbuch bis zum Filmset für realistische Szenarien sorgen. Besonders viel Mühe gibt sich dabei die ARD-Serie „In aller Freundschaft“. Hier arbeitet ein ganzer Stab von Ärzten und Krankenschwestern daran, den Fernsehärzten Glaubwürdigkeit einzuhauchen. Offensichtlich mit Erfolg: Seit dem Drehstart der ersten Folge vor über dreizehn Jahren wurden über 540 Folgen von 18 Regisseuren inszeniert. Inzwischen steuert die Crew auf ihren 3000sten gemeinsamen Drehtag zu.
Freitag 08:00 – Dienstbeginn für Lydia Schubert bei der Arztserie „In aller Freundschaft“: Gleich zwei OPs muss die ehemalige Anästhesieschwester heute vorbereiten – und in wenigen Minuten wird gedreht. Blendet man die vielen zusätzlichen Lampen, zwei Kameramänner und die Maskenbildnerinnen für einen Moment aus, wirkt es fast so, als ob hier eine gleich eine echte OP stattfindet. Damit jedes Detail stimmt, wird Lydia Schbert von Arzt Udo Trandorf und OP-Schwester Sarah Zeising unterstützt. Die drei sind hier die einzigen mit medizinischer Ausbildung. Sie sorgen dafür, dass die Fernsehärzte kompetent aussehen, dass Geräte, OP-Tisch und Wunden realistisch wirken, obwohl sie nur aus Silikon und Filmblut bestehen. Deshalb arbeiten auch die Maskenbildnerinnen immer unter Schuberts strengen Blicken: „Die Maskenmädels bauen die wunden sehr aufwändig, also man könnte theoretisch sehr nah ran gehen, das machen wir aber nicht“, erklärt sie. „Aber man kann eben in der totalen von der Seite eine schöne Wunde sehen und man hat einen Eindruck von der Größe des Ganzen.“
In 13 Jahren hat das Team der Sachsenklinik schon über 300 Liter Filmblut vergossen. Schauspieler Thomas Koch ist das manchmal fast zu realistisch und auch Kollegin Andrea-Katrin Loewig ist die Wunde am Arm nicht ganz geheuer. Nur Udo Trandorf nimmt’s gelassen, schließlich ist er der einzige echte Mediziner der heute mitoperiert. Der Allgemeinmediziner arbeitet sonst in einer Chirurgischen Praxis und springt immer dann ein, wenn ein Komparse mit der Arztrolle überfordert wäre: „Bei der Arm-OP müssen natürlich die Handgriffe für den Operateur der kein Profi ist natürlich noch mal alle erklärt werden und der Schnelligkeit halber ist es besser das macht jemand, der die Handgriffe schon kennt als jemand dem man das erst noch beibringen muss.“
Nicht nur Komparsen, auch die Fernsehärzte bekommen von Lydia Schubert und Udo Trandorf vor jedem Operations-Dreh einen Schnellkurs in OP-Technik: „Du kuckst auf den Knochen drauf und sagst; Alles in Ordnung, steht! “, rät Udo Trandorf beispielsweise dem Schauspieler Thomas Koch. Dann üben sie gemeinsam die Handgriffe – auch damit sie niemanden verletzen – schließlich operieren sie direkt am echten Arm einer Schauspielerkollegin. Die Wunde ist ein Spezialeffekt, der so wirkt, als könnten die Operateure eine Platte in den gebrochenen Unterarm versenken. Obwohl es nicht so aussieht, operieren die Fernsehärzte dabei nur an der Hautoberfläche, deshalb muss Lydia Schubert nebenbei immer ein Auge darauf haben, dass die Operation am Ende nicht zu realistisch wird: „Wir gehen dann doch mit relativ scharfen Instrumenten ran, also natürlich ist das Skalpell stumpf, aber trotzdem kann es kratzen und trotzdem kann man verletzen und auch der Spezialeffekt ist sehr-sehr fragil. Also man muss da schon sehr sehr vorsichtig sein als Schauspieler.“
Und das müssen Lydia Schuberts Schützlinge jetzt alleine schaffen. Ist die Klappe gefallen, verfolgt sie jeden Handgriff am Monitor. Hier wirkt der Operationssaal noch realistischer, obwohl er nur eine Studiokulisse ist – bestückt mit echten Geräten.
Allerdings drücken die Schauspieler nicht immer den richtigen Knopf. Dann muss sie eingreifen. Zum Beispiel am Narkosegerät. Andrea-Katrin Loewig, Darstellerin der Narkoseärztin Dr. Globisch, hat hier ständig mit neuen Maschinen zu tun, denn in der Filmklinik ist technisch immer alles auf dem neuesten Stand. Sie ist fast seit Beginn der Serie dabei und hat in dieser Zeit bereits mehrere Generationen an OP-Geräten kommen und gehen sehen. Das verlangt ihr einiges ab: „Wir müssen uns ja immer auf zwei Dinge konzentrieren, auf die Geräte, die man bedient, und das alles muss so nebenbei laufen und dann noch der Text und die Geschichte die man spielen will“, erzählt die Schauspielerin. „Und das gute ist, dass immer sofort einer kommt und sagt, das ist falsch. Bei jeder OP ist es anders, mal ist es eine Naht, mal ist es ein Schnitt, mal Kleben, mal Absaugen und das ist das komplizierte daran.“
Um die 1000 verschiedener Krankheitsbilder haben die Ärzte der Sachsenklinik seit dem Serienstart behandelt. Schon bei der Entwicklung der Drehbücher arbeiten jedes Mal Mediziner eng mit den Autoren und Redakteuren der Serie zusammen. - Lydia Schubert prüft dann, ob die Geschichten stimmig sind: „Also es fängt nicht im OP an, sondern es fängt mit dem Drehbuch an. Ab einer bestimmten Drehbuchfassung steige ich mit ein und kucke auch auf die Verfilmbarkeit. Wir sind ja immer sehr darauf bedacht interessante Geschichten in den Drehbüchern zu entwickeln, auch medizinische Fälle, die jetzt nicht so gleich auf der Hand liegen.“
So ist auch die heutige Krankengeschichte nur vordergründig ein Routinefall: Die verwirrte Patientin mit gebrochenem Arm hat angeblich Alzheimer. - Eine Fehldiagnose. Das stellt sich heraus, als sie nach der Operation des Arms nicht aus der Narkose aufwacht. Die nächste Herausforderung für Lydia Schubert: Für solche Szenen sucht sie die passenden Bilder und darf sich dabei keinen noch so kleinen Fehler erlauben. – Wie die Serienvergangenheit zeigt. Denn die Zuschauer schreiben, wenn sie – trotz aller Faktentreue – doch mal einen Fehler entdeckt haben. Zum Beispiel in diesem Fall, an den sie sich noch sehr gut erinnert: „Die Oberschwester war länger krank, über mehrere Folgen, man wusste nicht was hat sie. Das war ein großer Fall, es wurde viel gerätselt. Und dann gab es irgendwann MRT-Aufnahmen, und eines Tages bekamen wir einen sehr witzigen Brief von einem Professor im Ruhestand, er wüsste jetzt was los ist, die Oberschwester ist in Wirklichkeit ein Mann. Und obwohl es nur im Hintergrund zu sehen war, hat er gesehen dass es das MRT eines Mannes war.“
Solche Fehler kann sie diesmal vermeiden. Im Kopf der Patientin entdecken die Fernsehärzte den wahren Grund für das Koma: einen Tumor. – Doch schon droht die nächste Fehlleistung, der Regisseur will die komatöse Patientin aufstehen lassen: „Auf ’Bitte’ wird sie herausgefahren, und dann hilfst Du ihr auf.“, lautet seine Regieanweisung an Maren Gilzer, die Schwester Yvonne spielt. Da muss Lydia Schubert eingreifen: „Nee, sie ist ja im Koma!“ Ein kleines, aber wesentliches Detail, das dann auch Regisseur Peter Wekwerth selbst sehr amüsiert, als er das Problem lachend löst. Die Patientin bleibt liegen und wird zurück auf die Intensivstation geschoben, wo ihre Filmtochter von der Diagnose erfährt.
Bernhard Bettermann, alias Dr. Stein soll die komatöse Frau retten, Lydia Schubert erklärt ihm die Notlage, es kommt zur finalen Operation. Die Expertinnen bereiten den OP für Schauspieler Bettermann vor, der den Tumor entfernen soll. – Allerdings erst, nachdem er einige verbale Probleme gelöst hat. Gemeinsam mit Udo Trandorf übt er die passenden Vokabeln zu anstehenden OP: „Liquor“ und „Ventrikulostomie“ – solche Worte sind auch für Profis wie ihn, die schon lange zum Schauspielstab gehören, nicht immer leicht auszusprechen: „Fachausdrücke müssen gelernt werden, gepauckt werden also das ist mir nicht in den Schnabel gegeben, das muss ich tatsächlich mir antrainieren.“
Dann wird es ernst – und es scheint mal wieder, als seien die Fernsehärzte fast ein wenig perfekter als ihre Kollegen in der realen Welt. „Der Tumor blockiert den Liquorabfluss“, referieren Thomas Koch und Bernhard Bettermann – alias Dr. Brentano und Dr. Stein - vor der Kamera. „Wir müssen eine Ventrikulostomie machen, um den Liquor abzuleiten“. Und Lydia Schubert findet, dass ihre Fernsehärzte sich dabei sehr gut machen: „Man kann ja davon ausgehen, dass bei uns nicht nur die Krankheit geheilt wird, sondern auch das ganze privat- und Liebesleben quasi mit auf den rechten Weg gebracht wird. Und das verkörpern wir in unserer Sachsenklinik.“
Ob sie heute zudem auch noch die Patientin retten, erfahren sie bei „In aller Freundschaft“ in Folge 538 am achten November 2011. Was die Authentizität betrifft ist Regisseur Peter Wekwerth mit der Leistung seines Sachsenklinikteams heute jedenfalls mal wieder zufrieden und so lauten seine letzten Worte am heutigen Drehtag: „Aus, Danke! – Gut, das war perfekt!“
Scarlet Löhrke
Letzte Änderung am: 16.09.2011, 23.34 Uhr