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Reportage mit Lena Ganschow Auf den Spuren der Römer

Das Geschäft mit der Grippe-Impfung

aus der Sendung vom Donnerstag, 27.10.2011 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Den Römern haben wir viel zu verdanken. Die Kanalisation zum Beispiel oder die Heizung. Auch Pflanzen hatten sie im Gepäck, wie Kastanie, Walnuss und Weinrebe. Soweit so bekannt, doch die Römer waren zudem die Erfinder der Binnenschifffahrt! Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, wie fortschrittlich ihre Schiffsbaukunst schon damals war und warum die Römer den Germanen zu Wasser haushoch überlegen waren. Unsere Reporterin Lena Ganschow hat die Forscher bei ihrer Arbeit begleitet und durfte auf einem originalgetreu nachgebauten Flusskriegsschiff auf dem Rhein mitrudern.

An der einen oder anderen Stelle findet man sie noch: Antike Verkehrsschilder der Römer, so genannte Leugensteine. Sie stehen an ehemaligen Römerstraßen wie etwa in der Nähe des pfälzischen Hagenbach. In sie ist unter anderem gemeißelt, wie viele Leugen es noch bis zur nächsten größeren Stadt sind. Eine Leuge sind etwa 2,2 Kilometer, und so steht an dem Leugenstein in Hagenbach, dass es noch 16 Leugen bis Speyer sind. Solche Hinweise waren wichtig für Kuriere, das Militär und Kaufleute, die sich auf Römerstraßen von einem Ort zum nächsten bewegten. Die wichtigsten Lebensadern der römischen Infrastruktur waren jedoch nicht die Straßen, sondern die Flüsse – wie Donau und Rhein.

„Navis Lusoria“ auf dem Rhein

Den Rhein haben die Römer auch heute noch fest im Griff, könnte man zumindest glauben, denn gegenüber vom Rheinhafen Wörth zieht seit einiger Zeit ein seltsam anmutendes Schiff seine Bahnen. 18 Meter lang, 2,80 Meter breit, wahlweise mit Rahsegel zu bewegen oder durch Rudern. Bei diesem Schiff handelt es sich um den Nachbau eines römischen Flusskriegsschiffs vom Typ „Navis Lusoria“ wie es etwa im 4. Jahrhundert n. Chr. ausgesehen haben muss. Warum es auf dem Rhein unterwegs ist, möchte Lena genauer wissen.

Funde ermöglichten Nachbau

Sie darf an Bord kommen und trifft den Mann, der den Schiffsbau wissenschaftlich begleitet hat: Christoph Schäfer, Professor für alte Geschichte an der Uni Trier. Zunächst erzählt er Lena, warum die Römer solche Flusskriegsschiffe auf dem Rhein brauchten: „Im 3. Jahrhundert n. Chr. wurde der Druck der Barbaren jenseits der römischen Grenzen stärker und die Flüsse wurden zu Stromgrenzen.“ Um auf diesen Autobahnen der Antike den Warenverkehr zu sichern und um militärische Sicherung des Reiches gegenüber dem freien Germanien zu treiben, sei dieser neue Schiffstyp entwickelt worden. Er wurde hauptsächlich für Patrouillenfahrten eingesetzt. „Und woher wussten Sie, wie diese Flusskriegsschiffe ausgesehen haben?“, möchte Lena wissen. „Es gibt einen archäologischen Befund in Mainz, wo vier dieser Schiffe gefunden wurden, zwar nicht vollständig, aber aus den vier Schiffen konnte man dieses Schiff rekonstruieren.“

Das Experiment

Der Nachbau des Römerschiffs ist zugleich ein archäologisches Experiment, und so wird Lena sofort als Teilnehmerin für eine Testfahrt rekrutiert. Dabei wollen die Wissenschaftler herausfinden, wie wendig solche Schiffe waren und vor allem, wie schnell. 24 Ruderer, meist Studenten der Uni Trier und Lena, legen sich in die Riemen. Hightech-Geräte messen Wind, Kurs und Geschwindigkeit. Nur mit Muskelkraft erreicht die Mannschaft so fast fünf Knoten, etwa 10 Kilometer pro Stunde.

Der Umgang mit dem Schiff war leicht

„Navis Lusoria“ heißt übersetzt „tänzerisches Schiff“ und tatsächlich stellen die Wissenschaftler schnell fest, dass das schmale Schiff enorm wendig ist: Nur 40 Sekunden brauchen Lena und die anderen für eine 180-Grad-Drehung. Damit war dieser Schiffstyp wohl selbst in den seichten Flüssen der Antike mit sich ständig wechselnden Verläufen gut zu lenken. Auch der Test der Segeleigenschaften verläuft positiv: Das Rah-Segel ist leicht zu beherrschen. Das war ein großer Vorteil, denn so konnten auch gewöhnliche Legionäre den Umgang mit diesen Schiffen schnell lernen.

Flüsse als Reichsgrenzen

Lena ist beeindruckt, merkt gegenüber Christoph Schäfer aber an, dass zur Sicherung der Flussgrenze Hunderte solcher Schiffe nötig waren. Ob es nicht weniger personalaufwändig gegangen wäre. „Die Flüsse waren damals nicht begradigt, sondern schlängelten sich so durch die Landschaft“, antwortet der Historiker, „es gab weite Auenlandschaften und die konnte man eigentlich nur vom Wasser aus effektiv kontrollieren.“ Vor rund 2000 Jahren zog sich der Rhein in großen Schleifen durch dichten Urwald. Dort einen Verteidigungswall, wie etwa den Limes, zu bauen, war unmöglich. Der Fluss selbst bildete die Grenze.

Doch da der Fluss allein die Feinde nicht abhielt, mussten die Römer ihre Flussgrenzen zusätzlich vom Wasser aus verteidigen. An Mündungen der rechtsrheinischen Nebenflüsse bauten die daher spezielle Kleinkastelle mit Wehrtürmen und eigenen Hafenbecken, wo die Flusskriegsschiffe ankern konnten.

Römer waren den Germanen überlegen

„Die Römer hatten ja schon damals ein enorm hohes Niveau im Schiffsbau erreicht. Wie kommt es denn, dass die Germanen, die ja zur selben Zeit gelebt haben, dem nichts entgegenzusetzen hatten außer simplen Flößen aus Baumstämmen?“, fragt Lena Prof. Schäfer. „Solch komplexe Konstruktionen wie römische Schiffe erforderten nicht nur einen hohen Aufwand bei der Herstellung, sondern auch intensive Pflege. Man musste Ersatzteile vorhalten und vieles andere planen.“ Die germanische Gesellschaft, in Stämmen gegliedert, sei viel zu instabil gewesen um solche langfristigen sozialen Strukturen hervorzubringen. „Und aus diesem Grund, nicht aus technischer Unkenntnis, waren die Germanen den Römern auf Rhein und Donau mit ihren Flößen haushoch unterlegen.“

Lena Ganschow | Harald Brenner

Letzte Änderung am: 16.09.2011, 23.34 Uhr

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