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SENDETERMIN Do, 29.9.2011 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Ursachen der Gluten-Unverträglichkeit

Raus aus der Jo-Jo-Falle

Immer mehr Leute klagen über Beschwerden nach dem Genuss von Brot, Nudeln, Pizza und anderen getreidehaltigen Lebensmitteln. Diese zunehmende Erkrankung – schätzungsweise sind fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung betroffen, nennen die Ärzte Glutensensitivität oder -empfindlichkeit. Die Symptome gleichen einem Reizdarm oder einer klassischen Zöliakie, doch beides kann ausgeschlossen werden. Forscher sind nun den Ursachen auf der Spur und haben entdeckt, dass es nicht Gluten, sondern ein ganz anderer Stoff im Getreide ist, der Beschwerden macht.

Produkt-Boom im Supermarkt

Glutenfreie Produkte in einem gut gefüllten Supermarktregal

Gutes Geschäft für die Lebensmittelindustrie: Glutenfreie Produkte im Verkaufsregal.

Plötzlich sind sie aufgetaucht in Supermärkten und Drogerien. So genannte „glutenfreie Lebensmittel“, die es vor fünf Jahren noch nicht gab. Lebensmittel, die kein Getreide enthalten. Die Nachfrage nach Produkten mit der durchgestrichenen Ähre steigt. Das Sortiment wird immer größer. Sogar Brot ohne Gluten ist im Angebot! Aber was ist Gluten? Es ist ein Kleber-Eiweiß, das in Weizen, Dinkel, Roggen und Hafer vorkommt. Sicher ist bislang, dass Gluten bei ca. ein Prozent der Bevölkerung die Darmkrankheit Zöliakie auslöst. Lebensmittel aus Getreide sind für Zöliakie-Patienten daher tabu. Doch weshalb bereitet der Stoff dann auch Menschen Probleme, die nicht an Zöliakie leiden?

Immer mehr reagieren auf Getreide

Das Team um den Gastroenterologen Prof. Wolfgang Holtmeier am Krankenhaus Porz am Rhein ist fast täglich mit einem Phänomen konfrontiert: Es kommen immer mehr Menschen, weil sie auf Getreide mit heftigen Beschwerden reagieren. An einer schlafenden Patientin entnehmen sie eine Probe, um eine Zöliakie nachzuweisen oder auszuschließen. Überraschenderweise sind die Darmzotten oft völlig intakt: also keine Zöliakie. Prof. Holtmeier erklärt das Ergebnis: „Es scheint so zu sein, dass es eine Unverträglichkeit gegen Gluten gibt, die aber nichts mit der Zöliakie zu tun hat. Und glücklicherweise führt die auch nicht zu den Schleimhautschäden, wie wir sie bei der Zöliakie sehen.“

Diagnose Reizdarm ist schnell getroffen

Gastroenterologen Prof. Wolfgang Holtmeier sitzt mit einem Patienten an einem Tisch, auf dem verschiedene Bilder liegen.

Kein Reizdarm: Viele Patienten von Gastroenterologen Prof. Wolfgang Holtmeier leiden an Inhaltsstoffen von Getreide.

Dem Arzt ist das ein großes Rätsel: „Ich denke, das gab es schon immer. Aber das Bewusstsein dafür ist gestiegen, dass vielleicht Inhaltsstoffe von Getreide u.a. das Gluten von manchen Menschen nicht gut vertragen wird. Und viele dieser Patienten liefen jahrelang unter dem Begriff Reizdarm und haben gar keinen Reizdarm und eine einfache Diät könnte sie von ihren Beschwerden befreien.“ Glutenunverträglichkeit lautet häufig bei Patienten die Diagnose, die nach Brot und Pizza Beschwerden haben. Diese Patienten zeigen aber eine glatte Darmschleimhaut und intakte Darmzotten – das wäre bei einer Zöliakie nicht der Fall.

Daher hat Prof. Holtmeier die Vermutung, dass nicht das Gluten die Ursache ist. Er glaubt, dass es „andere Inhaltsstoffe des Weizens“ die Übeltäter sind, „aber derzeit wird hierüber geforscht und ich bin gespannt, was die Zukunft uns da sagen wird.“ Doch wenn nicht Gluten was ist es dann, was etwa fünf bis sieben der Bevölkerung Beschwerden macht?

Mainzer Forscher entdecken den Auslöser

Vielleicht lösen ja andere Inhaltsstoffe, die Probleme aus. Dieser Verdacht beschlich Zöliakie-Experten an der Uniklinik Mainz. Die Forscher haben alte Sorten wie Kamut, exotische wie Quinoa und neue Hochleistungs-Weizensorten untersucht. Zunächst hatten sie nur das Gluten im Fokus. Über ein Jahr untersuchten die Forscher das komplexe Eiweiß und seine Auswirkungen auf den Menschen.

Doch dann – plötzlich die Wende. Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan machte eine Entdeckung: „Dann kam die große Überraschung. Dass das Gluten selber nicht für diese Aktivität verantwortlich ist, sondern ein Beistoff und dieser Beistoff, war eine ganz neue Substanzklasse, ein ganz neues Protein. Und erstaunlicherweise hat dieses Protein gar nichts zu tun mit dem, was das Gluten macht, sondern hat ganz spezielle Funktionen. Und wir waren erstaunt, dass es sich dabei um Proteine handelt, die die Abwehrkräfte dieser Getreidesorten des Weizens erhöhen.“

Hauptübeltäter ist ein Insekten-Abwehrstoff

Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan (Mitte) steht mit einem Mitarbeiter vor einer Laborapparatur mit Gläsern, in denen ein weißer floureszierender Stoff enthalten ist.

Adenosin-Triphosphat-Amylase: der gezielt eingezüchteter Schädling-Abwehrstoff wird von vielen Menschen nicht vertragen.

Das Protein Adenosin-Triphosphat-Amylase, abgekürzt ATI. Er wurde in die modernen Hochleistungssorten gezielt hinein gezüchtet, um das Getreide resistenter gegen Schädlinge zu machen. Für Prof. Schuppan ist das des Rätsels Lösung: „Diese Stoffe erklären letztendlich auch, warum es heutzutage mehr dieser so genannten Glutenunverträglichkeiten gibt. Weil es mehr dieser Substanzen gibt in den neuen Sorten durch Kreuzung, durch Züchtung.“ Es liegt also am Insektenabwehrstoff ATI. Der ist zwar nicht giftig, aber er sorgt für Eigenschaften, an denen es alten Getreidesorten mangelt: Resistenzen gegen Schädlinge und ein hoher Ertrag. Und genau darauf sind Hochleistungssorten für das globale Getreidegeschäft getrimmt.

„Wir wissen, dass wir mit den neuen Sorten einen hohen Ertrag haben, aber eben auch Nachteile erkaufen und es ist durchaus denkbar, dass wir doch wieder zu den alten Sorten zurückkommen, die geringere Erträge haben, dafür aber einen höheren Nährwert und weniger von den Substanzen wie den ATIs.“ Solange sich Hochleistungssorten nicht am Nutzen für die Gesundheit orientieren, bleibt den Betroffenen nur der Verzehr glutenfreier Produkte – sie sind sicher, da sie eben kein Getreide enthalten

aus der Sendung vom

Do, 29.9.2011 | 22:00 Uhr

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