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Fernsehen im SWR

Tanzen gegen den Krebs?

Hygiene im Krankenhaus

aus der Sendung vom Donnerstag, 24.11.2011 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Acht Jahre lang ist Gabriele Röhn Krebsforscherin. Sie untersucht in ihrem Labor die Tumore von Patienten der Uniklinik Köln. Bis sich plötzlich ihre Welt verdreht: Gabriele Röhn erkrankt selbst an Krebs. Ihre rechte Brust muss amputiert werden, sie bekommt eine Chemotherapie. Man empfiehlt ihr eine psychologische Heilbehandlung: Gesprächstherapie, Bewegungstherapie, Maltherapie – das ist nicht die Welt der Naturwissenschaftlerin Gabriele Röhn. Dann fährt sie doch in eine Klinik an der Nordsee – und der Aufenthalt verläuft ganz anders, als sie gedacht hat.

Plötzlich auf der anderen Seite

Für Dr. Gabriele Röhn waren es immer die anderen, die mit dem Krebs umgehen mussten. Und plötzlich ist sie selbst betroffen: „Ich habe sozusagen von einer Sekunde auf die andere die Seite gewechselt. Das musste ich erst mal begreifen.“ Der Kernspin-Befund kam damals Anfang Februar. Und er ist niederschmetternd: Nicht nur ein großer, sondern noch mehrere kleine Knoten. Das ist brutal. Alle Verdrängung umsonst. Jetzt heißt es, der Realität ins Auge blicken.

Den ganzen Tag über Krebs reden?

Was jetzt folgt, kennt die Ärztin nur zu gut: „„Es kam dann das übliche Programm auf mich zu. Zunächst mal Operation. Aufgrund des Befundes musste die Brust amputiert werden. Und danach dann sofort die Chemotherapie.“ Eine Sozialarbeiterin schlägt ihr vor, im Anschluss an die Chemotherapie eine psychoonkologische Behandlung zu machen. Gabriele Röhn ist zunächst skeptisch. Sie möchte nicht an einem Ort sein, wo „nur kranke Menschen herumlaufen und den ganzen Tag über Krebs reden.“

Wissenschaftlich schwer zu erklären

Gesprächstherapie, Bewegungstherapie, Musiktherapie, Maltherapie. Das ist nicht die Welt der Naturwissenschaftlerin. Sie lehnt zunächst ab. Gabriele Röhn ist davon überzeugt, dass sie das nicht braucht. Studien über die Wirksamkeit der Psychoonkologie geben ihr recht: Es ist nicht bewiesen, dass psychoonkologische Methoden die Überlebenschancen verbessern. Dr. Christiane Muth ist Psychoonkologin und kennt auch die Bedenken ihrer Patienten: „Eine gesunde Psyche und psychische Verfassung ist sicherlich ein Faktor, der zum Gesundwerden beiträgt. Aber was sicher jeder gerne hören möchte: Das verlängert jetzt um so und so viel die Lebenszeit - das kann man so einfach nicht sagen.“

Therapie am Meer

Gabriele Röhn fährt letztendlich trotzdem hin. Weil sie das Meer liebt: Die psychoonkologische Behandlung wird an der Nordsee stattfinden. Und tatsächlich wird viel geredet. Aber nicht nur über den Krebs: Der Psychoonkologe fragt sie nach ihren Hobbys. Gabriele Röhn erzählt ihm von ihrer Leidenschaft fürs Segeln - und fürs Tanzen. Schon als Kind hat sie Ballett getanzt. Später die Standardtänze. Seit kurzem versucht sie den argentinischen Tango.

Tanzen befreit den Kopf

Sie erzählt dem Psychoonkologen von einem besonderen Erlebnis: Es geschah, als sie kurz nach der OP mit ihrem Tanzpartner Tangoschritte übte, kahlköpfig und mit schmerzenden Operationsnarben. Ihre Arme konnte sie noch nicht richtig bewegen, deswegen lehnte sie sich vorsichtig an: „Zum ersten Mal habe ich gespürt, wie er mich führt. Das war für mich der Moment, wo ich merkte: Das ist es! Das ist Tango-Argentino-Tanzen! Loslassen, seinen Kopf frei machen. Nicht an irgendwas selber denken, sondern nur spüren, was passiert da!“

Das neue Ziel: Lebe gut!

Das sei genau das Richtige, sagt der Psychoonkologe. Ohne es zu wissen, habe sie ihr eigenes psychoonkologisches Rezept schon gefunden, meint er. Der Tango werde ihr helfen, ihren Körper zu akzeptieren, ihre Gefühle auszudrücken und Zuversicht zu entwickeln. Gabriele Röhn organisiert daraufhin einen Tanzkurs in der Klinik. Sie bringt anderen Krebspatienten Tangoschritte bei. Und die Resonanz überwältigt sie. Ihre Abreise wird ein trauriger Abschied. Seitdem hat sich ihr Leben verändert. Sie nimmt sich mehr Zeit für sich - um zu tanzen. Christiane Muth findet das keineswegs egoistisch: „Es ist viel wichtiger: Lebe ich gut - egal, wie lange meine Lebenszeit noch ist, statt sich zu verbeißen: Wie lange lebe ich noch?“

Mit der Krankheit verbünden

Gabriele Röhn erforscht weiter die komplizierten Wachstumsprozesse von Tumoren. Ihr eigener Krebs ist seit acht Jahren nicht wieder ausgebrochen. Sie kann aber damit umgehen: „Es kann aber auch sein, dass ich nächste Woche ein Rezidiv oder Metastasen bekomme. Insofern sage ich nicht: ich bin geheilt. Denn der Krebs kann jederzeit wieder auftreten. Sondern ich sage für mich: ich lebe mit meinem Krebs. Ich habe mich arrangiert. Und es ist ein sehr gutes Arrangement.

Georg Wieghaus

Letzte Änderung am: 20.05.2011, 23.32 Uhr