SENDETERMIN Do, 7.4.2011 | 22.00 Uhr

Das Geschäft mit den Wechseljahren

Pfusch an der Frau

Scarlet Löhrke

Die Wechseljahre sind keine Krankheit, sondern eine ganz natürliche Phase im Leben jeder Frau zwischen 45 und 60 – zumindest wenn man sich an die Fakten hält. Die Hormonproduktion lässt nach, der Körper stellt sich darauf ein keine Kinder mehr zu bekommen. Im Prinzip kein Drama – und doch gut geeignet, jede Menge Ängste vor dem Älterwerden zu schüren: vor Osteoporose, trockener, faltiger Haut, Hitzewallungen, Schlafstörungen und Depression. Und mit diesen Ängsten lassen sich gute Geschäfte machen. Wird den Frauen dabei nur Geld aus der Tasche gezogen für Dinge, die sie eigentlich gar nicht brauchen? Odysso hat sich auf dem Markt der Wechseljahrsangebote umgesehen.

Mit Büchern, Kursen und Pillen durch die heißen Zeiten

Frau steht in einer Buchhandlung und liest in einem Buch über Wechseljahre

Einträgliches Geschäft: Kluge Ratgeber über Wechseljahre gibt es zuhauf.

Der Verlust der Fruchtbarkeit ist in westlichen Gesellschaften negativ besetzt, gleichbedeutend mit körperlichen und psychischen Beschwerden. Genau deshalb hat sich ein riesiger Markt entwickelt: Anti-Aging-Angebote, esotherische Kurse, Ratgeberbücher und Heilmittelchen aller Art: Das Geschäft mit den Wechseljahren boomt.

Die Wechseljahre stehen an und Stapel von Gegenmaßnahmen bereit. Die Regale sind voll davon. Ob kluge Ratgeber, Pillen oder Tropfen, sie alle sollen durch die Zeit der „Hormonrevolution“ helfen. Zudem im Angebot: Wechseljahrskurse von Hormonyoga bis Kochen. Gabriele M. leidet – wie die meisten Frauen – zwar nur mäßig unter den „heißen Zeiten“, doch das Stöbern weckt Ängste vor dem was noch kommen könnte. Mit genau dieser Angst vieler Frauen lassen sich Geschäfte machen. Was hilft wirklich und was nützt dem Geldbeutel der Anbieter? Gabriele M. ist 53 Jahre und mit der Auswahl überfordert: „Das Angebot für Frauen in den Wechseljahren ist riesig und unüberschaubar. Meistens ist das alles teuer und hat mir – also was ich ausprobiert habe – wenig gebracht.“

Nur ein Drittel hat Beschwerden

Portrait Beate Schultz-Zehden

Kritisch beleuchtet: Medizinpsychologin Beate Schultz-Zehden hat die Wechseljahrsbeschwerden genauer untersucht.

Brauchen Frauen in dieser Lebensphase tatsächlich stapelweise Hilfsangebote? Wie viele haben überhaupt Wechseljahrsbeschwerden? Medizinpsychologin Beate Schultz-Zehden hat das als erste deutsche Wissenschaftlerin repräsentativ untersucht: „In eigenen Studien konnte ich erstmalig nachweisen, dass es nur ein Drittel sind, die stärkere Beschwerden angeben. Und zwei Drittel der Frauen geben nur mäßige bis überhaupt gar keine Beschwerden an“, wie die Expertin weiß. „Die
Angst ist zum Teil geschürt durch frühere Forschungsarbeiten an Frauen mit sehr starken Wechseljahrsbeschwerden. Wenn ich nur ein leidendes Klientel untersuche, kriege ich auch nur eine Aussage über diese leidende Gruppe. Das hat zu diesem verschobenen Bild geführt.“

Die Wechseljahre als Hormonmangelerkrankung

Trotzdem gelten die Wechseljahre als Hormonmangelerkrankung, die behandelt werden muss. Bis heute treibt dieses Bild Frauen wie Gabriele M. zum Gynäkologen. Lange war dessen Patentlösung ein Rezept für Hormontabletten. Etwa jede zweite Frau um die 50 bekam sie verschrieben. Statt der Frauen profitierten davon aber vor allem die Pharmafirmen. „Die Hersteller bewerben das Bild, dass man mit Hormonen möglichst lange gesund und schön bleibt. Außerdem: Prävention gegen Osteoporose, Alzheimer und Herz-Kreislauferkrankungen . Diese Wirkungen waren nie hinreichend nachgewiesen“, rückt Beate Schultz-Zehden das Bild gerade. „Im Gegenteil: zwei große amerikanische Studien belegen, dass das Brustkrebsrisiko steigt, dass das Risiko steigt, an Thrombosen zu erkranken und auch das Schlaganfallrisiko war erhöht.“ Seitdem verschreiben die Frauenärzte zwar seltener Hormone. Doch sie gelten immer noch als Anti-Aging-Medikament, sogar als Prävention gegen Falten und dünnere Haare mit dem Alter.

Hormone gegen Falten und dünne Haare

Wie viele Frauen bekam auch Gabriele M. Hormontabletten, ohne Beschwerden zu haben: „Die Hormone wurden mir aufgeschrieben, ohne dass ich danach gefragt hatte. Wie ein Vitaminpräparat, das man unbedenklich nehmen könnte“, beschreibt sie die damalige Situation. „Als ich eines Tages zum Gynäkologen ging und dachte ich bekomme ein neues Rezept, wurden die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Nach dem Motto: Das ist ja furchtbar schädlich. Das gibt Brustkrebs und jetzt lassen sie das mal. Jetzt bin ich ein bisschen ratlos.“

Odyssee durch die Wechseljahre

Apothekerin stellt verschiedene pflanzliche Medikamente auf den Tresen

Lukratives Alternativangebot: Da Hormonpräparate in Verruf geraten sind, sollen nun pflanzliche Mittel helfen.

Für sie und viele andere Frauen beginnt die Wechseljahrs-Odyssee damit erst richtig. Zunächst wieder in der Apotheke: Nach den Hormonen bieten die Pharmahersteller hier inzwischen verschiedenste rezeptfreie, pflanzliche Mittel gegen die typischen Wechselbeschwerden an. Die Studienlage zeigt, dass auch hier nicht jedes Mittel hilfreich und sinnvoll ist. Trotzdem gibt es immer mehr davon, seit die Hormone in Verruf geraten sind: „Älterwerden ist ja in unserer Gesellschaft nichts Positives“, erklärt die Medizinpsychologin diesen Trend. „Das schürt natürlich einen Markt, auf dem es immer mehr Angebote gibt. Man möchte Beeinträchtigungen, die mit dem Älterwerden in Zusammenhang stehen, einfach wegtherapieren.“ Das gilt auch für die Wechseljahrsbeschwerden. Doch ob Soja oder Rotklee – kaum etwas hilft wirklich gegen Stimmungsschwankungen oder Schlaflosigkeit. Beate Schultz-Zehden kennt die Studienlage und weiß, dass nur wenige Mittel ihr Geld wert sind: „Bei Soja und Rotklee ist die Studienlage widersprüchlich. Bei der Traubensilberkerze, die gut gegen Hitzewallungen und depressive Verstimmungen wirkt, ist nachgewiesen, dass es im Einzelfall Leberschädigungen geben kann. Ich glaube, dass viele Frauen der Meinung sind, sie nehmen ein pflanzliches Präparat und das hat keine Nebenwirkungen.“

Pflanzliches nicht immer ohne Nebenwirkungen

Studien zeigen, dass auch Präparate mit pflanzlichen Östrogenen z.B. aus Soja das Brustkrebsrisiko erhöhen können. Solche Phytohormontabletten können also auch Schaden anrichten. Ihre positiven Wirkungen sind dagegen nicht sicher nachweisbar. Trotzdem haben viele Mittel einen stolzen Preis: bis zu 36 Euro pro Packung. Gabriele M. ist das auf Dauer zu teuer. Deshalb begleiten wir sie zum Wechseljahrs-Kochkurs.

Kochen für die Wechseljahre

Gesundheitsberaterin Kerstin Jahnke bringt ballaststoffreiche, pflanzliche Kost auf den Tisch. Gut, um das Gewicht zu halten, denn in den Wechseljahren verlangsamt sich der Stoffwechsel. Sie gibt Kochkurse für Frauen in den Wechseljahren, meist an Volkshochschulen, so dass die Kursgebühren erschwinglich sind. Gabriele M. überzeugt dabei vor allem, dass sie zusammen mit anderen und mit viel Spaß aktiv etwas für ihren Körper tun kann. Gemeinsam kochen, statt nur Tabletten einzunehmen, das ist nicht nur gesund, es hebt auch die Stimmung.

Auch wenn man die Wirkung von Lebensmitteln nicht mit der von Medikamenten verwechseln darf, ist auch Expertin Beate Schultz-Zehden sicher, dass eine gute Ernährung das Körpergefühl in den Wechseljahren verbessert. Ausgewogene Küche mit vielen Vitaminen empfiehlt sich ohnehin, nicht nur während des körperlichen Umbruchs. Ausreichend Calcium stärkt die Knochen und beugt Osteoporose vor. Dagegen umstritten: Soja und andere Phytoöstrogene im Essen. „Also Soja allein bringt nichts“, urteilt die Wechseljahrsexpertin. „Meines Erachtens ist auch eine spezielle Wechseljahrsküche nicht notwendig sondern möglichst wenig Fleisch. Stattdessen viel Obst und Gemüse, also alles, was man unter einer gesunden Ernährung versteht, das empfiehlt man in den Wechseljahren.“ Gesund aber nicht teuer – Gabriele M. beherzigt das bereits.

Die Wechseljahrsberaterin

Trotzdem sucht sie nach wie vor Hilfe bei einem Problem, das einige Frauen während der Wechseljahre plagt: Endlich will sie mit jemand kompetentem über ihre Schlafstörungen reden. Wir begleiten sie zur Wechseljahrsberaterin. Ein neuer Berufszweig, der sich ganz der Frau und ihrer Orientierung in der neuen Lebensphase widmet. Die ein- bis anderthalbstündige Beratung bei Ines Staps kostet zwischen 60 und 110 Euro. Wie gut die Wechseljahrsberaterinnen für ihre Aufgabe ausgebildet sind und was sie anbieten, ist allerdings nicht immer gleich. Auf der Suche nach der passenden Beraterin muss das jede Frau selbst herausfinden. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. „Wechseljahrsberaterinnen können ja unterschiedliche Ausbildungen haben“, beschreibt Medizinpsychologin Schultz-Zehden den neuen Berufszweig. „Viele zum Beispiel haben eine pflegerische Ausbildung. Das kann auch eine andere Grundausbildung sein, aber sie müssen nicht zwingend ein Medizin- oder ein Psychologiestudium absolviert haben. Wenn es sich um medizinische Dinge handelt, dann ist es der Arzt, der berät, und wenn es sich um psychologische Dinge handelt, ist die Wechseljahrsberaterin möglicherweise an der ein oder anderen Stelle überfordert.“ Ob die Qualifikation der Beraterin den eigenen Bedürfnissen entspricht, muss geklärt sein. Wichtig also: Prüfen, wer berät, und was Frau auch ohne große Kosten selbst für sich tun kann.

Selbst etwas für sich tun

Frau steht am Ufer eines Sees und macht gymnastische Übungen

Bewegung hilft: Jede Frau muss selbst ihr eigenes Körpergefühl finden.

Yoga oder Sport zum Beispiel: Auch hier helfen nicht nur teure Kurse extra für die Wechseljahre, sondern fast jede Form der Bewegung. Wichtig ist, auf den Körper zu hören, ihm neben der Bewegung auch Ruhephasen zu gönnen und die richtige Art der Bewegung für sich selbst zu finden. Gabriele M. schwört darauf, ebenso wie die Wissenschaftlerin Beate Schultz-Zehden: „Ich habe in eigenen Studien herausgefunden, dass Frauen, die regelmäßig Sport treiben weniger von Wechseljahrsbeschwerden berichten. Es braucht keine ausdrücklichen Wechseljahrskurse, sondern jede Frau muss ihr eigenes Rezept finden, was ihr individuell gut tut, das eigene Körpergefühl zu entwickeln und zu verbessern. Und das kostet kein Geld, und bringt einen am besten durch die Wechseljahre.“

Stand: 06.04.2011, 13.35 Uhr