SENDETERMIN Do, 7.4.2011 | 22.00 Uhr

Operieren bis die Kasse stimmt

Pfusch an der Frau

Eine Gebärmutterentfernung ist eine Routineoperation, etwa 130.000 Mal pro Jahr wird sie in Deutschland durchgeführt. Viel zu oft, sagen Kritiker. Schon in den achtziger Jahren formierte sich der Arbeitskreis Frauengesundheit – ein Verband kritischer Gynäkologinnen – um auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Der Arbeitskreis zog damals viel Medien-Interesse auf sich und die Zahl der Operationen ging zurück. Doch mittlerweile hat sich der Trend umgekehrt. Da die Gebärmutterentfernung heute endoskopisch durchgeführt wird und damit nur ein kleiner Eingriff ist, sinkt die Hemmschwelle: Die Operation ist schnell beschlossen.

Myom muss entfernt werden

Der Grund für die Gebärmutterentfernung ist meist ein Myom, eine gutartige Wucherung, die erst Beschwerden verursacht, wenn sie zu groß wird. Aber um ein Myom zu entfernen, muss man heute eigentlich nicht mehr das ganze Organ entnehmen. Die Radiologie kennt zum Beispiel andere Wege. „Es gibt viele schonende Verfahren, Myome zu bekämpfen. Neben der Operation können wir mit Partikeln die Myome aushungern oder mit Ultraschall die Myome erhitzen und somit zerstören“, erklärt Mathias Matzko, Chef der Radiologie in den Dachauer Amper-Kliniken. Dort behandelt er Myome mit schonenden High-Tech Verfahren.#

Alternative: Ultraschallwellen im CT

Blick vom Kontrollraum in den Laborraum mit dem Computertomographen.

Schonend aber nicht schmerzfrei: Im CT wird ein Myom mittels Ultraschallwellen ausgebrannt.

Davon profitiert eine junge Patientin, die wegen eines fast faustgroßen Myoms in die Klinik gekommen ist. Sie wird in den Computer-Tomographen gefahren. Die Bilder, die der Apparat liefert, zeigen, dass die Wucherung fast die ganze Gebärmutter ausfüllt. Die Behandlung beginnt. Mehrere Stunden bleibt die Patientin in dem beklemmend engen Tomographen: Keine Behandlung für Menschen mit Platzangst. Ultraschallwellen werden auf das Myom gerichtet. In einem eng umgrenzten Brennpunkt steigt die Temperatur auf 70 Grad. Heiß genug, um das Myomgewebe zu veröden.

Patientin trägt die Kosten

Doch auch ein schonendes Verfahren bedeutet nicht, dass die Behandlung schmerzfrei ist. Die Patientin spürt ein heißes Stechen im Bauch. Erst nachdem sie stärkere Schmerzmittel bekommen hat, kann die Behandlung fortgesetzt werden. Auch der Preis dieser Behandlung könnte Bauchschmerzen verursachen, 4000 Euro die nicht von der Kasse getragen werden, kostet die Behandlung. Der große Vorteil: Die junge Frau behält die Gebärmutter und kann wieder schwanger werden.

Zweite Möglichkeit: Radiologischer High-Tech

Grafik: Schematische Darstellung einer Wucherung in der Gebärmutter, dessen versorgende Blutader mit weißen Kügelchen verstopft wird

Aushungern: Die Blutzufuhr des Myoms wird mit kleinen Kügelchen verstopft.

Diese Chance bietet das zweite High-Tech-Verfahren der Radiologen leider nicht, sie ist mit einer zu hohen Röntgenbelastung verbunden. Denn das Verfahren wird auf dem Röntgenschirm überwacht, die Eierstöcke sind dabei zu vielen Strahlen ausgesetzt. Aber für Frauen ohne Kinderwunsch ist die Behandlung ideal und in ihrer Einfachheit nahezu genial: Das Myom wird dabei buchstäblich ausgehungert und verkümmert. Zurück bleibt nur Narbengewebe. Am Kathetertisch werden dazu winzige Plastikkügelchen über einen Schlauch durch ein Blutgefäß in die Gebärmutter geleitet. An einer Abzweigung des Blutgefäßes, die nur das Myom mit Blut versorgt, werden die Kügelchen in das Myom gespritzt. Das Gefäß verstopft, das Myom hat verloren. Mit 3200 Euro ist dieses Verfahren auch nicht ganz günstig. Aber dafür ist eine Narkose nicht nötig und die Patientinnen sind schnell wieder auf dem Damm.

Für viele Frauen eine unnötige Operation

Portraitaufnahme Barbara Ehret-Wagener

Mangelnde Wertschätzung: Barbara Ehret-Wagener kritisiert die Respektlosigkeit ihrer Kollegen gegenüber der Gebärmutter.

Die High-Tech-Verfahren haben viele Vorteile, die nicht zu übersehen sind. Wie kann es sein, dass die Gynäkologen trotzdem so selten eine Patientin an ihre Kollegen aus der Radiologie überweisen? Etwa weil sie lieber ihre eigenen lukrativen Operationen durchführen? Die Entfernung der Gebärmutter bringt immerhin 3.300 Euro. Die Gynäkologin Barbara Ehret-Wagener, Gründungsmitglied des Arbeitskreises Frauengesundheit, hat den achtlosen Umgang deutscher Frauenärzte mit der Gebärmutter immer wieder angeprangert. „Es sieht so aus, dass zwei Drittel der Gebärmutterentfernungen medizinisch nicht indiziert sind, das bedeutet, dass sich jährlich 80.000 bis 90.000 Frauen jährlich den Strapazen einer Gebärmutterentfernung überflüssiger Weise unterziehen.“ Denn die Operationen sind auch ein Wirtschaftsfaktor, wie sie sagt: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass wenn die Operationen wegen gutartiger Erkrankungen wegfielen, ziemlich viele deutsche Kliniken schließen müssten.“

Der heiße Draht: neue Behandlungsmethoden

Und so werden Gebärmütter weiter dem Profit der Kliniken geopfert. Dabei kennen auch die Gynäkologen schonende und preiswerte Verfahren. Sitzt ein Myom in der Gebärmutter, kann die Wucherung mit einem heißen Draht Scheibe für Scheibe ganz einfach herausgeschält werden. Das Bild, das die Endoskopkamera liefert, wirkt bedrohlich: Eine glühende Schlinge, die sich durch das Gewebe frisst. Doch tatsächlich spürt die Patientin keinen Schmerz und kann noch am selben Tag das Krankenhaus verlassen. Zudem ist die Operation mit 900 Euro ausgesprochen günstig. Sitzt das Myom außen an der Gebärmutter wird in der Bauchhöhle operiert. Eine Elektroschlinge wird um das Myom gelegt und langsam zusammen gezogen, die Wucherung wird abgetrennt und abgesaugt, die Wunde verödet. Auch dieser Eingriff bringt lediglich 1500 Euro in die Kassen der Gynäkologen.

„Ich glaube, dass die Gebärmutter bei den Gynäkologen nicht sehr viel Respekt genießt. Das ist ein Hohlmuskel, der krebsgefährdet ist und wichtig ist für die Fruchtbarkeit – das ist klar – aber danach scheint er relativ überflüssig zu sein“, prangert Barbara Ehret-Wagener die Einstellung ihrer Kollegen an. So bleibt die Gebärmutter ein umkämpftes Objekt medizinischer Wertschöpfung. Gynäkologen verdienen an der Totaloperation am meisten und Radiologen lassen sich ihre High-Tech-Apparate teuer bezahlen.

Stand: 04.04.2011, 18.09 Uhr