SENDETERMIN Do, 7.4.2011 | 22.00 Uhr

Zur Unterleibsoperation gedrängt

Pfusch an der Frau

Traurig aber wahr: Immer noch wollen Gynäkologen zu viele Gebärmütter oder Eierstöcke entfernen, obwohl das gar nicht nötig ist. Doch die Operation gilt als unkompliziert und viele Frauenärzte meinen noch immer: Wenn die Phase der Familienplanung beendet ist, haben diese Organe ihre Schuldigkeit getan. Dann stellen sie nur noch ein Risiko für eine Krebserkrankung dar.

Etwa 130 000 Mal wurde die Gebärmutter und 30 000 Mal die Eierstöcke im Jahr 2010 in Deutschland entfernt. Kritiker sagen, in 90 Prozent der Fälle läge kein zwingender medizinischer Grund vor. Wir haben zwei Frauen gefunden, die für Odysso über ihre negativen Erfahrungen mit der Gynäkologie berichten.

Gebärmutterentfernung aus Krebsprophylaxe

Buchumschlag mit dem Titel "Gebährmutterentfernung", dahinter tippen Finger auf einer Computertastatur

Routine-OP: Viel zu schnell wollen Ärzte die Gebärmutter entfernen.

Jutta W. hat einen medizinischen Verlag in Würzburg. Seit über neun Jahren beschäftigt sie sich mit Themen rund um die Frauengesundheit. Wahrscheinlich hat ihr das sehr geholfen. Bei einer bizarren Geschichte, die sie vor drei Jahren mit ihrem Gynäkologen erlebt hat. Sie war bei ihm zur Vorsorge. Zunächst schien alles normal. Doch als sie die schriftlichen Ergebnisse abholt, erklärt ihr Gynäkologe, sie sei ernsthaft krank: „Er sagte, ich habe dieses Krankheitsbild, also diese schwere endozervikale Dysplasie, die ja eine Vorstufe zum Gebärmutterhalskrebs ist. Und er hat mir dabei massiv geraten, schnellstmöglich und sofort einen operativen Eingriff vornehmen zu lassen. Mit dem Hinweis, dass dabei auch die Entfernung der Gebärmutter in Betracht zu ziehen ist.“

Die Patientin schöpft Verdacht

Zu geschäftstüchtig scheint Jutta W. das Gebaren des Gynäkologen, der die OP selbst durchführen will. Aber natürlich bleiben Zweifel, bleibt die Angst. Was, wenn sie doch eine Vorstufe von Krebs hat? Ihr ist klar: sie muss die Diagnose überprüfen lassen. Die Verlegerin lässt ihre schlimme Diagnose von drei Gynäkologen prüfen. Keiner der Ärzte findet eine Vorstufe von Krebs: Alles normal. Und das, wo ihr Gynäkologe von einer brandgefährlichen Situation gesprochen hatte. Man merkt ihr noch heute die Empörung an, ja die Fassungslosigkeit, wenn sie darüber spricht: „So festzustellen, ja, dass hier wirklich ein Arzt lügt. Und zwar mit Absicht, das war schon schockierend – und fast unglaubwürdig. Also es war schwer, seiner eigenen Wahrnehmung zu trauen, dass ein Arzt tatsächlich sowas macht.“

Medizinische Gründe bleiben im Dunkeln

Der Gynäkologe hätte mit dem unnötigen Eingriff ein paar hundert Euro verdient. Die Medizin-Verlegerin hat das Täuschungsmanöver durchschaut. Doch wie viele Frauen mögen schon Opfer von solchen überflüssigen Operationen geworden sein? Sie konfrontiert ihren Arzt mit den Diagnosen der anderen Gynäkologen und plant, vor Gericht zu gehen. Aber entscheidet sich dann doch um: „Es wäre einfach sehr schwer gewesen, die Absicht nachzuweisen. Er hätte immer sagen können: Sorry, die Assistentin hat einen Fehler gemacht, die Sekretärin hat sich vertan oder was auch immer – Da hat mir mein Anwalt geraten, von einer gerichtlichen Auseinandersetzung abzusehen.“

Gebärmutter aus Sicht der Ärzte überflüssig

Der zweite Fall: Die Geschichte der Heilpraktikerin Olga W. Vor dreißig Jahren – sie war erst 31 – wurden bei ihr Zysten an den Eierstöcken entdeckt. Der Gynäkologe entfernte auf ihre Bitte hin erst nur den Eierstock, der besonders schwer betroffen war. Sie erinnert sich, dass der Arzt nach der OP ankündigte „... dass wir uns bald wieder sehen würden. Damit hat er leider Recht gehabt. Und ein Jahr später war dann die zweite OP. Jetzt wurde der andere Eierstock entfernt. Und dann haben sie auch gleich die Gebärmutter mit entfernt, weil die aus ärztlicher Sicht dann ja sowieso keinen Zweck mehr erfüllte.“ Die Eigenmächtigkeit des Gynäkologen hat Olga W. tief verletzt.

Folgen für den Hormonspiegel

Außerdem gab es vor der Operation keine ausführliche Beratung. Nicht über die Folgen des Hormonmangels, der nach der OP auftreten musste. Schließlich sind Eierstöcke und Gebärmutter zwei wichtige Organe, die den Hormonspiegel des Körpers regulieren. Und zwar auch noch nach den Wechseljahren. Die Folgen spürte Olga W. schon unmittelbar nach der OP, wie sie sagt: „Insbesondere nach der zweiten OP hat es sehr sehr lange gedauert, bis ich mich erholt habe. Ich fühlte mich sehr kraftlos und ich hatte alle möglichen Beschwerden von Hitzewallungen, Herzrhythmusstörungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen. Ich hab dann verschiedene Hormonpräparate ausprobiert, die es teilweise verschlimmerten. Teilweise hab ich gar nichts gemerkt. Bis es dann ein Präparat gab, wo sich ein Befindlichkeitspegel einstellte, mit dem ich zu damaliger Zeit einigermaßen leben konnte."

Operation führt zu Energietief

Frau läuft im Sonnenschein an einem Strand entlang

Ignorant: Um die seelischen Folgen einer Gebärmutterentfernung kümmern sich die behandelnden Ärzte nicht.

Die Heilpraktikerin hat gelernt, mit den Folgen der totalen Unterleibs-OP zu leben. Meditation hat dabei geholfen, das Energiedefizit abzufedern, dass der Hormonmangel bei ihr verursachte. Ärzte, bei denen sie Rat suchte, haben ihre Probleme nicht ernst genommen: „Es war eher im Gegenteil so: Wenn ich mit diesem Thema zu einem Arzt ging, wurde ich mehr oder weniger belächelt und als überempfindlich hingestellt.“ Erst im letzten Jahr fand sie eine Gynäkologin, die ihr eine individuelle Hormontherapie zusammenstellte. „Seitdem bekomme ich diese Testosteronbehandlung. Damit geht es mir zunehmend besser. Ich bin wieder zuversichtlich und habe wieder ganz viel Lebensmut.“

Zwei bittere gynäkologische Geschichten. Von Ärzten, denen es nicht zuerst um das Wohl ihrer Patientinnen ging. Leider – so zeigt die Rückmeldung aus Beratungsstellen für Frauengesundheit – sind das keine Einzelfälle.

Stand: 06.04.2011, 11.46 Uhr