Die Reportage mit Lena Ganschow | Ungewöhnliche Methoden in der Medizin
aus der Sendung vom Donnerstag, 27.1.2011 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Schrilles Bohrerfiepen, glucksende Absauggeräusche, unangenehmer Desinfektionsgeruch. Vielen Menschen treibt diese Kombination augenblicklich den Schweiß auf die Stirn, denn die wenigsten von uns gehen wirklich gern zum Zahnarzt. Doch was, wenn Menschen echte Panik vorm Zahnarzt haben und sich aus Angst jahrelang nicht behandeln lassen? Um ihnen zu helfen, bleiben Ärzten oft nur ungewöhnliche Methoden. Unsere Reporterin Lena Ganschow hat sich angeschaut, was unter Hypnose alles möglich ist.
Die junge Frau, die Lena während ihrer Behandlung in der Praxis von Dr. Albrecht Schmierer in Stuttgart begleiten darf, hat einiges vor sich. Sie hat panische Angst vor dem Bohrer, zuckt sogar schon zusammen, wenn nur irgendwo jemand eine Bohrmaschine bedient, erzählt sie. Deswegen war sie sehr lange nicht beim Zahnarzt. „Ich weiß schon gar nicht mehr, wann das letzte Mal war“, sagt sie. Doch jetzt müsse es einfach sein, schließlich sei sie noch jung.
Fast der gesamte Oberkiefer der Patientin muss saniert werden, zahlreiche Wurzelbehandlungen inklusive. Da sie sich jedoch wohl nicht einmal zum Zahnsteinentfernen freiwillig in den Behandlungsstuhl setzen würde, wollen Dr. Schmierer und sein Team versuchen mit Hypnose ihre Angst soweit zu lösen, dass sie sie normal behandeln können.
Zunächst scheint der Versuch zu scheitern, denn kaum hat die junge Frau das Behandlungszimmer betreten, laufen ihr auch schon die Tränen über die Wangen. Doch ganz behutsam beginnt Dr. Schmierer mit der Einleitung der Hypnose und lässt nach und nach mit klarer, ruhiger Stimme vor ihrem inneren Auge friedliche Bilder auftauchen. „Sie gehen hinaus aus diesem Raum, aus dieser Zeit, in ein wunderbares inneres Erleben, das so schön und so interessant ist, dass Sie das, was wir hier machen, gar nicht so mitkriegen“, sagt er. Zusätzlich bekommt die Patientin über Kopfhörer beruhigende Musik zu hören.
Während einer Hypnose wird der Mensch in einen Zustand versetzt, in dem er alles um sich herum vergisst – ähnlich wie ein ins Spiel vertiefte Kind. In dieser so genannten Trance bewegt er sich in einem imaginären Raum, wo er sich wohlfühlt, und alles Unangenehme wird ausgeblendet. Der Puls ist in der Regel ruhig, der Blutdruck niedrig, die Muskulatur locker, und dennoch nimmt ein Mensch unter Hypnose alles um sich herum wahr und reagiert auch. Allerdings empfindet man äußere Reize nicht oder anders als im Wachzustand. Generell funktioniert Hypnose nur, wenn man sich darauf einlässt.
Die junge Frau im Behandlungszimmer von Dr. Schmierer lässt sich darauf ein. Ihre Angst scheint zu schwinden und nach wenigen Minuten ist es so weit: Die Patientin ist so entspannt, dass sie sich behandeln lässt. Immer wieder stöhnt sie dabei wie vor Schmerzen. Für Außenstehende ist das befremdlich, offenbar aber normal, erfährt Lena Ganschow: „Wir hatten oftmals auch Leute, die geschrien haben“, erklärt Gudrun Schmierer, „und hinterher wussten sie es gar nicht mehr.“
Lena kann sich nicht vorstellen, dass allein durch Hypnose Angst und Schmerz so weit reduziert werden können, dass im Wachzustand unmögliche Dinge auf einmal möglich werden. Deswegen wagt sie den Selbstversuch: Unter Hypnose soll ihr eine millimeterdicke Kanüle durch den Handrücken gestochen werden.
Tatsächlich gelingt das Experiment: Unter Hypnose bekommt Lena zwar mit, dass die Nadel durch ihre Haut geschoben wird. Schmerz empfindet sie jedoch nicht. Und auch die junge Frau, die nach Jahren das erste Mal wieder beim Zahnarzt war, traut ihren Augen nicht. Als sie nach der Behandlung in den Spiegel schaut strahlen ihr neue weiße Zähne entgegen. „Es hat sich auf jeden Fall gelohnt“, sagt sie. So würde sie sich immer wieder behandeln lassen.
Letzte Änderung am: 27.01.2011, 12.04 Uhr