Die Reportage mit Lena Ganschow | Bürger gegen Öko
aus der Sendung vom Donnerstag, 20.1.2011 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Muskelverbrennungen in Wade, Oberschenkel und Herz, Kreislaufprobleme, ein gelähmter Arm, ein verdrehter Fuß. So unglaublich es klingen mag: Der Feuerwehrmann, der sich all diese Verletzungen bei einem Löscheinsatz im nordrhein-westfälischen Rösrath zuzog, hatte Glück. Er kam mit einer Photovoltaik-Anlage in Kontakt. Dabei gingen 400 Volt durch seinen Körper. Er hätte sterben können. Ist dies ein tragischer Einzelfall oder sind Photovoltaik-Anlagen tatsächlich eine nicht beherrschbare Gefahr für die Feuerwehr? Unsere Reporterin Lena Ganschow ist der Frage nachgegangen und hat dabei die Freiwillige Feuerwehr Filderstadt bei einer Übung begleitet.
Ohrenbetäubend dröhnt der Alarm durch das Feuerwehrhaus in Filderstadt. Wie im Ernstfall springen die Einsatzkräfte augenblicklich in ihre Fahrzeuge und verlassen mit Blaulicht und Sirene die Garage. Ziel: Ein Gemüsehof in der Nachbarschaft. Dort, so dass Übungsszenario, soll eine Scheune in Flammen stehen, mit einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach. "Das ist ein Problem”, erklärt Einsatzleiter Jochen Thorns, "die Leitungen haben zwischen 100 und 1000 Volt Gleichspannung. Da besteht Lebensgefahr!"
In einer Photovoltaik-Anlage wird Sonnenenergie in elektrische Energie umgewandelt sobald Licht auf die Module fällt. Am so genannten Wechselrichter der Anlage wird die erzeugte Gleichspannung dann in Wechselspannung umgewandelt, damit sie anschließend in das öffentliche Stromnetz eingespeist bzw. für den Eigenbedarf genutzt werden kann.
Das Problem: Die meisten Photovoltaik-Anlagen lassen sich nicht abschalten, sondern produzieren permanent Strom. Selbst wenn die Anlage eine so genannte Freischaltstelle besitzt, die häufig in den Wechselrichter integriert ist, kann man sie nur teilweise stromlos machen: Die Anlagenteile von den Modulen bis zur Freischaltstelle stehen auch nach dem Abschalten weiter unter Strom. Photovoltaik-Anlagen, die vor 2006 gebaut wurden, haben meist nicht einmal eine Freischaltstelle, da diese vor 2006 nicht verpflichtend war. Das Nachrüsten solcher Anlagen ist freiwillig.
Vor Ort angekommen, erkundet Einsatzleiter Jochen Thorns zunächst die Lage. "Was ist passiert?", fragt er die Hofbesitzerin Beate Hörz. "Es brennt in der Halle da drüben und ich glaube einer meiner Leute fehlt", erklärt sie, "der ist da wahrscheinlich noch drin." "Ist denn das Gebäude stromlos geschaltet?", will Jochen Thorns wissen. "Wir haben eine Solaranlage und die ist natürlich an. Das heißt, da ist noch Strom drauf." Komplett abschalten könne man die Anlage nicht, es gäbe aber eine Freischaltstelle. Ob die Feuerwehr dennoch in die Scheune müsse, will Lena wissen. Immerhin sei das wegen des Stroms ja lebensgefährlich für die Einsatzkräfte. "Ja", antwortet Jochen Thorns, " wir müssen auf jeden Fall eine Menschenrettung durchführen."
Zunächst begibt sich Jochen Thorns mit einem seiner Feuerwehrkollegen zum Wechselrichter hinter der Scheune, um dort an der Freischaltstelle die Photovoltaikanlage wenigstens teilweise stromlos zu schalten. Warum sie das zu zweit machten, will Lena wissen. Für das Abschalten sei eine Elektrofachkraft vorgeschrieben, erklärt Jochen Thorns. Glücklicherweise sei einer seiner Kollegen dazu befugt. Ist keine Elektrofachkraft in der Feuerwehrmannschaft, muss sie erst von außen dazu gerufen werden. Im Ernstfall gehen dadurch wichtige Minuten für die Rettungsarbeiten verloren.
Zurück vor der Scheune, löscht die Mannschaft von Jochen Thorns bereits. Sind Wasser und Strom nicht ein lebensgefährlicher Mix, fragt Lena. Nicht, wenn ein Sprühstrahl verwendet und bei den Löscharbeiten der vorgeschriebene Sicherheitsabstand von fünf Metern eingehalten werde, sagt Jochen Thorns. Der ist sowieso sinnvoll, um sich vor möglicherweise herabstürzenden Solarmodulen zu schützen. Die können sich durch einen Brand aus den Verankerungen lösen und zu Boden fallen. Eine weitere Gefahr droht, wenn die Einsatzkräfte das Dach des brennenden Gebäudes betreten müssen, denn Solarmodule erhöhen die Dachlast. Das kann dazu führen, dass der Dachstuhl schneller einstürzt, als ohne Photovoltaik-Anlage.
Als nächstes muss die Mannschaft von Jochen Thorns in die Scheue, um die vermisste Person zu bergen. Dabei ist Vorsicht geboten, weil die genaue Leitungsführung von Photovoltaik-Anlagen oft nicht zu erkennen ist, da es keine verbindlichen Bauvorschriften für Photovoltaik-Anlagen gibt. Freigebrannte, herunterhängende Leitungen können daher schnell eine tödliche Gefahr für die Einsatzkräfte werden. Bei einem Brand im ostfriesischen Schwerinsdorf im Februar 2010 hat der Einsatzleiter entschieden, ein Haus mit einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach nicht von innen zu löschen. Das Risiko, einen elektrischen Schlag zu bekommen, sei zu groß gewesen, so seine Begründung.
Für Jochen Thorns sind Fälle wie der in Ostfrisland die Ausnahme: "Wir löschen immer. Der Strom von Photovoltaik-Anlagen ist nur eine Gefahr von vielen." Auch der durch einen Stromschlag verletzte Feuerwehrmann aus Rösrath ist für Jochen Thorns zwar tragisch, aber ein Einzelfall. Meist würden dabei die Unfallverhütungsvorschriften nicht eingehalten oder die Lage falsch beurteilt. “Die Photovoltaikanlage ist in den seltensten Fällen schuld", so der Einsatzleiter.
Jochen Thorns schickt Lena und seine Mannschaft also in die Scheune. Atemschutz ist dabei Pflicht. Innen ist die Lage, wie bei einem wirklichen Einsatz, aufgrund des starken Rauchs unübersichtlich. Zum Glück ist die vermisste Person schnell gefunden. Die Übung kann erfolgreich beendet werden.
Damit alle Einsätze bei Bränden mit Photovoltaikanlagen so problemlos wie möglich ablaufen, hat Jochen Thorns einige Tipps für die Besitzer. Seit einiger Zeit stellten verschiedene Firmen so sogenannte Lasttrennschalter her, mit denen Photovoltaik-Anlagen komplett stromlos geschaltet werden können. Dafür wird meist an den Modulen eine Unterbrechung angebracht und über eine Zusatzleitung mit einem Ausschalter verbunden.
Bei einem Brand, kann der Besitzer oder die Feuerwehr die Anlage dann per Knopfdruck vollständig abstellen. "Das ist auch eine Forderung des Deutschen Feuerwehrverbandes, diese Schalter überall zu installieren", sagt Jochen Thorns. Das hätte den Vorteil, dass die Gefahr durch elektrischen Strom für die Feuerwehr nicht mehr gegeben sei, sie Zeit sparten und schneller löschen könnten.
Damit sich die Feuerwehrleute wenn nötig Zugang durch die Dachhaut verschaffen können bzw. an den Brandherd heran kommen, empfehlen Experten zudem einen Abstand zwischen den einzelnen Modulen von 15 Zentimetern. Dadurch bliebe die Dachfläche teilweise offen. Doch solche Brandschneisen kosten Geld, da dadurch weniger Module aufs Dach passen und mehr Halterungen montiert werden müssen. Deswegen würden sie selten gebaut.
Schließlich hat die Freiwillige Feuerwehr Filderstadt noch die so genannte Photovotaik-Infokarte entwickelt, die auf ihrer Internetseite kostenlos heruntergeladen werden kann. Darauf könnten alle für die Feuerwehr wichtigen Informationen wie Leitungsführung und Lage des Wechselrichters zusammengefasst werden. Die ausgefüllte Karte sollte irgendwo gut sichtbar und zugänglich aufbewahrt werden, so dass die Feuerwehr im Ernstfall schnell Zugang dazu hat. "Eigentlich sollte jeder Photovoltaik-Anlagenbesitzer so eine Karte haben", sagt Jochen Thorns. Daher würde die Freiwillige Feuerwehr Filderstadt jetzt auch alle Haushalte in der Umgebung angehen und die Karte empfehlen. Immerhin geht es im Zweifel um Menschenleben.
Lena Ganschow | Harald Brenner
Letzte Änderung am: 20.01.2011, 12.55 Uhr