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Fernsehen im SWR

Sind Männer Gesundheitsmuffel?

Abzocke im Gesundheitswesen

aus der Sendung vom Donnerstag, 9.12.2010 | 22.15 Uhr | SWR Fernsehen

Es ist noch nicht lange her, da waren 90 Prozent der Arbeit in unserer Zivilisation menschliche Muskelarbeit. Ob in der Industrie oder der Landwirtschaft: Arbeit bedeutete vor allem für Männer harte körperliche Strapazen. Und die verlangte Muskelkraft war schweißtreibend. Das hat sich grundlegend geändert, Maschinen machen den Job. Ob Mähdrescher oder Industrieroboter. Männer müssen sich nicht mehr abrackern. Ein typischer Arbeitsplatz heute: ein Bürostuhl und ein Computer. Fingerarbeit statt Handarbeit. Darunter leidet die Gesundheit.

Männer sind „Entlastungs-Profis“

Für die Gesundheit ist das ein echtes Problem, klagt Martin Halle, Sport- und Präventionsmediziner an der Technischen Universität München. Er sagt, dass vor allem Männer dazu neigen, ihren Körper gefährlich zu unterfordern: „Früher war´s noch so: Unsere Vorfahren sind noch 20 bis 30 Kilometer pro Tag gelaufen – dem Mamut davon, dem Hasen hinterher. Aber heute: 800 Meter bewegt sich der Deutsche noch pro Tag. Das reicht einfach nicht aus, um unseren Organismus auf Fahrt und uns gesund zu halten.“ Tatsächlich sind vor allem Männer „Entlastungs-Profis“. Sehr viele haben körperliche Anstrengung praktisch komplett aus ihrem Leben verbannt. Sie fahren Auto, Aufzug, Rolltreppe und reduzieren den körperlichen Einsatz auf ein Minimum. Erschwerend kommt hinzu, dass Männer besonders sorglos mit ihrer Ernährung umgehen.

Verkürzte Lebensdauer

Zu viel, zu fett, zu salzig. Das ist mit ein Grund dafür, dass Männer fast sechs Jahre kürzer leben als Frauen. Und dass 133.000 Männer pro Jahr am Herztod sterben. Aber nur etwa halb so viele Frauen. Martin Halle wundert sich, angesichts dieser dramatischen Folgen über den ungesunden Lebenswandel: „Erstaunlich eigentlich, wie verantwortungslos die Männer in Deutschland sind, dass sie gar nicht auf ihren Körper, auf ihre Gesundheit achten. Damit fügen sie sich nicht nur selber Schaden zu, sondern auch der Solidargemeinschaft. Denn wenn man mal bedenkt, dass 30 Prozent aller Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise verhindert werden könnten, dann hat das enorme Bedeutung für unser Gesundheitssystem.“

Schluss mit den Sünden

Reinhold S. aus Mainz hat diese Zusammenhänge erkannt. Im Beruf sitzt er nur. Verkauft Wein per Telefon und Computer. Freizeitsport? Fehlanzeige! Seine Leidenschaft ist Knabberzeug. Viele Jahre hat er Salzstangen und Erdnusslocken in seinem Job einfach so nebenher „gefuttert“. Über hundert Kilo Körpergewicht hat ihm das eingebracht. Bei einer Körpergröße von 180 Zentimetern. Aber jetzt soll das anders werden. Schluss mit den Sünden, sagt er: „Ich hab mir vorgenommen, in einem Jahr 20 Kilo weniger zu wiegen. Und das geht auch nur, wenn ich den Sport konsequent durchziehe und auch von der Ernährung her einiges anders mache.“

Am Anfang stehen kleine Schritte

So hofft er auch den Bluthochdruck in den Griff zu bekommen. Reinhold S. ist motiviert, aber nicht zu ehrgeizig. Er hat sich im Fitnessstudio angemeldet und geht regelmäßig am Rheinufer spazieren. Dem Münchner Präventionsmediziner Martin Halle ist genau das wichtig: Auf dem Level einsteigen, das man sich zutraut: „Es ist extrem wichtig, dass man die Patienten nicht überfordert. Wir sehen das immer wieder. Da werden Barrieren aufgebaut. Dreimal 30 Minuten joggen. Am besten auch noch im Wald. Mit dem Versprechen: Dann werden Sie wieder gesund! Das kann´s nicht sein. Wenn man am Anfang zu viel will, dann gibt das nur Frustration und Blockaden. Und nach ein paar Wochen hören die Personen wieder auf. Und das kann ja auch nicht der Sinn der Aktion sein.“

Russisch Roulette in Zeitlupe

Reinhold S. fühlt sich wohl mit seinem Einstiegspensum in das aktive Leben. Aber warum hat er sich erst jetzt dafür entscheiden? Warum hat er Jahrzehnte Raubbau an seinem Körper getrieben? Seine Begründung: „Solange keine Beschwerden da sind, definitiv, ist man auch nicht bereit, etwas zu ändern. Es ist mir nicht aufgefallen. Ich hab einfach so in den Tag hineingelebt. Und erst als ich festgestellt habe, dass ich gesundheitliche Probleme bekam, habe ich angefangen, umzudenken.“ Übergewicht und Bewegungsmangel: Dass das Russisch Roulette in Zeitlupe ist, ist Reinhold S. erst klar geworden, als er Tabletten gegen den hohen Blutdruck nehmen musste. Die Umstellung des Lebensstils ist da definitiv die bessere Variante. Auch viel besser als Tabletten gegen das Infarktrisiko zu schlucken.

Gesunde Männer sparen Geld

Würden sich alle Männer für einen gesunden Lebensstil entscheiden, ließen sich ca. 30 Milliarden Euro Behandlungskosten pro Jahr sparen und über Hunderttausend Herztode pro Jahr vermeiden. Reinhold S. spürt schon jetzt, zwei Monate nach seinem Entschluss, sein Leben zu ändern, die positiven Auswirkungen: „Also ich fühl mich jetzt, nachdem ich angefangen habe, was zu tun, mich umzustellen, fühle ich mich deutlich besser. Ich kann beispielsweise drei Treppen hochgehen, ohne gleich Atemnot zu haben. Ich fühle mich nicht mehr so schnell müde, fühle mich insgesamt belastbarer. Ja, das ist positiv, finde ich.“

Schnell auf einem guten Weg

Die positiven Wirkungen stellen sich tatsächlich schnell ein, sagt der Präventionsmediziner Martin Halle: „Der Stoffwechsel verbessert sich nach zwei bis drei Wochen, die Gefäßsteifigkeit nach zwei Monaten. Und das Risiko nach einem Jahr sinkt so ungefähr um zehn Prozent, für Herzinfarkt und Schlaganfall. Also man kann in relativ kurzer Zeit sein Risiko reduzieren.“ Und mit einem Lächeln fügt er hinzu: „Warum fängt man es nicht einfach an?“ Reinhold S. hat es angefangen. Er ist froh über seine Entscheidung. Und er zeigt: auch mit 59 Jahren kann Mann sich noch für den Weg der Gesundheit entscheiden.

Frank Wittig

Letzte Änderung am: 09.12.2010, 12.42 Uhr