aus der Sendung vom Donnerstag, 9.12.2010 | 22.15 Uhr | SWR Fernsehen
Johannes Probst ist Landarzt im Schwarzwald. Mehrmals die Woche ist er mit seinem Geländewagen unterwegs zu Hausbesuchen. Das kostet viel Zeit, bringt aber kaum etwas ein. „Der Hausbesuch wird in den Budgets fast gar nicht mehr honoriert,“ sagt Dr. Probst. „Den erbringen wir, wenn wir die übrigen Leistungen, die in unserem Budget drinstecken, abziehen, für zwei oder drei Euro. Ein Hausbesuch ist heute nicht wirtschaftlich zu erbringen.“
Bei den Hausärzten wird nicht jeder Handgriff einzeln bezahlt – es gibt ein Budget: rund 50 Euro pro Quartal und Patient1. Blutentnahme, Untersuchung, Hausbesuch – alles inklusive. Johannes Probst findet das ungerecht, denn viele seiner Ärztekollegen haben da ganz andere Möglichkeiten Geld zu verdienen.
„Ein Radiologe, der ein Computertomogramm von der Halswirbelsäule anfertigen soll, kriegt pro Schicht einen bestimmten Ertrag", sagt Johannes Probst. „Dieser Ertrag bildet sein Honorar letztendlich, nach Abzug seiner technischen Leistungen oder Verpflichtungen. Bei den Hausärzten sind viele Aktivitäten nicht in einem Honorar abgebildet. Die Arbeit spiegelt sich nicht wieder in dem Honorarsystem.“
Dabei regeln die Ärzte selbst, wie das Geld verteilt wird, zusammen mit den Kassen. In vertraulichen Verhandlungen haben sie ausgemacht: Jeder Arzt soll 105.000 Euro2 im Jahr bekommen, wenn er nur gesetzlich Versicherte behandelt. 105.000 Euro brutto: Das heißt die Kosten für Geräte und Praxis sind bereits abgezogen. Ebenso die Personalkosten für seine Mitarbeiterinnen. Soweit die Theorie. Aber was kommt nach dem langen Weg durch die Abrechnungsbürokratie tatsächlich bei den Ärzten an?
Hans-Dieter Nolting ist Gesundheitsexperte im renommierten IGES Institut. Er hat untersucht, wie viel Ärzte dieses Jahr tatsächlich verdienen: „Ärzte und Krankenkassen haben sich darauf geeinigt, dass ein Arzt, der 50 Stunden in der Woche nur gesetzlich Krankenversicherte behandelt, einen Betrag von ungefähr 105.000 Euro pro Jahr verdienen soll," erklärt Hans-Dieter Nolting. „Und wir haben in unserer Studie nun untersucht, ob das tatsächlich der Fall ist und haben festgestellt, es sind ungefähr 121.000 Euro im Durchschnitt, die die Ärzte verdienen. Kommen dann noch die Einnahmen von Privatversicherten, sonstige Einnahmen und ähnliches dazu. Das macht ungefähr in der Summe 165.000 Euro so genannter Reinertrag der Praxis pro Jahr.“ 165.000 Euro brutto im Jahr. Ist das viel? Ist das angemessen? Schwer zu sagen – versuchen wir es mit einem Vergleich. Wie viel verdienen denn normale Arbeitnehmer?
Die Verteilung der Brutto-Einkommen, so wie sie das Statistische Bundesamt ermittelt hat, ergeben rund 40.000 Euro Durchschnittsverdienst der Arbeitnehmer. Also der Menschen, die mit ihren Krankenversicherungsbeiträgen die Honorare der Ärzte bezahlen. Die Ärzte verdienen mit großem Abstand deutlich mehr. Sie verdienen mehr als knapp 99 Prozent aller Arbeitnehmer. Aus dieser Perspektive mag man sich über das Klagen der Ärzte wundern – aber: Längst nicht alle bekommen tatsächlich so viel Geld. „Also im Grundsatz ist der Honorartopf da, so dass jeder Arzt diesen Durchschnittsbetrag von 121.000 Euro eigentlich bekommen könnte", sagt Hans-Dieter Nolting vom IGES Institut. „In der Wirklichkeit ist es aber so, dass es große Unterschiede gibt. Einige Ärzte verdienen deutlich mehr als diese 121.000 Euro und einige deutlich weniger."
Nun ist es so, dass Ärzte mitbestimmen können, wie die Honorare verteilt werden. Sie wären daher in der Lage zum Beispiel die Situation dahingehend zu verändern, dass diese Unterschiede deutlich geringer werden. Das würde allerdings bedeuten, dass man den Ärzten, die hier deutlich höhere Einkommen erzielen, etwas nehmen müsste, um denjenigen, die unten liegen, das Geld geben zu können. Das ist natürlich ein Vorgehen, was insgesamt immer sehr unbeliebt ist, jemandem etwas zu nehmen, was er schon hat. Weshalb man eher dafür plädiert, insgesamt den Gesamttopf zu erhöhen. So werden die unten Stehenden etwas zufriedener. Die Unterschiede bleiben zwar bestehen, aber immerhin man hat hier für alle etwas mehr herausgeholt. Da liegt die Frage nah: Und wer bezahlt das dann? „Das bezahlen die Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen natürlich", sagt Nolting.
Radiologen kommen zum Beispiel auf einen Durchschnittsverdienst von 264.000 Euro brutto im Jahr – so die Zahlen des Statistischen Bundesamtes4. Allgemeinärzte kommen dagegen gerade mal auf 116.000 Euro. Der Radiologe bekommt also mehr als doppelt so viel. Die Ärzteschaft könnte das seit vielen Jahren selber ändern: Jeder niedergelassene Arzt könnte problemlos die ausgehandelten 105.000 Euro verdienen. Und das ist ja durchaus schon eine Menge Geld. „Es ist sicherlich nicht üppig", sagt Hausarzt Johannes Probst, „aber 105.000 Euro pro Jahr, nach Abzug aller Kosten, als zu versteuerndes Einkommen ist ein gutes Honorar.“ Eigentlich. Trotzdem wünscht er sich mehr. Immerhin arbeitet er rund 70 Stunden pro Woche. Johannes Probst ist wie viele seiner Hausarztkollegen unzufrieden. „Ich könnte mir vorstellen", sagt er, „dass durch ein gerechteres System mit Hilfe klug ausgerechneter Budgets, nicht derjenige mehr Geld verdient, der klug abrechnet, sondern der, der mit Hilfe seiner guten Arbeit einen hohen Patientenstamm hat.“ Was bedeutet das für die Geldverteilung innerhalb der Ärzteschaft? „Es käme zu einer Umverteilung", sagt Dr. Probst, „aber zu einer Patienten orientierten Umverteilung.“ Diese Umverteilung aber scheuen die Verantwortlichen – und so werden weiterhin die Versicherten zur Ader gelassen.
Letzte Änderung am: 09.12.2010, 18.37 Uhr