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Fernsehen im SWR

Zeitreise: Weinbautrends

Wein und Wahrheit

aus der Sendung vom Donnerstag, 4.11.2010 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Fast hat man ja den Eindruck, dass die Geschichte der Menschheit eine Geschichte des Weinbaus ist. Wahrscheinlich wurde der erste Wein schon 6000 vor Christus im antiken Persien getrunken. Unser Weinzeitalter beginnt aber eigentlich erst mit den alten Griechen, die den Weinbau im Mittelmeerraum verbreitet haben. Damals wurde der Wein gerne noch mit Kräutern und Gewürzen und Honig vermischt, manchmal sogar mit Meerwasser. Die Versuchung kann man verstehen, wenn hat an den heutigen süßen Retsina denkt. Schauen wir uns mal die Geschichte des Weinbaus in Deutschland an.

Zwanziger und dreißiger Jahre

Eine Weinlese 1920 wirkte idyllisch und beschaulich. Im Grunde war sie aber ein Knochenjob. Eine Alternative zur langwierigen Handarbeit gab es nicht. Auch noch moderat in Tempo und Dosierung: Die Schädlingsbekämpfung, bei der sich in den dreißiger Jahren allmählich modernere Maschinen durchsetzten.

Fünfziger Jahre

Dann das Wirtschaftswunder: Die junge Demokratie war auf dem Weg zum modernen Massenweinbau. Alles stand unter Druck und Dampf. Was da so an Spritzmitteln auf die Reben niederprasselt, interessierte keinen. Der Konsument kriegt, was er verdient, das war schon damals so. Ahrtal-Tourismus Ende der Fünfziger, das hieß: Nach der Maloche die verdiente Dröhnung – Viel und billig, wohl bekomms!

Manche jedoch sahen die Gefahren hinter der Massenerzeugung, z.B. Oskar Stübinger, Weinbauminister aus Rheinland-Pfalz: „Wir müssen vor allen Dingen auch erkennen, dass mit dem kommen der europäischen Marktwirtschaft der Weinbau sich auf die traditionellen Weinlagen zurückziehen wird und muss. Und ich halte es für verkehrt, wenn heute einer glaubt, obwohl wir jetzt im Augenblick eine gewisse Freiheit haben auf diesem Gebiet, er könnte überall Weinberge anlegen.“

Sechziger Jahre

Doch die Technik machte selbst in Steillagen unaufhaltsam Fortschritte. Natürlich begrüßten auch Qualitätswinzer Innovationen wie den Steilhangschlepper. So blieb auch Wein aus schwierigen Lagen bezahlbar. Doch in den technikverliebten Sechzigern wurde die Arbeitsrationalisierung zum Selbstläufer. Und damit war der Blindflug mancher Region in Richtung Billigwein-Image nicht mehr zu stoppen.

Siebziger und achtziger Jahre

Ein neues Weingesetz löste Anfang der siebziger Jahre das alte Weingesetz aus dem Jahre 1930 ab. Mit klaren Qualitätsstufen sollte das Gesetz in den Siebzigern zu einem neuen Aufbruch führen. Doch verbunden mit großen Flurbereinigungen war am Ende wenig gewonnen: Großlagen konnten immer einfacher bestellt werden; der Preis für Fasswein sank. Doch der Gegentrend kam: Ökowinzer beginnen mit Biospritzmittel und Diskussionsfreude ihre Vorstellung vom anderen Weinbau umzusetzen. Ökowein blieb zwar ein Nischenprodukt. Doch junge Winzer setzten in den Achtzigern wieder verstärkt auf Qualität und Handarbeit. Image und Aussichten für den deutschen Wein wurden langfristig besser: Das Umdenken trägt bis heute Früchte.

Oliver Wittkowski

Letzte Änderung am: 11.05.2011, 19.15 Uhr