Wiederholung vom 16. Juni 2009
aus der Sendung vom Donnerstag, 27.5.2010 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Kopfschmerz-Patienten geben jedes Jahr in Deutschland rund eine Milliarde Euro aus, um ihre Schmerzen mit Tabletten zu bekämpfen. Doch die Selbstmedikation kann böse Folgen haben. Eine aktuelle Studie des Forschungsministeriums hat gezeigt, dass sich bei häufigem Schmerztablettengebrauch das Risiko einer Chronifizierung verachtfacht. Das bedeutet: Der Kopfschmerz wird dauerhaft und es besteht außerdem die Gefahr, medikamentensüchtig zu werden.
Auch bei Mareike fing es vor drei Jahren damit an, dass sie zweimal im Monat Migräneanfälle bekam: „Ich habe einfach gedacht, okay, du hast ne Phase wo du momentan Kopfschmerzen hast und wichtig ist, dass ich so durch den Tag komme. Und ich habe mir gar keine Gedanken gemacht, habe halt einfach, um die Kopfschmerzen wegzubekommen, eine Tablette genommen. (...) Und dann habe ich noch eine genommen. Und dann noch eine. Die Tabletten hatte ich immer dabei, dass ich sie nehmen konnte, ohne dass halt jemand zusehen konnte.“
Vor einem Jahr kam ein neuer Schmerz dazu. „Es war so ein Druck auf dem Kopf, den man so hatte und der auch schleichend mehr wurde, aber ganz leicht anfing. Und es war auch keine Übelkeit dabei und keine Lichtempfindlichkeit, sondern einfach ein reiner Kopfschmerz. Am Anfang wirkt die Tablette für den ganzen Tag. Irgendwann reicht dann die Tablette nur für den halben Tag und irgendwann nur noch vielleicht für ein paar Stunden. Ich war letztendlich bei bis zu drei Tabletten am Tag“, , so die Kopfschmerz-Patientin.
Die Dauerkopfschmerzen blieben, Mareike befand sich in einem Teufelskreis: „Ich hatte überall meine Tabletten deponiert, ob hier zu Hause, unterwegs oder bei der Arbeit. (...) Ohne sie fühlte ich mich nackig. Manchmal sagt man ja, wenn Leute ein Handy nicht dabei haben fühlen sie sich nackig - bei mir waren es die Medikamente.“
Mareike erzählte niemandem von ihrer Sucht - auch nicht ihrem Partner: „Ich bin immer weniger raus gegangen, habe mich total zurückgezogen, auch gegenüber meinen Freunden. Hatte abends keine Lust mehr irgendetwas zu machen, im Haushalt habe ich nichts mehr gemacht und hab mein komplettes Leben eingestellt. Nach der Arbeit bin ich auf die Couch oder sogar gleich ins Bett.“
Auf Dauer konnte sie ihr Problem aber nicht vor ihrem Lebensgefährten verbergen: „Irgendwann habe ich sie dann mal angesprochen und da hat sie mir erzählt, dass sie doch eigentlich jeden Tag diese Tabletten nimmt und dass sie jeden Tag Kopfschmerzen hat. Und das war zunächst mal ein Schock für mich, weil damit hatte ich nicht gerechnet. Und dann habe ich sie gedrängt, etwas zu unternehmen.“
Nach einem halben Jahr Kopfschmerzen suchte Mareike Hilfe. Die Ärztin erkannte sofort, dass sie tablettenabhängig war und der Kopfschmerz von den Medikamenten verursacht war. Mareike litt unter einem „medikamenteninduzierten Kopfschmerz“, kurz MIK. Die Kopfschmerz-Therapeutin Dr. Astrid Gendolla erklärt: „Die Häufigkeit von MIK liegt bei ungefähr zwei Prozent. Das heißt, es gibt viele Menschen, die dieses Problem mit sich herumtragen. Vielen Menschen ist es nicht bewusst, dass Kopfschmerzmittel Kopfschmerzen auslösen. (...) Wenn Schmerzmittel eingenommen werden, lernt der Körper, wie bei einem Belohnungssystem, wenn ich ein Symptom habe, kommt die Belohnung: Kopfschmerzmedikament. Und der Körper - oder Strukturen im Gehirn - sind sehr schnell, dann wieder Schmerz zu produzieren, damit diese Belohnung wiederkommt.“
Es gibt nur eine Therapie: den Entzug. Mareike hat ihre Sucht bekämpft. Tagsüber wurde sie in der Klinik betreut, abends war sie zu Hause. Nach zwei Wochen hatte Mareike die Qualen des Entzugs überstanden und das Schmerzmittel war aus ihrem Körper verschwunden. Damit war ihr Dauerkopfschmerz endlich vorbei.
Die Migräne allerdings, mit der alles angefangen hat, blieb. Dagegen bekommt Mareike jetzt die richtigen, wirksamen Medikamente. Und auch nur, wenn es ihre Ärztin empfiehlt.
Mareike hat gelernt, mit ihrer Migräne zu leben. Sie hat gelernt, auf sich zu achten, nicht ständig unter Stress zu stehen und sich zu entspannen, bevor der Migräne-Anfall kommt.
Angela Sommer
Letzte Änderung am: 27.05.2010, 12.56 Uhr