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Fernsehen im SWR

Zeitreise: Rückenschmerzen

Kampf dem Rückenschmerz

aus der Sendung vom Donnerstag, 1.7.2010 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Sie werden als „die Epidemie des Jahrzehnts“ oder als „die Volkskrankheit Nummer 1“ beschrieben: Rückenschmerzen. Sie entstehen durch schmerzhafte Veränderungen der Wirbelsäule, durch Entzündungen, Tumore oder Verletzungen. Für die meisten Rückenschmerzgeplagten treffen diese Ursachen zum Glück nicht zu. Dennoch steigt die Zahl derer, die unter dem „Kreuz mit dem Kreuz“ leiden. Ein Phänomen unserer Zeit?

Krieg, Entbehrung und harte Arbeit

Harte Arbeit, Krieg, und Verzicht prägen die 40er Jahre. Wer rastet, der rostet, heißt es zwar – und der körperliche Einsatz stählt auch die Muskulatur. Doch wenn der Körper durch die Anstrengung immer wieder überlastet wird, oft verbunden mit Mangelernährung, hat das Konsequenzen: Unter solchen Bedingungen ist das Risiko groß, die Wirbelsäule zu überlasten und zu schädigen. Doch die Menschen haben in diesen harten Zeiten größere Sorgen. Es geht um die reine Existenz.

Wirtschaftswunder und Haltungsschäden

Das Wirtschaftswunder steht vor der Tür: Die Menschen haben wieder Zeit, sich mit der Gesundheit zu befassen. Dabei fällt auf, dass die Nachkriegsgeneration in den 50er und 60er Jahren offenbar ein Problem hat: Haltungsschäden. „Sie sind die Zivilisationskrankheit unserer Tage“, klagen Ärzte bereits in den späten 50ern. „Hängeschulter, Hohlkreuz, Verbiegung der Wirbelsäule: 45 Prozent aller Kinder leiden an Haltungsschwäche, Haltungsfehlern oder Haltungsschäden.“ Regelmäßig müssen sich nun an den Schulen die Jungen und Mädchen den kritischen Blicken der Schulärzte stellen. Am Bild, dass sich die Mediziner vom Rückgrat des Nachwuchses machen, hat sich auch in den 60er Jahren nichts geändert. „Die Haltungsschwächen unserer Schuljungen machen uns schulärztlich sehr viel Sorgen“, ist denn auch ein Schulmediziner in einem Abendschau-Beitrag Mitte der 60er Jahre zu vernehmen, „und zwar deshalb, weil wir davon überzeugt sind, dass aus den Haltungsschwächen später die Haltungsschäden resultieren. Das sind Rundrücken, Wirbelsäulenverbiegungen, Schulterschiefstände, abstehende Schulterblätter. Und aus diesen werden später, die Frühschäden an dem Bewegungsapparat, an den Gelenken, die zu einer frühzeitigen Schädigung und Bandscheibenschäden-Invalidisierung führen.“

Sport im Unterricht

Als Ursache wird von manchen Ärzten angenommen, dass die Kinder zu früh körperlich belastet werden, auf dem Land mehr als in der Stadt. Fest steht: Die Kinder müssen sich bewegen, um ihre Muskulatur und den ganzen Bewegungsapparat zu stärken. Von nun an wird Sportunterricht an Schulen wegen seiner „hohen gesundheitlichen Bedeutung“ wieder ganz groß geschrieben. Wenn auch oft unter einfachsten Bedingungen, in engen Kellerräumen oder auf asphaltierten Schulhöfen. Schulen mit eigenen Turnhallen werden in diesen Zeiten zum Vorzeigeobjekt. Denn die Erwachsenen von morgen sollen ohne Rückenleiden durchs Leben gehen.

Das Volksleiden

In den 80er Jahren haben sich Rückenschmerzen als Volkskrankheit etabliert. Ärzte haben mit diesem Problem gut zu tun. Der Strom der Patienten, die mit ihrer schmerzenden Wirbelsäule hadern, reißt nicht ab. Ärzte erkennen dies zunehmend als Folge steigender psychischer Belastung. Der Kampf gegen den Stress kommt in Mode, Psychotherapien verheißen Heilung vom Leid. Aber die Deutschen sind vor allem unbeweglich. Haltungsfehler und verspannte Muskulatur werden als Hauptursache entlarvt. Die Offensive dagegen heißt schonen und lockern.

Physiotherapeuten fordern von ihren Patienten schmerzende Bewegungen nach Möglichkeit zu vermeiden und vor allem auf die richtige Haltung zu achten. Diese Vorstellung von der gesunden geraden Haltung des Rückens wurde bereits in den 70er Jahren geboren. Die Grundidee: Stehen wir gerade mit der typischen Biegung im Brust- und Lendenbereich, hat die Wirbelsäule die ideale Haltung mit der geringsten Belastung von Wirbeln und Bandscheibe. In dieser Haltung sollten wir uns deswegen nicht nur bewegen, sondern – so das Credo in den 80ern – auch sitzen. Das muss erst gelernt werden: Rückenschulen boomen. Krankenkassen setzen auf Prävention und zahlen. Forderungen nach „Gerade sitzen“ und „Gerade halten“ brennen sich ins kollektive Gedächtnis.

Paradigmenwechsel

Doch die Theorie von der perfekten Haltung erweist sich als Sackgasse. Auch Ende der Neunziger Jahre bleibt der Rücken das Sorgenkind der Nation. Dafür steht eine neue Methode vor dem Durchbruch. Ihr Grundgedanke ist von erstaunlicher Schlichtheit: Wer Rückenschmerzen hat, der schont sein Kreuz. Die Folge: Die Muskulatur bildet sich zurück. Weil die Wirbelsäule dadurch an Stabilität verliert, nimmt der Schmerz weiter zu. Was also liegt näher, als die Rückenmuskulatur wieder aufzubauen? „Unser Therapieansatz ist praktisch genau das Gegenteil aller bisher üblichen Therapieformen: Nicht schonen, sondern belasten und kräftigen“, beschreibt ein Sportmediziner 1997 den neu eingeschlagenen Weg. Dieser Paradigmenwechsel wird sich durchsetzen. „Weil das einfach gar keine Krankheit ist, sondern ein schlechter Trainingszustand“, fassen es überzeugte Sportwissenschaftler zusammen.

Keine Schädigungen der Wirbelsäule

Tatsächlich hat der allergrößte Teil der Rückenschmerzgeplagten keine wirklichen Schädigungen an der Wirbelsäule. Viele Leidgeplagte sind von dieser Methode des gestärkten Rückens begeistert und werden zumindest für eine gewisse Zeit schmerzfrei. Der Trend greift rasch um sich. Die einst verspotteten „Mukkibuden“ mausern sich zu Fitnesscentern mit Breitensport-Charakter. Ausgefeilte Trainingseinheiten machen den Rücken zum Programm und stehen ganz oben auf der Angebotsliste. Rückenschmerzen sind schließlich allgegenwärtig, das Kreuz mit dem Kreuz ist erkannt und anerkannt. Die Maßnahmen dagegen entsprechend vielfältig. Die Parole vom starken Rücken hat die Nation fest im Griff. Und doch bleibt der Schmerz. Er hat sich längst als salonfähiges Leiden etabliert, das behandelt, gepflegt und auf eine gewisse Weise "belohnt" wird. Dieses Phänomen des schmerzenden Rückens wird allseits verstanden und gesellschaftlich akzeptiert.

Die Psyche

Die Angebote, dem Rückenschmerz zu begegnen, steigen – die Zahl der Rückeschmerzgeplagten auch. Fachleute sprechen von der so genannten Chronifizierung von Rückenschmerzen und forschen nach den Ursachen. Dabei rückt immer stärker das komplizierte Geflecht von Körper, Psyche und der sozialen Unterstützungssysteme in den Fokus der Wissenschaft. Der Kopf spielt eine große Rolle, wenn der Rücken sich schmerzend zu Wort meldet. Die psychische Dimension dieses Volksleidens erobert sich einen neuen Stellenwert.

Andrea Wengel

Letzte Änderung am: 11.05.2011, 18.24 Uhr